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Klimawandel: „Wir sitzen alle in einem Boot“

Bühring, Petra

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Zwei Veranstaltungen nahmen die kollektive psychologische Verarbeitung der Klimakrise, die eigene Betroffenheit als Psychotherapeut sowie Fragen der Berufsethik im Hinblick auf Engagement und Psychotherapie in den Blick. Und immer die Frage nach nachhaltigem Handeln.

Foto: picture alliance/Bildagentur-online Ohde
Foto: picture alliance/Bildagentur-online Ohde

Es ist unsere berufsethische Verpflichtung, uns für die Erhaltung der soziokulturellen Lebensgrundlagen einzusetzen, denn Nachhaltigkeit ist auch Gesundheitsschutz“, sagte Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer (LPK) Rheinland-Pfalz, bei einem Web-Seminar zum Thema „Psychologische und psychotherapeutische Aspekte der Klimakrise“ am 9. November. Erörtert wurde dabei, was die Psychologie mit der Klimakrise zu tun hat und welche Fragestellungen sich für die Psychotherapie daraus ergeben. In den Blick genommen wurden sowohl die kollektive psychologische Verarbeitung der Klimakrise, der Umgang mit von Klimastress und -ängsten betroffenen Patientinnen und Patienten, der eigenen Betroffenheit als Psychotherapeutin oder Psychotherapeut sowie Fragen der Berufsethik im Hinblick auf Engagement und Psychotherapie. Auch der sogenannte Lunch-Talk der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) am 19. November hatte die „Aufgabe der Psychologie in Corona- und Klimakrise“ zum Thema. „In der Coronakrise sind schnelle Entscheidungen der Politik möglich geworden. Das sollte auch zur Bewältigung der Klimakrise machbar sein“, forderte der DPtV- Bundesvorsitzende Gebhard Hentschel.

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Sowohl die Delegiertenversammlungen der LPK Rheinland-Pfalz als auch der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) haben Resolutionen für mehr Klimaschutz verabschiedet: Sie wollen sich für einen konsequenten Klimaschutz einsetzen, die psychotherapeutischen Herausforderungen der Klimakrise in den Blick nehmen, das eigene Handeln auf Nachhaltigkeit überprüfen sowie die Arbeit der Psychologists/Psychotherapists for Future (Psy4F) unterstützen (Kasten).

Unterstützung der Kammern

Darüber hinaus müsse das Thema auch Eingang in die Berufsordnung sowie in die Aus- und Weiterbildung von Psychotherapeuten finden, forderte Sabine Maur. Beim 37. Deutschen Psychotherapeutentag sprach sich Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der BPtK, dafür aus, das Engagement der Psychotherapeuten seitens der Kammer noch mehr zu unterstützen (siehe Seite 535). Maur verwies dabei darauf, dass das Thema auch in den Länderat eingebracht werde.

Einen Überblick der psychologischen Verarbeitung der Klimakrise gab in dem Web-Seminar der LPK Rheinland-Pfalz die Psychotherapeutin Mareike Schulze, eine der beiden Gründerinnen von Psy4F. „Klimaangst“ beschreibt danach die Angst vor der realen Bedrohung der Klimakrise, die sich unter anderem in Nervosität, Schlafstörungen, innerer Unruhe oder Albträumen ausdrücken kann. „Die Forschung steckt hierzu noch in den Anfängen“, sagte Schulze. Der Begriff „Klimaschuld“ steht für das Schuldgefühl über das eigene umweltschädliche Verhalten, zum Beispiel die Produktion von zuviel Abfall, Reisen mit dem Flugzeug oder überflüssigen Konsum. „Klimawut“ könnten Menschen zum Beispiel auf Politiker oder Wissenschaftler entwickeln, wenn sie davon überzeugt sind, dass diese nicht genug gegen den Klimawandel unternehmen, beziehungsweise diesen leugnen. Von „Klimadepression“ betroffen gewesen war Schulze zufolge Greta Thunberg, bevor sie ihre Trauer und Wut in politischen Aktivismus umwandelte und die Bewegung „Fridays for Future“ ins Leben rief. „Klimaresilienz“ schließlich beschreibt die Fähigkeit, Belastungen durch die Klimakrise ohne psychische Beeinträchtigungen zu verarbeiten.

Zum Umgang mit all diesen Gefühlen und Belastungen, die die Klimakrise hervorrufen kann, empfiehlt Psychotherapeutin Schulze:

  • Achtsamkeit und Gefühle zulassen,
  • Gespräche mit Freunden,
  • politisches Engagement,
  • Selbstfürsorge und Sport,
  • die Krise als Chance zur Persönlichkeitsentwicklung nutzen,
  • Abgrenzungsfähigkeit entwickeln,
  • Akzeptanz der eigenen Grenzen,
  • Selbstmitgefühl und
  • Hoffnung, wo sie angemessen ist.

„Wir brauchen Psychotherapeuten, die Menschen in diesen Prozessen unterstützen“, betonte Schulze.

Emotionaler Bezug maßgebend

Nicht alle Menschen erlebten starken emotionalen Druck aufgrund der Herausforderungen der Klimakrise, das „Klimabewusstsein“ sei sehr unterschiedlich, ergänzte Lea Dohm, die Co-Gründerin von Psy4F. Von Aha-Momenten berichteten einige, wenn sie beispielsweise bei Waldspaziergängen auf abgestorbene Bäume stießen oder an den Küsten Hochwasserszenarien erlebten. „Maßgegend ist meist ein emotionaler Bezug“, sagte die Psychotherapeutin. Veränderungen fielen Menschen zudem leichter, wenn sie Gruppen im Hintergrund haben. Zur Motivation, sich klimabewusster zu verhalten, seien für manche Menschen Horrorszenarien ausschlaggebend, für andere eher positive Visionen wie grüne Innenstädte, begrünte Häuser oder Radfahrerfreundliche Städte. Psychologische Abwehrmechanismen wie Verdrängung und Verleugnung der Klimakrise gebe es in der Gesellschaft entsprechend auch, ebenso ein Omnipotenzerleben, in dem Sinne: „Uns kann nichts passieren.“ „Der Zusammenhang zwischen Klimakrise und psychischer Gesundheit ist empirisch gut belegt“, berichtete Dohm. („Mental Health and our Climate Change“, siehe Kasten). Kinder und Jugendliche seien besonders gefährdet, weil sie für die Auswirkungen von Naturkatastrophen anfälliger und ungeschützter seien sowie deutlich abhängiger von einem verantwortungsbewussten Handeln Erwachsener.

Die Klimakrise habe auch für die Psychotherapie entsprechend Implikationen: aufgrund einer erhöhten Prävalenz psychischer Erkrankungen oder einem chronischen Verlust von Sicherheit und Kontrolle, den die Patienten spürten. Normalerweise sei das Thema Klimawandel in einer psychotherapeutischen Sitzung nicht relevant, und der Therapeut unterliege immer auch dem Neutralitäts- und Abstinenzgebot, betonte Dohm. Doch könne es Einfluss auf die therapeutische Beziehung haben, wenn beispielsweise ein wenig umweltbewusster Patient einem im Klimaschutz engagierten Therapeuten gegenübersitzt – und umgekehrt.

Psychotherapeuten haben den beiden in Psy4F engagierten Psychotherapeutinnen Dohm und Schulze zufolge eine Verantwortung für den Klimaschutz: „Wir sollten Vorbild sein, selbst Emissionen reduzieren und nachhaltig leben.“ Einem Engagement in der Klimabewegung stehe berufspolitisch nichts entgegen. Die Musterberufsordnung ermögliche „die Beteiligung von Psychotherapeuten an Erhaltung und Weiterentwicklung der soziokulturellen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die psychische Gesundheit“.

Bei dem „Lunch-Talk“ der DPtV zu Aufgaben der Psychologie in Corona- und Klimakrise sagte Lea Dohm: „Wir sitzen alle in einem Boot. Das sind wir aus der Praxis sonst nicht gewohnt.“ Um den Patienten zu ermöglichen, in der Psychotherapie über das Thema Klimakrise zu sprechen, regte sie an, die Frage „Wie geht es Ihnen mit dem Klimawandel?“ in die standardisierte Anamnese aufzunehmen.

Vertrauen statt Überwachung

Der Sozialpsychologe Prof. Dr. phil. Klaus Fiedler von der Universität Heidelberg wies beim DPtV-Lunchtalk auf die Bedeutung von selbstbestimmten Verhaltensweisen hin. Die Bevölkerung könne nur dann nachhaltig davon überzeugt werden, verantwortungsvoll zu handeln beziehungsweise Maßnahmen zum Klimaschutz in ihr Handeln aufzunehmen, wenn es freiwillig geschehe. „Conversion statt Compliance, Vertrauen statt Überwachung, Anstrengung statt Nudging (etwas leicht machen)“, schlägt er vor. Um nachhaltiges Lernen zu erzeugen, müsse man „die Bevölkerung mit ins Boot holen, zu Ideen anregen, sie als Partner betrachten, damit sie verantwortungsvoll handeln“. Die Mehrheit lerne immer noch über Compliance durch Belohnung und Bestrafung und „lechzt nach Gehorsam, nach Politikern, die ihnen sagen, was sie tun sollen“. Das gelte für die Klimakrise ebenso wie aktuell insbesondere für die Coronakrise. Statt Vorschriften zu machen, müsse man, beziehungsweise sollte die Politik auf das „Crowd Wisdom“ vertrauen, denn die Gemeinschaft sei „unglaublich kooperativ“, wenn sie von Maßnahmen überzeugt sei. Nur so ließe sich nachhaltige Veränderung schaffen. Von der Freiwilligkeit in der Umsetzung klimaschonender Maßnahmen zeigte sich Klimaaktivistin Dohm in der Diskussion mit Fiedler allerdings nicht vollends überzeugt: „Wir haben in den letzten Jahren viel zu sehr auf Freiwilligkeit gesetzt – das funktioniert nicht.“ Petra Bühring

Informationen

  • www.psychologistsforfuture.org
  • „The Psychology of Climate Change Communication“, Broschüre der Columbia University, kostenfrei zum Download: http://guide.cred.columbia.edu/
  • „Mental Health and our Climate Change“ Broschüre der American Psychiatric Association (APA) kostenfrei zum Download: http://daebl.de/WN47

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