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Coronaregelungen: Schwaches Drehbuch

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Merkel und die wilde 16“ titelte Der Spiegel in der vergangenen Woche und zeichnete ein kurzweiliges Porträt des „wichtigsten Hinterzimmers der Republik“. Gemeint waren die 16 Ministerpräsidenten und ihre Treffen mit der Bundeskanzlerin zur Coronalage. Die „wilde 16“ könnte durchaus der Titel einer TV-Serie sein, in deren letzter Folge der Lockdown light verlängert wurde. Der Aufbau der einzelnen Folgen ist immer gleich. Bereits vor dem eigentlichen Plot – Tatort ist immer die blaue Wand der Pressekonferenz – finden vermeintlich geheime Vorgespräche statt. Vorabpapiere werden bekannt, Eifersüchteleien zwischen den Länderchefs und Streitigkeiten mit dem Kanzleramt sichtbar. Der nächste Akt ist das offizielle Treffen, von dem nicht selten live per Twitter berichtet wird. Der Plot bietet so kaum Neues, manchmal Verwirrendes. Die Spannung lässt nach. Für jede TV-Serie eine fatale Entwicklung. Denn mit dem Vertrauen der Zuschauer sinken auch die Einschaltquoten.

Mit jeder Folge der „wilden 16“ wird offensichtlich, dass die Kommunikation von Bund und Ländern in der Coronapandemie die Zuschauer ergo die Bevölkerung immer weniger erreicht. Die Zustimmungswerte für die Coronabeschränkungen sind noch hoch, sinken aber. Ein Fehler des Drehbuchs beginnt schon in den Tagen vor der Konferenz, wenn viele Ministerpräsidenten auf allen Kanälen verkünden, was sie für richtig halten. So funktioniert zwar grundsätzlich Politik, aber eher vor Wahlen. Nur geht es nicht um eine Wahl. Es geht darum, Vertrauen in der Bevölkerung zu schaffen. Vertrauen, das so wichtig ist, wenn die Bevölkerung die Einschränkungen weiter mittragen soll.

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Und dieses gewinnt man nicht, wenn das Drehbuch so verwirrend ist, das man am Ende nicht weiß, welche Beschränkungen warum, ab wann und wo gelten. Da die Länder die Beschlüsse noch anpassen, ist das Chaos perfekt. Unverständliche Regelungen befolgt man nicht. Man schaltet ab. Ein Drehbuch sollte zudem halbwegs realistisch sein, wenn es nicht um Science-Fiction geht. Weltfremde Szenen wie eine Ein-Freund-Regel (Gott sei Dank haben die Kinder mehr als einen Freund) oder die Quarantäneregel für Erkältungssymptome (gilt das dann auch für Gesundheitsberufe, Polizisten, Busfahrer et cetera?) sind nicht glaubwürdig.

Den „Zuschauer“ erreichen die Länderchefs und die Kanzlerin auch deshalb weniger, weil die Geschichten sich zu sehr ähneln. Infektionszahlen, Bettenbelegungen, R-Wert, AHA-L-Regeln. Alles vollkommen richtig. Immer in derselben Abfolge macht es aber überdrüssig. Man muss die Zuschauer berühren. Dies gelingt mit Szenen, in denen diese sich wiederfinden. Und das kommt zu kurz. Warum stehen ausschließlich Verbote und Gebote im Vordergrund, warum nicht mal die Familie oder die Kultur? Wo werden Fürsprecher der sich benachteiligt fühlenden Gruppen gehört? Familien, die sich um ihre Kinder sorgen oder Kulturschaffende, die nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Auch die Gesundheitsberufe mahnen schon lange und arbeiten zum Teil trotz Kontakt zu Infizierten weiter. Inzwischen handeln sie selbst. Wie die Oberlausitz-Kliniken, die sich mit einem eindringlichen Appell in der Tageszeitung zur Einhaltung der Schutzregeln an die Öffentlichkeit wenden. Ein Ansatz der Politik ist die Kampagne des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums #IchHatteCorona, in der COVID-19-Patienten schildern, wie sehr ihnen die Krankheit zusetzt. Das Drehbuch der „wilden 16“ hat demgegenüber Schwächen. Deren Autoren laufen Gefahr, ihre Zuschauer zu verlieren.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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