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ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2020Bürokratieaufwand: Durch die Decke

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Bürokratieaufwand: Durch die Decke

Schwarzer, Kerstin

Der von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erhobene Bürokratieindex in der vertragsärztlichen Versorgung ist um 1,3 Prozent auf 96,1 Punkte gestiegen (DÄ 46/2020: „Bürokratieaufwand gestiegen“ von André Haserück).
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Die Bürokratie in der Frauenheilkunde geht grade durch die Decke. Wir werden im Rahmen der neuen Richtlinie zur organisierten Früherkennung des Zervixkarzinoms (oKFe-RL) zu einem Dokumentationsaufwand gezwungen, der den Rahmen des Leistbaren sprengt.

Wo vorher ein Formular ausgefüllt wurde, da werden jetzt vier Seiten teils händisch in Papierform (Muster 3), teils online eingefordert. Die gleichen Informationen werden doppelt erneut vom Zytologen dokumentiert und dreifach dann vom Kolposkopiker, falls eine Abklärung notwendig ist. Die Datensätze werden nicht automatisch zusammengeführt, sondern müssen in der Praxis erneut geöffnet und bearbeitet werden.

Pro gefordertem Dokumentationsbogen brauchen wir nach 6 Wochen Einarbeitungszeit fast 4 Minuten im Durchschnitt. Im Januar und Februar 2020 wurden in unserer Praxis pro Woche im Schnitt 80 Krebsfrüherkennungsuntersuchungen durchgeführt. Ich muss also pro Woche 5,3 Stunden zusätzliche Zeit für Dokumentation einplanen. Wie soll das gehen?

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Unser PVS-Anbieter ist bisher nicht in der Lage, die notwendigen Vorinformationen aus unserem System und die rücklaufenden Ergebnisse der Labore in den vom IQTIG vorgegebenen Bogen zu integrieren.

Möglicherweise kann nach Studienlage ein HPV-basiertes Vorgehen mit zentraler Einladung in der Theorie die Sterberaten an Zervixkarzinom noch weiter senken, als das gut etablierte zytologiebasierte Screening das in den letzten Jahrzehnten in Deutschland konnte. Die Umsetzung in der Praxis ist aber weder durchdacht noch sinnvoll durchführbar und auch nicht den Patientinnen nachvollziehbar erklärbar. Andererseits bindet es viel Arbeitszeit und Nerven in den Praxen, die sinnvoller im Sinne der Patientinnen genutzt werden könnte.

Wir sind gerne jederzeit bereit, Praxisabläufe zu verändern, wenn dabei ein Nutzen für die Patientinnen erreicht wird. Wir sind aber nicht bereit, unsere Arbeitszeit und unsere Motivation für redundante, technisch unzureichende und wahrscheinlich nicht valide auswertbare Daten zu verbrennen.

Der Autor sieht die Ursache der steigenden Bürokratie in der Coronapandemie. Das wird zu einem Teil auch stimmen. Es darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin Neuerungen in der vertragsärztlichen Versorgung den Bürokratieaufwand in aller Regel erhöhen und nicht entlasten.

Dr. med. Kerstin Schwarzer, 28219 Bremen

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