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ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2020Qualitätszirkel: Datengestützte Arbeit zur rationalen Antibiotikatherapie

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Qualitätszirkel: Datengestützte Arbeit zur rationalen Antibiotikatherapie

Lipécz, Andreas; Wambach, Veit; Lindenthal, Jörg

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Die Arbeit im Qualitätszirkel entsteht mitunter aus aktuellen Themen und Projekten. So auch im Gesundheitsnetz Nürnberg, wo sich Angehörige verschiedener Fachrichtungen zwei Jahre lang mit den Herausforderungen der Antibiotikaverordnung beschäftigten.

Foto: svetlichniy igor/stock.adobe.com
Foto: svetlichniy igor/stock.adobe.com

Die Qualitätszirkelarbeit ist fester Bestandteil des Gesundheitsnetzes Nürnberg – einem 2005 gegründeten und genossenschaftlich organisierten Zusammenschluss von 66 ärztlichen Praxen. In einem dieser Qualitätszirkel (QZ) widmeten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 2017 und 2019 dem Thema rationale Antibiotikatherapie.

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Im Vergleich zu anderen Qualitätszirkeln war die Arbeit dieses QZ projektbezogen entlang der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie ausgerichtet – entsprechend zeitlich begrenzt war sie auch. So sollten aufbauend auf einem verpflichtenden Blended-learning-Angebot zur Arzt-Patienten-Kommunikation für alle antibiotikaverordnenden Netzärzte vier QZ-Runden im Abstand von etwa sechs Monaten stattfinden. Außerdem orientierte sich die Arbeit entlang indikatorengestützter Feedback-Berichte zur Antibiotikaverordnung. Hierzu wurden die praxisindividuellen Ergebnisse im Vergleich zu bestimmten Benchmarks aufbereitet. Zur Vorbereitung wurden den Teilnehmenden zusätzlich aktuelle und evidenzbasierte Hintergrundinformationen (zum Beispiel zur Resistenzsituation, Umsetzung einer rationalen Antibiotikatherapie sowie hilfreiche Informationsquellen und Internetadressen) zur Verfügung gestellt. Schließlich wurden die Treffen standardisiert vor- und nachbereitet: Einerseits wurden die ärztlichen Moderatorinnen und Moderatoren gesondert vom Projektträger geschult und mit entsprechenden Foliensätzen und Hintergrundinformationen ausgestattet. Zum anderen erfolgte die Vor- und Nachbereitung der Zirkelarbeit sowie die Gruppeneinteilung über das QuE-Netzmanagement. Eine standardisierte Protokollierung der Treffen war für die Projektevaluation verpflichtend vorgeschrieben. Auch wurden die Teilnehmenden systematisch zu ihren Erfahrungen befragt.

Parallele Treffen

Ein letzter unterscheidender Punkt zu üblichen QZ: Je Schwerpunkt fanden jeweils drei bis vier parallele Qualitätszirkelsitzungen nach gleichem Schema statt. Sie befassten sich neben dem eigentlichen Schwerpunktthema immer auch mit einer verbesserten patientenzentrierten Gesprächsführung: Empirische Ergebnisse zu Erwartungen von Patientinnen und Patienten zur Antibiotikagabe wurden ebenso diskutiert wie Aspekte partizipativer Entscheidungsfindung oder verzögerter Antibiotikagabe.

Projektbegleitend wurden die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte – aus dem Gesundheitsnetz QuE hatten sich mehr als 40 Hausärzte, Pneumologen, Hals-Nasen-Ohren-(HNO-)Ärzte, Kinder- und Jugendärzte sowie Urologen beteiligt – regelmäßig befragt. Dabei zeigte sich, dass für mehr als 90 Prozent der Befragten die QZ-Treffen von großem Nutzen waren. Es wurde der Wunsch laut, die Treffen auch nach Projektende zumindest einmal im Jahr fortzuführen.

Dass der Antibiotika-Zirkel zu einem Erfolgsmodell wurde, liegt aus Sicht der Zirkelteilnehmenden vor allem an drei Punkten.

Zum einen war die Gruppengröße von acht bis zwölf Teilnehmenden ideal für eine lebhafte und vertrauensvolle Atmosphäre, die es allen ermöglichte, sich aktiv zu beteiligen. Erfahrungen, Best-Practice-Ansätze oder auch etwaige Vorbehalte gegenüber neuen Ideen und Maßnahmen konnten offen diskutiert und Zirkelergebnisse im Konsens festgehalten werden. Dies schuf zudem die nötige Verbindlichkeit für die Praxis- und Umsetzungsphase. Der Austausch zwischen Ärzten verschiedener Fachrichtungen ermöglichte eine breite und deshalb besonders fruchtbare Diskussion.

Der zweite Erfolgsfaktor war, dass aktuelle Leitlinien praxisorientiert zusammengefasst wurden. Einige Wochen vor dem Zirkeltermin erhielten alle Teilnehmenden solche Zusammenfassungen vom Projektbeauftragten des aQua-Instituts. Diese bildeten die Diskussionsgrundlage und ermöglichten es, sich innerhalb der Gruppe auf ein abgestimmtes Vorgehen zu verständigen.

Und schließlich erhielten alle Teilnehmenden vorab ihre praxisindividuellen, indikatorengestützten Auswertungen zur erfolgten Antibiotikaverordnung inklusive Benchmark. Teilnehmende Ärzte mit dem Arztgruppenschlüssel 01, 02 und 03 bekamen diese bis zu viermal pro Jahr. Den weiteren teilnehmenden Fachgruppen (HNO-Ärzte, Pädiater, Urologen, Gynäkologen und Pneumologen) wurde ein gesonderter Evidenzbericht zur Verfügung gestellt.

Diese Feedback-Berichte wurden in die Gruppenarbeit eingebracht und problemlos auch untereinander ausgetauscht. So war es möglich, das eigene Verordnungsverhalten zu reflektieren und in der Gruppe einen Konsens zu erzielen, um zukünftig weniger und leitliniengerechter zu verordnen. Im Projektverlauf wurden somit auch Entwicklungen sichtbar – sowohl Erfolge auf Praxis- oder Netzebene als auch Aspekte, die noch einer Verbesserung bedurften. In der QZ-Arbeit konnte darauf dann nochmals gezielt eingegangen werden.

Struktur und Dokumentation

In den QZ-Treffen wurden die Ergebnisse der Indikatoren anhand von Folien diskutiert, Umsetzungserfahrungen thematisiert und konkrete Änderungen für den Praxisalltag sowie Lösungen zur Überwindung vorhandener Barrieren entwickelt. Dabei wurden die Teilnehmenden stets von vier immer wiederkehrenden Leitfragen begleitet:

  • Welches sind die wichtigsten Ergebnisse/Erkenntnisse des heutigen Treffens?
  • Welche Ansatzpunkte für mögliche Qualitätsverbesserungen wurden deutlich?
  • Was soll im Praxisalltag demzufolge umgesetzt/geändert werden?
  • Was ist für die Umsetzung der Maßnahmen zu berücksichtigen und was kann dabei unterstützen beziehungsweise hinderlich sein?

Thema der ersten QZ-Runde waren die oberen Atemwegsinfekte, die meist viral verursacht werden. Konsens der Diskussion war es, primär keine Antibiotika bei oberen Atemwegsinfekten zu verordnen und keinesfalls Reserveantibiotika wie Amoxy+Clavulansäure oder Cefuroxim zu verwenden. Hierzu wurden die Patienten gezielt informiert. Das Instrument der „verzögerten Verschreibung“ sollte vor allem bei denjenigen Patienten eingesetzt werden, die ursprünglich Antibiotika erwartet haben. Begleitend hierzu wurden Patientenflyer in unterschiedlichen Sprachen verteilt. Auch Tablets mit Erklärvideos und einem kleinen Wissenstest rund um Antibiotika kamen in den Netzpraxen zum Einsatz.

Qualitätszirkel auch für MFA

Parallel zu den ärztlichen Zirkeln wurden auch datengestützte Qualitätszirkel für die Medizinischen Fachangestellten (MFA) durchgeführt. Grundlage war auch hier eine auf die MFA zugeschnittene Version der oben genannten praxisindividuellen Feedback-Berichte. Die QZ wurden von geschulten MFA moderiert. Neben der Diskussion der Feedback-Berichte bestand im Qalitätszirkel die Möglichkeit, eigene Erfahrungen und Barrieren zu diskutieren und gemeinsam Lösungen, zum Beispiel in Bezug auf ergänzende Informationen rund um Antibiotika, zu generieren.

Die im Projektverlauf gewonnenen Daten zeigen ein deutlich verändertes Verordnungsverhalten. Deshalb ist diese Form der interkollegialen Fortbildung besonders geeignet, auf umschriebenen Gebieten Wissen zu vermitteln und die Umsetzung dieses Wissens im Praxisalltag zu erreichen.

Dr. med. Andreas Lipécz,
Dr. med. Veit Wambach, Jörg Lindenthal

www.gesundheitsnetznuernberg.de

Antibiotika-Resistenzstrategie

ARena steht für „Antibiotika-Resistenzentwicklung nachhaltig abwenden“ und ist ein 2017 gestartetes Projekt, das im Kontext der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2020) der Bundesregierung konzipiert wurde. Das Projekt wird mit Mitteln aus dem Innovationsfonds gefördert (Kennzeichen 01NVF16008).

Foto: jirsak/stock.adobe.com
Foto: jirsak/stock.adobe.com

Ziel von ARena ist es, die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig zu erhalten und Resistenzen zu unterbinden. Um das zu erreichen, wurden im Rahmen des Projekts verschiedene Maßnahmen in der Routineversorgung erprobt, die zu einem rationalen Einsatz von Antibiotika führen sollten. Unter anderem sollte der Einsatz von Antibiotika auf ein sinnvolles Maß zurückgefahren und ein Problembewusstsein bei Ärztinnen und Ärzten, Medizinischen Fachangestellten, Patientinnen und Patienten und in der Öffentlichkeit geschaffen werden. Hierzu wurden verschiedene Interventionen in den Praxisalltag von 14 Arztnetzen implementiert. Um das dafür nötige Wissen zu verbessern, bildeten sich die Ärzte kontinuierlich fort. Zudem trafen sie sich regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen in Qualitätszirkeln, informierten sich und diskutierten, in welchen Fällen Antibiotika sinnvoll sind und wann darauf verzichtet werden kann.

https://www.arena-info.de/

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