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Elektronische Patientenakte: Kassen warten mit Werbung ab

Beerheide, Rebecca

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Der Start eines der größten Digitalisierungsprojekte im Gesundheitswesen wird als Testphase starten: Bis die 73 Millionen gesetzlich Versicherten die elektronische Patientenakte nutzen können, wird es noch dauern. Den Markt der Anbieter haben drei Unternehmen unter sich aufgeteilt.

Foto: a-image/iStock [m]
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Ein Milliardenprojekt mit viel Potenzial, das Gesundheitssystem deutlich zu verändern – allerdings ohne große Eröffnungsfeier: Die elektronische Patientenakte (ePA) wird zu Beginn des Jahres 2021 als „geordnete Inbetriebnahme“, als „Testphase mit Basisfunktionen“, oder als „Lernphase“ eingeführt. So nennen es die Krankenkassen wie auch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. „Die Einführung der ePA wird im Laufe des Jahres 2021 und in den Jahren danach Schritt für Schritt erfolgen. Mit jeder Arztpraxis, die dazukommt, und jedem Versicherten, der die ePA aktiv nutzt, wird die Sache spannender“, sagt der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch.

Nach 16 Jahren Diskussionen und Vorbereitungen hat die technische Ausgestaltung der ePa in den vergangenen Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen. Mit der gesetzlichen Verpflichtung, dass gesetzliche Krankenkassen ihren mehr als 73 Millionen Versicherten bis zum Beginn des Jahres 2021 kostenlos eine ePA zur Verfügung stellen müssen, wurde in den vergangenen zwei Jahren dieses größte Digitalprojekt Europas unter den IT-Dienstleistern ausgeschrieben.

Da die Entwicklung, die Sicherheitsstandards und die Technikstruktur komplex sind, haben sich drei Unternehmen oder Unternehmenkonsortien herausgebildet, die als Betreiber sich nun den Markt in Deutschland aufteilen.

Für 23 Millionen Versicherte wird IBM aus Ehningen die Akte im sogenannten Backend anbieten. Kunden sind die großen Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse (10,6 Millionen Versicherte), die Barmer (8,9 Millionen), die Knappschaft (1,5 Millionen), die Hanseatische Krankenkasse (HEK) sowie Viactiv. Bei der Barmer wird die Akte „eCare“ heißen, bei der TK „TK-Safe“. Die Barmer kündigte an, ab Sommer 2021 das Design zu verändern und „intuitiver und nutzerfreundlicher“ zu gestalten.

Zweiter großer Anbieter wird der Krankenkassen-IT-Dienstleister Bitmarck aus Essen gemeinsam mit dem österreichischen Unternehmen Research Industrial Systems Engineering (RISE). RISE ist auch als Konnektorhersteller sowie künftiger eRezept-Anbieter im deutschen Markt bekannt. Bitmarck ist ein langjähriger IT-Serviceprovider vieler Krankenkassen. Sie werden die Akte für 87 Krankenkassen betreiben, darunter sind die unterschiedlich großen Betriebskrankenkassen (BKKen), aber auch die DAK (5,6 Millionen Versicherte) und die sechs Krankenkassen der IKK-Familie mit mehr als fünf Millionen Versicherten. Die jeweiligen Apps werden dann im sogenannten Frontend je nach Krankenkasse mit unterschiedlichen Farben, Logos und Verweisen auf deren Webseiten gestaltet.

Für die elf AOKen, die 26,5 Millionen Versicherte haben, wird die Firmengruppe x-tention Informationstechnologie GmbH aus Berlin sowie deren internationale Partner die Akte betreiben. Das Frontend hat die Beraterfirma Ernst & Young entwickelt. Die App soll „Mein Leben“ heißen, teilt der AOK-Bundesverband mit.

Probleme mit dem Apple Store

Ob allerdings die drei Unternehmen die Apps für alle 105 Krankenkassen zu Beginn des Jahres 2021 in den beiden großen App Stores – im Apple Store sowie für Android-Systeme im Google Store– anbieten können, ist noch fraglich: Die IBM-Kunden bestätigen, dass in beiden Stores die App zu Beginn des Jahres enthalten ist. Beim AOK-Bundesverband heißt es auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes Mitte Dezember: „Die iOS-Version unserer App befindet sich aktuell im Zulassungsverfahren bei der gematik und parallel in der Prüfung durch Apple.“ Auch der IT-Dienstleister Bitmarck erklärt: „Unsere App befindet sich aktuell im Zulassungsverfahren bei der gematik sowie in den App Stores von Apple und Google. Wir gehen nach wie vor davon aus, zum Jahresbeginn 2021 die ePA sowohl für iOS als auch für Android bereitstellen zu können.“ Denn können die Krankenkassen dann keine ePA anbieten, drohen ihnen Sanktionen seitens des Gesetzgebers. Wenn die Akte nur für eins der beiden Smartphone-Softwaresysteme bereitsteht, dann gebe es wohl keine Sanktionen, heißt es in Kassenkreisen. Dort wird auch gemunkelt, dass besonders zum Jahresende die technische Prüfung für den Apple Store besonders lange dauert.

In den Akten werden die GKV-Versicherten zunächst die gesetzlich vorgegebenen Funktionen finden, dazu gehören medizinische Daten, der Not­fall­daten­satz und ein elektronischer Medikationsplan sowie eigene eingegebene Daten. Einige Kassen bieten weitere Funktionen an: Die TK hat umfangreichere Funktionen im Angebot, wie ein persönliches Arztverzeichnis, Impf- und Vorsorgeempfehlungen, Übersicht zur Arbeitsunfähigkeit sowie Informationen über Arztbesuche und Kranken­haus­auf­enthalte. Die Barmer will ab Sommer 2021 Gesundheitsinformationen, Prävention sowie saisonale Ratschläge anbieten. In den Akten der AOKen werden auf Wunsch der Versicherten „Gesundheitshistorien“ zur Verfügung gestellt, die auf den Abrechnungsdaten basieren. Diese Funk-tion ist für alle GKV-Versicherten in der zweiten Ausbaustufe ab 2022 vorgesehen.

Geringes Interesse zu Beginn

Wie auch in Arztpraxen wird die App zunächst nicht sofort für Versicherte verfügbar sein, denn auch für sie ist der Zugang nicht ohne Hürde: So ist bei vielen Krankenkassen noch unklar, wie sich Versicherte authentifizieren können, um den PIN-Code zur Freischaltung der App zu bekommen. Dies soll laut Gesetz entweder in der Geschäftsstelle, per Post-Ident-Verfahren oder einem Video-Ident-Verfahren passieren. Da es das Produkt der Deutschen Post zum Post-Ident-Verfahren in dieser Form noch nicht auf dem Markt ist sowie das Video-Ident-Verfahren von Datenschützern kritisiert wird, haben sich einige Krankenkassen dafür entschieden, dass Versicherte sich persönlich in den Geschäftsstellen authentifizieren müssen.

Ob sich die Versicherten auch für die neuen Angebote interessieren, da sind sich Krankenkassen noch nicht sicher. Zwar wurden in den vergangenen Jahren immer mehr digitale Produkte entwickelt, digitale Beantragung von Leistungen oder Impfplaner gibt es bereits. Die TK berichtet, die jetzige Version der TK-Safe-Akte werde bereits von 250 000 Nutzern aktiv genutzt. Bei den IKKen rechnet man zu Beginn „mit einem geringen Interesse an der App“. „Richtigen Zuspruch wird die ePA voraussichtlich erst mit der zweiten Ausbaustufe in 2022 erlangen“, so die IKKen.

Auch der Streit um den Datenschutz verunsichert die Krankenkassen kurz vor dem Start: So hatte der Bundesdatenschutzbeauftragte mit Sanktionen gedroht, wenn kein feingranulares Rechtemanagement für Versicherte zum Start der Akte möglich ist. Technisch kann dies erst 2022 umgesetzt werden. Der Gesetzgeber hatte den Krankenkassen aber klare Vorgaben zur Spezifikation gemacht, an die sich die Krankenkassen gehalten hatten. In diesem Dilemma hat sich nun die bundesweite Aufsicht der Krankenkassen eingemischt und den Kassen den Rücken gestärkt.

Rebecca Beerheide

Foto: BMG
Foto: BMG

3 Fragen an . . .

Christian Klose, Leiter Unterabteilung gematik, Tele­ma­tik­infra­struk­tur, E-Health im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium

Was erwarten Sie zum Start der ePA Anfang des Jahres?

Wir sind zuversichtlich, dass alle Krankenkassen zum 1. Januar eine ePA zur Verfügung stellen werden. Wir haben ja bewusst ein Modell in drei Phasen gewählt: Zum Start bieten die Krankenkassen ihren Versicherten eine App zum Download an, mit der diese Zugang bekommen. Jeder Patient kann dann seine ePA beantragen. In Phase 2 im zweiten Quartal beginnt der Anschluss beziehungsweise. die digitale Verbindung aller Ärztinnen und Ärzte mit der ePA. In Phase 3 zum 1. Juli 2021 müssen alle vertragsärztlich tätigen Leistungserbringer in der Lage sein, die ePA zu nutzen und zu befüllen. Parallel zu Phase 1 können wir mit dem Test in der realen Welt beginnen. Es ist ganz wichtig, dass wir die Leistungsfähigkeit des Systems aus ePA, Tele­ma­tik­infra­struk­tur, Schnittstellen der PVS-Systeme und anderen Komponenten in einer Livesituation testen. Nur so kann dieses größte Vernetzungsprojekt im deutschen Gesundheitswesen gut funktionieren. In zwei Testregionen, in Berlin und Westfalen-Lippe, proben wir im Rahmen des Feldtests mit 150 bis 200 Ärztinnen und Ärzten. Auch bei den Konnektoren sind wir auf einem guten Weg: Fast 90 Prozent der niedergelassenen haben diesen bestellt, in einigen Regionen mehr, in anderen weniger. Wichtig ist auch, dass die PVS-Hersteller nun die notwendigen Schnittstellen umsetzen.

Wie wichtig wird die Kommunikationen zwischen Arzt und MFA?

Die Praxisangestellten spielen eine sehr wichtige Rolle. Denn Fragen wie „Wie kann ich die ePA befüllen?“ werden wohl eher an die MFA gestellt. Darum werden die geplanten Informationsmaterialien zielgruppenspezifisch aufbereitet. Heißt, dass sie auch darauf ausgerichtet sind, was in der Praxis im Alltag am Tresen passiert. Wir wollen diese Informationen als digitales White-Lable-Produkt anbieten, in das eine Arztpraxis, Klinik oder auch Lan­des­ärz­te­kam­mer oder KV ihr Logo einbringen können.

Wieviele ePAS werden zum 30. Juni 2020 im Umlauf sein?

Das hängt stark davon ab, welchen Mehrwert die Krankenkassen mit ihren ePA bieten werden. Die Krankenkassen werden in den ersten Monaten sicher viel weiterentwickeln und können dann auf ihre Versicherten zugehen, damit diese Vertrauen in die Akte bekommen. Der Mehrwert sollte versorgungsrelevant sein, das heißt für den Patienten plausibel sein nach zu vielen Jahren der reinen Zettelwirtschaft. Pluspunkte gibt es genug, für Patienten mit chronischen Erkrankungen genauso wie für andere.

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