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Lancet Countdown on Health and Climate Change: Die Klimakrise macht keine Pause

Eckert, Nadine

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Während die Coronakrise derzeit alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, fordert die Klimakrise weiter unerbittlich Leben. Das zeigen aktuelle Monitoringergebnisse der Initiative Lancet Countdown. Experten empfehlen in einem Policy Brief mögliche Gegenmaßnahmen für Deutschland.

Mehr als 20 000 Menschen über 65 Jahren starben 2018 in Deutschland an den Folgen übermäßiger Hitze. Foto: picture alliance/dpa/Jana Bauch
Mehr als 20 000 Menschen über 65 Jahren starben 2018 in Deutschland an den Folgen übermäßiger Hitze. Foto: picture alliance/dpa/Jana Bauch

Der diesjährige Bericht der internationalen Monitoring Lancet Countdown on Health and Climate Change (kurz: Lancet Countdown) offenbart die „schlimmste Prognose für die öffentliche Gesundheit seit Gründung“ der Initiative, sagte Prof. Tadj Oreszczyn bei der Vorstellung des Reports und des daraus abgeleiteten Policy Briefs für Deutschland. „Wir haben nicht den Luxus, uns eine Krise nach der anderen vorzunehmen“, warnte der Professor für Energie und Umwelt am University College London mit Blick auf die Coronapandemie.

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Seit 2015 gibt der Bericht einen Überblick über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit. Erstellt wird er von 38 führenden akademischen Institutionen und UN-Organisationen. In einem begleitenden Policy Brief für Deutschland geben die Bundes­ärzte­kammer, das Institut für Epidemiologie des Helmholtz Zentrum München, die medizinische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Charité-Universitätsmedizin Berlin und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung Empfehlungen, welche Gegenmaßnahmen hierzulande ergriffen werden sollten.

Synergieeffekte nutzen

In der Berufsordnung der in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte sei die Verantwortung der Mediziner für die Gesundheit des Einzelnen und die Bevölkerung verankert sowie dafür, die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen zu gewährleisten, erklärte BÄK-Vizepräsidentin Dr. med. Ellen Lundershausen: „Aus diesem Grund begreifen wir es als ärztliche Pflicht, die Auswirkungen des Klimawandels klar zu benennen und politische Gegenmaßnahmen einzufordern.

Im Idealfall sollte es sich bei diesen Gegenmaßnahmen um „Triplewin-Maßnahmen“, handeln, wie Prof. Dr. rer. biol. hum. Annette Peters vom Helmholtz Zentrum München, erläuterte: „Die Innovationsschubmittel, die (im Rahmen der Coronapandemie) ausgeteilt werden, müssen so genutzt werden, dass gleichzeitig ein Fortschreiten des Klimawandels vermieden, die Gesundheit gestärkt und nachhaltige Wirtschaftszweige gefördert werden“, so die Epidemiologin. Das Ziel müsse ein Zuwachs in allen drei Bereichen sein.

Die zweite Empfehlung im Policy Brief für Deutschland lautet, Er­näh­rungs­emp­feh­lung­en und Maßnahmen umzusetzen, die für eine gesunde und nachhaltige Ernährungsweise werben und diese unterstützen. Ein großes Problem in Deutschland sei noch immer der hohe Fleischkonsum, so Peters, denn die Rinderhaltung sei für mehr als die Hälfte der Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft verantwortlich. Sowohl gesundheitlich als auch im Hinblick auf das Klima problematisch seien außerdem hochverarbeitete und energiedichte Lebensmittel, für deren Erzeugung viele fossile Brennstoffe verbraucht würden. Auch die Menge an Lebensmitteln, die weggeworfen werden, müsse reduziert werden.

Zu den wesentlichen Maßnahmen in diesem Bereich zählen dem Policy Brief zufolge „Ernährungsleitlinien und Qualitätsstandards, die sich sowohl auf Gesundheit als auch auf Nachhaltigkeit konzentrieren, verbindliche Marketing-Bestimmungen zum Schutz von Kindern und eine Verbesserung der Ernährungsbildung“. Die Umsteuerung auf eine gesunde und nachhaltige Ernährungsweise sei nicht nur klimafreundlich, sie könne, so Peters, gemeinsam mit mehr aktiver Bewegung auch den hohen Anteil nichtinfektiöser Krankheiten deutlich reduzieren.

Aktive Mobilität fördern

Dem tragen die Herausgeber des Policy Briefs Rechnung, indem sie empfehlen, Lebensräume zu schaffen, die aktiven, nichtmotorisierten Transport begünstigen. Darüber
hinaus sollten andere Arten von körperlicher Bewegung auf allen Ebenen gefördert werden.

Der Verkehrssektor sei für etwa ein Viertel der Treibhausgasemissionen in Europa verantwortlich und ist die Hauptursache von Luftverschmutzung im urbanen Raum. Die Experten sprechen sich deshalb für Investitionen in eine verbesserte Fußgänger- und Fahrradinfrastruktur und die Förderung des aktiven Pendelns zur Arbeitsstelle oder zur Schule aus. Dadurch könnten Treibhausgasemissionen und Luftverschmutzung reduziert und Bewegung gesteigert werden, was sich auf vielfältige Weise positiv auf die Gesundheit auswirken würde.

Peters wies in diesem Zusammenhang auf das „enorme Potenzial der Städte hin, den notwendigen transformativen Wandel zur Nachhaltigkeit voranzutreiben“. Im
Policy Brief wird deshalb als vierte Empfehlung zu einer Transformation urbaner Lebensräume geraten. Dies umfasse eine Reduktion der Hitzerisiken, etwa durch den Ausbau von Parks, Straßenbäumen und Dachbegrünungen, aber auch Rahmenpläne, die Gesundheit und Nachhaltigkeit verbinden.

Auch im vergangenen Jahr hatte es – begleitend zum Jahresbericht des Lancet Countdowns – bereits Empfehlungen für Deutschland
gegeben: Hitzeaktionspläne umzusetzen, den CO2-Fußabdruck des deutschen Gesundheitssektors zu reduzieren und das Thema Klimawandel und Gesundheit in Aus-, Weiter- und Fortbildung zu verankern. Die Erkenntnis, dass der Klimawandel eine zunehmende Gesundheitsbedrohung darstellt, sollte zum Allgemeinwissen werden.

Umsetzung verbessern

Was aus den Empfehlungen des
Policy Briefs 2019 geworden ist, darüber berichtete Martin Herrmann, Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG): „Bei allen vier Punkten haben wir große Fortschritte gemacht“, sagte er. Es sei aber auch deutlich geworden, dass „der Berg vor uns noch riesig ist“.

So gebe es zwar einige wenige Städte, die angefangen hätten, Hitzeaktionspläne umzusetzen, ein Beispiel sei Köln. Doch die meisten Kommunen hätten noch keinen Hitzeaktionsplan entwickelt, ebensowenig wie viele Kliniken und Pflegeheime, denen der Policy Brief im vergangenen Jahr ebenfalls solche Pläne verordnet hatte.

Hinsichtlich der Verringerung des CO2-Fußabdrucks des Gesundheitssektors habe es durchaus Fortschritte gegeben, berichtete Herrmann weiter. So habe zum Beispiel das Projekt KLIK green – welches Klimamanager für Krankenhäuser qualifiziert – mittlerweile viele Kliniken erreicht. Gleichzeitig gebe es noch sehr wenige Krankenhäuser mit konkreten Plänen für mehr Klimafreundlichkeit oder gar Klimaneutralität. Zudem müsse der Fokus jetzt noch mehr auf die Emissionen gelegt werden, die der Gesundheitssektor nicht direkt verursacht,
sondern durch seine Einkäufe und Lieferketten mitverantworte, so Herrmann. Positiv zu bewerten sei, dass das Thema zunehmend Eingang in die Lehre finde.

„Wir werden das Thema der gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels stärker in der ärztlichen Weiterbildung abbilden und die erforderlichen Kompetenzen in der Musterweiterbildungsordnung verankern, sagte Lundershausen. Und nach der Absage des diesjährigen Deutschen Ärztetages sollen der Klimawandel und seine gesundheitlichen Auswirkungen 2021 in Rostock erneut auf der Tagesordnung stehen. Nadine Eckert

Bei den Hitzetoten liegt Deutschland weit vorn

Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit beschränken sich längst nicht mehr auf den globalen Süden. Modellrechnungen des Lancet Countdowns zeigen, dass die Zahl der Hitzetoten hierzulande im weltweiten Vergleich weit vorne liegt: 2018 standen in Deutschland rund 20 200 Todesfälle bei über 65-Jährigen im Zusammenhang mit Hitze. Die Ursache für die Zunahme sehen die Wissenschaftler in der Zunahme der Hitzetage pro Jahr in Kombination mit dem steigenden Anteil an Menschen über
65 Jahren in der Bevölkerung.

Nur die zwei bevölkerungsreichsten Länder der Welt verzeichneten dem Bericht zufolge mit 62 000 (China) beziehungsweise 31 000 Hitzetoten (Indien) noch höhere Zahlen. Weltweit gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die hitzebedingte Mortalität pro Jahr bei Menschen über 65 Jahren zwischen 2000–2004 und 2014–2018 um 53,7 Prozent angestiegen ist – mit insgesamt 296 000 Hitzetoten in 2018.

Die hitzebedingte Mortalität ist einer der in diesem Jahr neu hinzugekommenen Indikatoren, anhand derer die Wissenschaftler die gesundheitlichen Auswirkungen der Klimaveränderungen beurteilen. In die Berechnung fließen unter anderem die tägliche Maximaltemperatur, der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen und das Sterberisiko dieser Altersgruppe durch Hitze ein.

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