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Coronajahr: Weiter keine nachhaltige Strategie

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Eine Bilanz des Coronajahres hätte man sich gewünscht. Stattdessen ist Deutschland mit einem harten Shutdown wieder ruhiggestellt.

Ein kurzer Blick zurück lohnt dennoch. Schon zu Anfang der Krise wurde deutlich, dass selbst ein wirtschaftlich hoch potentes Land wie Deutschland organisatorisch auf eine solche Pandemie nicht vorbereitet war, obwohl schon 2012 der Ablauf einer Pandemie mit einem Virus „Modi-SARS“ und die damit verbundenen Anforderungen in einer Bundestagsdrucksache detailliert beschrieben wurde (http://daebl.de/FP67). Die Ausstattung mit Schutzausrüstungen und der Schutz vulnerabler Gruppen waren in dem Bericht zum Beispiel als zentrale Handlungsfelder genannt.

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„Wir sind zum Handeln gezwungen und handeln jetzt auch“, sagte Merkel zum Beschluss des neuerlichen harten Shutdowns. Übersetzt heißt das, wir haben zu lange gewartet. Nicht das erste Mal, dass Entscheidungen erst zögerlich und dann zu spät getroffen wurden. Warum werden erst jetzt FFP-2-Masken für vulnerable Bevölkerungsgruppen ausgegeben und warum hat man immer noch kein Langfristkonzept für diese Gruppen erarbeitet? Oder zumindest getestet, wie es Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer in seiner Stadt versucht hat. Dasselbe gilt für vernünftige Schulkonzepte. Man hat sich offensichtlich im Sommer zu sehr in Sicherheit gewogen. An Mahnungen hat es nicht gefehlt. Sich scheibchenweise zu entscheiden, rächt sich.

Darüber hinaus war der Kommunikationsstil der Politik oft nicht zielführend. Unsere Appelle sind nicht angekommen, hieß es zuletzt. Glühweinstände wurden kritisiert, ohne zu wissen, ob diese wirklich Ausgangspunkt eines starken Infektionsgeschehens sind. So vermittelt man den Eindruck, die Politik habe richtig entschieden, die Bevölkerung dagegen sei Schuld am Fortschreiten der Pandemie. Ehrlichkeit hätte da gut getan nach dem Motto: Wir haben uns mit dem Lockdown light verschätzt. Dazu gehört auch, die sogenannten Kollateralschäden sowohl wirtschaftlich als auch in der medizinischen Versorgung klar zu benennen.

Großartig war dagegen die weltweite Zusammenarbeit bei der Erforschung eines COVID-19-Impfstoffs. Man sieht, was in der Not mit Geld und Engagement plötzlich möglich ist. Und man fragt sich zugleich, warum solche Ressourcen bislang nicht zum Beispiel in Präventionsmaßnahmen von nichtübertragbaren Krankheiten geflossen sind.

Ebenso beeindruckend ist die Erkenntnis, wie die Gesundheitsberufe die Coronapandemie bewältigt haben. Der ambulante und stationäre Bereich haben sich in kürzester Zeit neu organisiert, um unter Pandemiebedingungen die Versorgung auf hohem Niveau und mit Herzblut zu gewährleisten. Das ist übrigens mehr als Grund genug, künftig mehr ärztlichen Sachverstand in die politischen Entscheidungen einzubeziehen. Sichtbar wurden aber auch die virulenten Schwächen des Gesundheitswesens wie der Personalnotstand und die mangelnde Ausstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Die wichtigste Frage aber bleibt weiterhin unbeantwortet. Was kommt nach dem Lockdown? Dass die Politik am 4. Januar die Lage neu bewerten will, beruhigt die Bevölkerung sicher nicht. Eine nachhaltige Strategie muss schnellstmöglich als Ergebnis einer offenen Diskussion her. Vor allem darf es nicht wieder ein politischer Kompromiss sein, sondern ein klares und nachvollziehbares Vorgehen.

Die Redaktion wünscht allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest sowie ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr. Bleiben Sie gesund!

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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