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ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2020Intensivbehandlung: „Normalzustand“ Überlastung

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Intensivbehandlung: „Normalzustand“ Überlastung

Oemus, Daniela

Zum „Schwerpunkt COVID-19“ in DÄ 43/2020
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Ich bin Assistenzärztin für Orthopädie/ Unfallchirurgie und habe meine Ausbildungszeit auf einer Intensivstation in einer Klinik der Maximalversorgung absolviert. Viele der Intensivpatienten dort waren schon vorher lange Zeit in schlechtem Allgemeinzustand, z. B. mit einem Magen-Karzinom in palliativer Situation. Dann kommt so ein Patient wegen einer GI-Blutung in die Notaufnahme, wird notfallmäßig operiert, hinterher natürlich intensivmedizinisch behandelt ... Das ist nur ein Beispiel von vielen, bei denen man sich fragt: Ist die Behandlung im Sinne des Patienten? Es werden folglich in deutschen Kliniken sehr viele Patienten lange intensivmedizinisch behandelt und invasiv beatmet, die nach – falls es ein „nach“ überhaupt gibt – dem stationären Aufenthalt nur wenig Aussicht auf Lebensqualität haben. Aber ein Arzt darf ja nicht beurteilen, was ein lebenswertes Leben bedeutet. Der Patient ist oft nicht mehr in einem Zustand, seine Meinung kundzutun, bzw. wenn er es tut und keine weitere Behandlung wünscht, werden seine Forderungen oft als „vorübergehend“ oder mit der Diagnose HOPS abgetan. 

Die zwei Intensivstationen, die ich kennengelernt habe (einer Uniklinik und einer Klinik der Maximalversorgung), waren nahezu immer voll belegt und es wurden in der Klinik aus diesem Grund teilweise keine polytraumatisierten Patienten mehr angenommen. Außerdem wurden Patienten zum Teil sehr früh abverlegt, um neue Patienten aufnehmen zu können. Was manchmal zur Folge hatte, dass Patienten im Verlauf wieder auf die ITS zurück übernommen werden mussten.

Das war der Normalzustand – vermutlich vieler – Intensivstationen in Deutschland vor Corona. Durch die COVID-19-Pandemie kommen zahlreiche, vor allem betagte Patienten dazu. Und auch wenn man Elektiv-Operationen einschränkt, kommen die Intensivstationen bald an ihre Grenzen, wenn nicht in Zukunft kritisch hinterfragt wird, wer wirklich davon profitiert, dort behandelt zu werden. Jedem, der eine Intensivstation von innen gesehen hat, ist klar, dass ein infolge COVID-Infektion langzeitbeatmeter 80-jähriger Patient nicht nach drei Wochen ITS-Aufenthalt wieder aufsteht und nach Hause geht. 

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Alle Menschen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und sollten ein Recht darauf haben, sich in Würde zurückzuziehen, wenn das Leben sich dem Ende zuneigt. Wir sollten in Deutschland eine viel offenere Debatte darüber führen, dass auch der Tod zum Leben dazu gehört.

Dr. med. Daniela Oemus, 07646 Stadtroda

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Avatar #572508
U L I Sappok
am Samstag, 12. Dezember 2020, 21:27

Würdiges Sterben endlich thematisieren

Frau Kollegin Oemus bringt es sachlich auf den Punkt. Vorgestern erst schrieb ich einem befreundeten Kollegen zum Thema:
"Danke T, ist schon beunruhigend.
Wäre die Bevölkerung insgesamt doch gesünder inkl der alten Menschen.
Das Virus trifft leider auf viel zu viele gute Wirte, weltweit.

Und dass das Sterben ab 80 eher zum Leben gehört als vorher,
das ist schon vor Covid ein schwieriges Thema: wenn ich aus meiner Hausarzterfahrung sprechen darf:
wie oft habe ich erlebt, wie alte Menschen quasi beim Sterben noch in die Klinik kamen und schlimmstenfalls sogar noch auf Intensiv (weil Beatmen soviel Geld bringt...).
Eine Medizinstudentin, die auf Intensiv Schwester ist, berichtet dass das
als "Beatmung am offenen Grab" bezeichnet wird.
Und wenn eine moribunde 90 Jährige MIT Patientenverfügung mit Lungenentzündung dennoch Antibiose bekommt und ggfs auch noch auf Intensiv landet, weil Angehörige nicht loslassen können oder die Verfügung nicht greifbar ist:
Ich finde, auch hier weist Covid auf ein kritisches Thema hin: eine würdige Kultur des Sterbens. Die haben wir nicht; und jetzt ist sicher ein ungünstiger Zeitpunkt. Und es wird soviel Geld damit verdient, dass es beschämend ist. Wo ist der Ethikrat da?
Was meinst du zu diesem Aspekt?
Herzlichen Gruß"

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