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POLITIK

Impfung gegen COVID-19: Erst Zentren – dann Praxen

Haserück, André; Richter-Kuhlmann, Eva

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Die breite Nutzung effektiver und sicherer COVID-19-Impfstoffe wird als realistische Option angesehen, die Coronapandemie weitgehend zu einem Ende zu bringen. Zu Beginn soll in Deutschland in Impfzentren und durch mobile Teams geimpft werden – später auch in Arztpraxen.

Foto: picture alliance/dpa/Boris Roessler
Foto: picture alliance/dpa/Boris Roessler

Die Herbst-/Wintersaison im Jahr 2021 werde nach den für die gesamte Gesellschaft zermürbenden Pandemiemonaten normaler laufen – diese Zuversicht äußerte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn mit Blick auf die bevorstehenden Impfkampagnen gegen SARS-CoV-2. Zur Organisation entsprechender Impfungen legte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) bereits Anfang November eine „Nationale Impfstrategie COVID-19“ vor. Aufgrund der zunächst begrenzten Anzahl an Impfstoffdosen und besonderen Produkteigenschaften (zum Beispiel Lagerungs- und Transportbedingungen) sollen anfangs bestimmte Zielgruppen priorisiert werden. Zudem wird in einer ersten Phase die Durchführung der Impfungen in zentralen Impfzentren, ergänzt durch mobile Teams, konzentriert.

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Sobald ausreichende Impfstoffmengen zur Verfügung stehen, wird aber angestrebt, die Impfaktivitäten in die Praxen übergehen zu lassen. Angesicht der zu Beginn knappen Impfstoffvorräte sei eine im Alltag schwer zu leistende „harte“ Priorisierung zwangsläufig notwendig – hiervon wolle man die Praxen entlasten, so Spahn. Zudem müssten auch weiterhin andere Patienten versorgt werden. Man werde aber nicht einen Tag länger die hausärztlichen Strukturen nicht nutzen, wie es „aus unseren Sicht erforderlich ist“. Um eine erfolgreiche und sichere Umsetzung der Impfungen zu gewährleisten, soll es eine engmaschige kommunikative und wissenschaftliche Begleitung geben. Der Bund beschafft die Impfstoffe zentral über einen europäischen Mechanismus. Bei aussichtsreichen Entwicklungs- und Forschungsprojekten wurden und werden Abnahmegarantien mit Herstellern vereinbart. Der Abschluss dieser Vereinbarungen soll den Bürgerinnen und Bürgern frühzeitig einen Zugang zu erprobten und sicheren Impfstoffen ermöglichen, sobald diese in der EU zugelassen sind.

Phasen der Organisation und Durchführung
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Phasen der Organisation und Durchführung

Impfstoffauslieferung 2020/21

Gleichzeitig können Hersteller so parallel zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Impfstoffe bereits Produktionskapazitäten aufbauen – dies ermöglicht eine schnellere Lieferfähigkeit nach Zulassung. Die Dosen werden im Verhältnis zur jeweiligen Bevölkerungszahl auf die EU-Mitgliedstaaten verteilt. Einige Impfstoffhersteller haben noch im Jahr 2020 eine mögliche erste Auslieferung von Impfstoffdosen an die EU-Mitgliedstaaten in Aussicht gestellt – unter der Voraussetzung, dass diese Impfstoffe eine Genehmigung für das Inverkehrbringen in der EU erhalten. Der Bund organisiert die Verteilung der COVID-19-Impfstoffe an die Bundesländer. Die Länder selbst sind zuständig für die sachgerechte und sichere Lagerung und Verteilung der Impfstoffe vor Ort sowie die Beschaffung und Vorhaltung von benötigtem Impfzubehör. Zudem verantworten sie die Organisation der Impfzentren und Impfungen unter Einbeziehung lokaler Akteure – die Kosten für die Impfzentren sollen jeweils hälftig von GKV/PKV und Ländern getragen werden. Der Bund stellt den Impfzentren die durch ihn beschafften Impfstoffe kostenfrei zur Verfügung. Für die Ausstellung eines ärztlichen Zeugnisses über krankheitsbedingt erhöhte Risiken in Bezug auf COVID-19, wichtig für die Priorisierung, sollen Arztpraxen pauschal fünf Euro erhalten.

So sieht es ein Verordnungsentwurf aus dem BMG vor, welcher die Details der Impfstrategie konkret regeln soll. Veröffentlichen will das BMG die Rechtsverordnung noch in diesem Jahr – nämlich dann, wenn die beim Robert Koch-Institut (RKI) angesiedelte Ständige Impfkommission (STIKO) ihre Impfempfehlung gegen COVID-19 herausgegeben hat. Erarbeitet ist bereits ein Beschlussentwurf, der dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt (Kasten). Ihm zufolge soll aufgrund der zunächst begrenzten Impfstoffverfügbarkeit die Impfung zunächst Personengruppen angeboten werden, die ein besonders hohes Risiko für schwere oder tödliche Verläufe einer COVID-19-Erkrankung haben oder die beruflich entweder besonders exponiert sind.

Ein beschleunigtes Stellungnahmeverfahren zu diesem Entwurf leitete die STIKO am 7. Dezember ein. Medizinische Fachgesellschaften, Verbände, Organisationen und Landesgesundheitsbehörden haben bis zum 10. Dezember Zeit, ihn zu kommentieren. Voraussetzung für eine erste Veröffentlichung der STIKO-Empfehlung, die in den kommenden Monaten aufgrund der zu erwartenden weiteren Impfstoffzulassungen fortlaufend angepasst werden soll, ist jedoch zumindest ein erster, in Deutschland zugelassener Impfstoff gegen COVID-19.

„Die STIKO-Empfehlung nach dem Infektionsschutzgesetz ist in den meisten Teilen bereits fertig“, berichtet der Vorsitzende der STIKO, Prof. Dr. med. Thomas Mertens, dem Deutschen Ärzteblatt. Eingearbeitet werden müsse nur noch die abschließende Bewertung der Daten aus der ersten verfügbaren Zulassungsstudie.

„Die Empfehlung wurde erarbeitet auf der Grundlage der Auswertung aller verfügbaren wissenschaftlichen Daten und von Ergebnissen mehrerer mathematischer Modellierungen. Die quantitativen Risiken für schwere Erkrankung und Tod wurden bestimmt und mögliche Impfszenarien im Hinblick auf die Effektivität für die Gesamtbevölkerung untersucht“, erklärt Mertens. Eingang finden wird die Empfehlung in die entsprechenden Passagen der Impfverordnung des BMG. Sie ist damit jedoch nicht bindend für die Bundesländer. Die Empfehlung werde für alle Länder und Gesundheitsbehörden verfügbar sein, sodass sie ihre Vorbereitungen treffen können, so Mertens.

Würden Sie sich gegen das neuartige Coronavirus impfen lassen?
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Priorisierung notwendig

Prinzipiell könnten sie zwar eine länderspezifische Priorisierung vornehmen, „aber wir hoffen auf einheitliche Regelungen“, betont der Virologe. Um die Einhaltung der Priorisierung tatsächlich umzusetzen, sollten die zu impfenden Menschen zur Impfung eingeladen werden. „Spontanes Erscheinen dürfte zum Chaos führen. Letztlich entscheidet aber der Arzt bei gegebener Indikation im Einzelfall“, so Mertens. Die größte Herausforderung beim „Mammutprojekt“ Coronaimpfung steht laut Mertens aber noch bevor, und zwar die logistische Durchführung der Impfstofflieferung, die Impfstofflagerung, das Einbestellen der Impflinge, der konkrete Ablauf in den Impfzentren sowie die Dokumentation und Pharmakovigilanz.

„Die flächendeckende Dokumentation ist besonders in diesem Fall ganz entscheidend zur Bestimmung von Impfquoten und zur frühzeitigen Erkennung sogenannter Signale (Pharmakovigilanz)“, betont der STIKO-Vorsitzende. Die bundeseinheitliche Erfassung von Nebenwirkungen und von der Wirksamkeit der Impfung ist Mertens zufolge über mehrere Wege denkbar: über eine geeignete App – sofern diese durch die Geimpften bedienbar sei –, über Pflegepersonal und natürlich auch über die Hausärzte.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn hat die Ärzte in Deutschland um ihre Unterstützung bei der anstehenden Impfung gegen SARS-CoV-2 und vor allem auch bei der Aufklärung der Bevölkerung gebeten. „Ärzte und Apotheker werden mit den Ausschlag geben über die Bereitschaft für die Impfung“, so der Minister. Die Ärzte würden von ihren Patienten mit Fragen zu den Impfungen konfrontiert.

Ihre Informationen darüber hätten eine „enorme Wirkung“, so Spahn. Es gebe eine „hohe gemeinsame Verantwortung“ dafür, eine hohe Impfbereitschaft zu erhalten. Der Minister stellte klar, dass er davon ausgeht, dass Ärzte sich wissenschaftlich mit den Daten über die Impfungen auseinandersetzen könnten. Es sei daher wichtig, sich den Fragen der Ärzte transparent zu stellen. Spahn beteuerte zugleich, es werde keine Impfpflicht geben. Er appelliere aber vor allem an alle Menschen in den Gesundheitsberufen, sich die Impfung zum Schutz für sich und ihre Patienten „bitte genau zu überlegen“. Für alle Bürger werden COVID-19-Impfstoffe kostenfrei zur Verfügung gestellt – Umfragen deuten auf eine recht hohe Impfbereitschaft hin.

Regionale Umsetzung

Wann mit den Impfungen in den Impfzentren und durch mobile Impfteams begonnen werden kann, hängt aber vor allem vom Zeitpunkt der Zulassung eines oder mehrerer Impfstoffe ab. Zwar gibt es bislang noch keine Zulassung für einen Impfstoff gegen COVID-19. Aber es gibt vielversprechende Daten der Hersteller BioNTech/Pfizer und Moderna, beide laut Hersteller mit einer Wirksamkeit jenseits der 90 Prozent. Dazu kommen weitere Impfstoffprojekte in der letzten Phase der Tests. Bereits jetzt werden bundesweit Impfzentren geplant, aufgebaut und Personal gesucht, alles unter massivem Zeitdruck. In vielen Bundesländern sind die Vorbereitungen und die baulich-logistische Umsetzung schon weit fortgeschritten. In allen Ländern werde mit Hochdruck daran gearbeitet, so Gerd Friedsam, Präsident des Technischen Hilfswerks (THW). Bis Mitte Dezember sollen möglichst viele Impfzentren einsatzbereit sein. Man unterstütze die Gesundheitsämter nach besten Kräften, um die Impfzentren in absehbarer Zeit funktionsfähig zu bekommen“, so Friedsam. Pro Impfling soll das gesamte Prozedere in den Zentren eine gute Stunde brauchen, so die Einschätzung von Albrecht Broemme, bis Ende 2019 THW-Präsident, welcher die Planung der sechs Berliner Impfzentren verantwortet.

Inkludiert sind hierbei die Anmeldung, die nötige Bürokratie, das eigentliche Impfen und 30 Minuten Wartezeit unter ärztlicher Aufsicht. Etwa 21 Tage später bekäme jeder zu Impfende einen zweiten Termin für die zweistufige Impfung.

Ärzte zur Hilfe aufgerufen

Die bevorstehenden flächendeckenden Coronaimpfungen in Deutschland stellen auch aus der Sicht von Bundes­ärzte­kammer-Präsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt eine große, aber eine zu bewältigende logistische Herausforderung dar. Jedes Jahr würden deutschlandweit bis zu 20 Millionen Grippeschutzimpfungen in wenigen Monaten vorgenommen – dies stimme ihn für die Coronaimpfungen optimistisch.

Ebenfalls zuversichtlich zeigte sich Reinhardt, ausreichend Personal für die geplanten Impfzentren zu gewinnen. „Ich bin sicher, dass sich unter den Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern und in den Arztpraxen ausreichend Personal finden lässt“, bekräftigte Reinhardt. Entsprechende Aufrufe gibt es in nahezu allen KVen.

Grundsätzlich sollten nur approbierte Ärzte impfen, betonte Reinhardt. Denkbar sei aber auch der Einsatz von Krankenschwestern, Pflegern und Medizinischen Fachangestellten – vorausgesetzt, das Impfen erfolge unter Aufsicht und Anleitung eines Arztes.

André Haserück,
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Entwurf für Impfempfehlung

Noch ist in Deutschland keine Coronaimpfung zugelassen, doch ein erster Beschlussentwurf der Ständigen Impfkommission (STIKO) für die Impfempfehlung gegen COVID-19 liegt vor. Grundsätzlich orientiert er sich am gemeinsamen Papier der STIKO, des Deutschen Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina vom November. Er priorisiert in der Zeit der zunächst noch begrenzten Impfstoffverfügbarkeit Ältere und Vorerkrankte mit dem höchsten Sterberisiko an COVID-19 sowie bestimmtes medizinisches Personal – schätzungsweise 8,6 Millionen Menschen.

Konkret soll die Impfung in den ersten Wochen und Monaten nach ihrer Zulassung folgenden Personengruppen mit „sehr hoher Priorität“ vorrangig angeboten werden: Bewohnerinnen und Bewohner von Senioren- und Altenpflegeheimen, Personen ab 80 Jahren, Personal mit besonders hohem Expositionsrisiko in medizinischen Einrichtungen (in Notaufnahmen, in der medizinischen Betreuung von COVID-19-Patienten), Personal in medizinischen Einrichtungen mit engem Kontakt zu vulnerablen Gruppen (in der Hämatoonkologie oder Transplantationsmedizin), Pflegepersonal in der ambulanten und stationären Altenpflege sowie anderen Tätigen in Senioren- und Altenpflegeheimen mit Kontakt zu den Bewohnern.

Eine „hohe Priorität“ hat dem Entwurf zufolge eine zweite Personengruppe (etwa 6,7 Millionen Menschen), und zwar Senioren im Alter zwischen 75 und 80 Jahren, Personal mit hohem Expositionsrisiko in medizinischen Einrichtungen, Personen mit einer Demenz oder geistigen Behinderung in Institutionen, Tätige in der ambulanten oder stationären Versorgung von Personen mit Demenz oder geistiger Behinderung.

Eine „moderate Priorität“ weist der Entwurf abermals 5,5 Millionen Menschen zu. Zu dieser dritten Gruppe gehören Personen im Alter zwischen 70 und 75 Jahren, Personen mit Vorerkrankungen mit erhöhtem Risiko sowie deren engste Kontaktpersonen, Personen in Asylbewerberunterkünften und Obdachlosenunterkünften, enge Kontaktpersonen von Schwangeren, Personal mit moderatem Expositionsrisiko in medizinischen Einrichtungen und an besonders relevanten Positionen für die Aufrechterhaltung der Krankenhausinfrastruktur sowie Personal im Öffentlichen Gesundheitsdienst.

Personen zwischen 65 und 70 Jahren, Personen mit Vorerkrankungen mit moderatem Risiko und deren engste Kontaktpersonen, Personal mit niedrigem Expositionsrisiko in medizinischen Einrichtungen, Lehrer und Erzieher sowie Personen mit prekären Arbeits- und/oder Lebensbedingungen (insgesamt knapp sieben Millionen Menschen) sollen mit „erhöhter Priorität“ in einer vierten Gruppe geimpft werden.

Eine „gering erhöhte Priorität“ spricht die STIKO im Entwurf der fünften Gruppe zu: Personen zwischen 60 und 65 Jahren sowie Personal in Schlüsselpositionen der Landes- und Bundesregierungen, Beschäftigten im Einzelhandel sowie in Berufen der kritischen Infrastruktur (Feuerwehr, Bundeswehr, Polizei, Nahverkehr, Abfallwirtschaft).

Die STIKO betont in ihrem Entwurf, dass sie die Daten zur Effektivität und Sicherheit möglicher COVID-19-Impfstoffe noch nicht vollumfänglich bewerten kann, da noch keine Publikationen solcher Daten vorliegen. Ihre erste Bewertung orientiere sich an dem klinischen Phase-3-Studienbericht für den ersten Impfstoff, dessen Zulassung für Europa in Kürze erwartet wird und der in Großbritannien bereits zugelassen ist, den Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Eine weitere detailliertere Prüfung erfolge noch. In gleicher Weise will die STIKO künftig die anderen Impfstoffe bewerten, die sich im Zulassungsprozess befinden. Mittelfristig sei es das Ziel, allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu einer Impfung gegen COVID-19 anbieten zu können, heißt es im Beschlussentwurf.

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