szmtag COVID-19-Risiko: Nicht ratsam
ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2020COVID-19-Risiko: Nicht ratsam
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Bezüglich des kürzlich veröffentlichten neuen Score-Systems zur COVID-19-Risiko-Einschätzung von Beschäftigten („IKKA-Score“) möchten wir auf zwei Punkte hinweisen:

1. Der derzeitige wissenschaftliche Kenntnisstand erlaubt es u. E. nicht, die Einflussfaktoren auf den Krankheitsverlauf mit einer konkreten Zahl („Score“) auszudrücken. Dies gilt für die Gewichtung komplexer medizinischer Sachverhalte durch ein einfaches dreistufiges Scoresystem (0/4/10 Scorepunkte – für Immunsuppression, Vorerkrankungen und Alter) und für die einfache Addition der Scorepunkte. Die den Score-Werten zugrundeliegenden Risikoschätzer für einen schweren Krankheitsverlauf sollten vielmehr evidenzbasiert abgeleitet werden, z. B. mit einem Rapid Review. Eine Übersetzung der altersbezogenen Risikohöhen in annähernd kontinuierliche Score-Höhen (0, 1, 2, 3, …) erscheint uns ratsamer als eine Übersetzung in grobe Score-Kategorien (0, 4, 10). Überdies stellt das Alter eine wesentliche und unabwendbare Eigenschaft eines Menschen dar, sodass bei der Definition altersspezifischer Ausschlusskriterien von bestimmten Arbeitsplätzen besondere Zurückhaltung geboten ist.

2. Es besteht die Gefahr, dass das Primat des Arbeitsschutzes vernachlässigt wird zugunsten eines individuellen Ausschlusses von bestimmten Arbeitsplätzen.

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Arbeitsplätze sind – hier stimmen wir unzweifelhaft mit der Autorengruppe des IKKA-Scores überein – gemäß dem STOP-Prinzip (Substitution vor technischen vor organisatorischen vor personenbezogenen Maßnahmen) so zu gestalten, dass eine Übertragung des Virus bestmöglich verhindert wird. Eine Differenzierung des Schutzniveaus in Abhängigkeit von der individuellen Schutzbedürftigkeit könnte in dem Sinne fehlverstanden werden, dass mit dem Ausschluss von Risikopersonen von bestimmten Tätigkeiten und ihrem Schutz durch Zuweisung anderer Tätigkeiten (bzw. durch Freistellung) die Infektionsproblematik dieser Tätigkeiten gelöst sei. Der Autorengruppe des IKKA-Scores zufolge berücksichtige das Score-System „weder soziopolitische noch gesellschaftlich-ethische Überlegungen“, sondern beruhe auf einer „rein medizinischen Einschätzung“. U. E. sollten die potenziellen Folgen eines praktischen Einsatzes des Score-Systems (Beschäftigungsverbot? Krankschreibung? Arbeitsplatzverlust?) mitbedacht werden. Insgesamt halten wir die Anwendung des IKKA-Scores in der derzeitigen Beratungspraxis nicht für ratsam.

Dr. med. A. Kaifie, 52074 Aachen,
Prof. Dr. med. P. Angerer, 40225 Düsseldorf,
Prof. Dr. med. A. Seidler, 01307 Dresden

Literatur bei den Verfassern

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