VARIA: Feuilleton

„Anatomie„ im Kino

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-626 / B-513 / C-484

Jütte, Robert

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LNSLNS Märchen können grausam sein. Nicht jedes Hausmärchen der Brüder Grimm eignet sich bekanntlich für zartbesaitete Kinderseelen. Dazu gehört trotz des Happy End auch die Geschichte "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen". Dort spielt der Junge, der sich so gerne gruseln möchte, mit Totenschädeln Kegel und legt sich sogar mit einer Leiche ins Bett, um den Toten, den er für seinen verstorbenen Vetter hält, wieder aufzuwärmen. Ein solcher Stoff, aus dem heute höchstens noch Albträume von Kindern gemacht werden, eignet sich inzwischen kaum mehr für einen richtigen Thriller. Da müssen ganz andere Ängste angesprochen werden. Es sollte schon "echter" Nervenkitzel sein.
Und wo jagt es den Menschen heute noch einen Schauer über den Rücken? Zum Beispiel im Anatomiesaal, wo von "abgebrühten" Medizinern anonyme Lei-chen seziert und anatomische Ganzkörperpräparate hergestellt werden. Das dachten sich jedenfalls die Produzenten des Films "Anatomie", der Anfang Februar in den deutschen Kinos angelaufen ist. Die Idee soll bei einem Mittagessen entstanden sein. Man wollte einen Thriller drehen und suchte nach einem geeigneten Stoff. Was fällt jemandem ein, der die beliebten Ärzteserien im Fernsehen weder grauslich noch gruselig findet? Natürlich: Horrorgeschichten von Menschen, die lebendig unter das Seziermesser ehrgeiziger, gewissenloser Anatomen geraten!
In dem Film "Anatomie", der bezeichnenderweise ohne erklärenden Untertitel auskommt, greift der Regisseur und Drehbuchautor Stefan Ruzowitzky tief in die medizinhistorische Mottenkiste. Da wird ein Geheimbund von Medizinern, der sich "Antihippokraten" (AAA) nennt und die Zeiten sowie politische Systeme überdauert hat, erfunden. Seine verschworenen Mitglieder waren angeblich im Dritten Reich an den Menschenexperimenten in Konzentrationslagern beteiligt. In der Nachkriegszeit treiben sie im Anatomiesaal einer der ältesten deutschen Universitäten ihr Unwesen, indem sie den Prozess der Plastination bereits am noch lebenden Opfer ihrer skrupellosen wissenschaftlichen Neugier einleiten.
Ärzten traut man alles zu
Wie sehr offenbar der Nürnberger Ärzteprozess das Vertrauen in den ärztlichen Stand nachhaltig erschüttert hat, macht dieser Film deutlich. Ärzten traut man inzwischen (fast) alles zu. Nicht nur kommt die medizinische Grundlagenforschung (Anatomie, Pathologie) in diesem Film schlecht weg. Generell haben Ärzte in dem Film ein schlechtes Image. Man unterstellt ihnen, dass sie ihre Macht über Leben und Tod genießen. Sie werden als geldgierig und standesbe-wusst geschildert. Eitle Medizinprofessoren machen sich über Ganzheitsmedizin lustig. Bezeichnend ist die Szene im Abspann des Films, wo zwei fleißige Medizinstudenten, die die makabren Vorfälle in der Heidelberger Anatomie mit- und überlebt haben, sich weiterhin zu den Idealen der "Antihippokratiker" bekennen. Der eine, ein junger Arzt, sieht die Möglichkeit, diese Ziele durch den Wechsel an ein anderes Forschungsinstitut zu verwirklichen. Die angehende Ärztin dagegen (in ein biederes Mädchenkostüm gesteckt!) sieht die besseren Chancen für zweifel-hafte Menschenexperimente eher in einer Privatpraxis, wo angeblich niemand hineinschnüffelt!
Bedenklich ist, dass solche aberwitzigen Verschwörungstheorien offenbar von vielen Zuschauern geglaubt werden. Ein Freund, der diesen Film vor mir gesehen hatte, rief mich aufgeregt an und fragte allen Ernstes, ob es die "Antihippokratiker" wirklich gegeben habe. Der Regisseur berichtet in einem Interview, am Ende der Dreharbeiten hätten sogar Mitglieder des Teams ihm eine solche Frage gestellt.
Zielpublikum dieses Films sind sicherlich nicht angehende Medizinstudenten oder Krankenpfleger. Hier wird das Massenpublikum angesprochen, das sich zur Zeit in Köln in der Ausstellung "Körperwelten" die Füße platt tritt und dem beim Anblick der plastinierten Leichen Gunther von Hagens (zufällig auch in Heidelberg tätig) ein Schauer über den Rücken läuft. So ist es sicherlich kein Zufall, dass auf der Internetseite, auf der für diesen Film geworben wird, auch ein Hinweis auf diese Ausstellung zu finden ist.
Ein Filmkritiker von TV 14 verstieg sich angesichts dieser neuen Produktion aus deutscher Hand zu der Lobeshymne: "Pflichtseminar! Der beste Körperkult seit der Erfindung des Skalpells." Wenngleich man sich sofort fragt: "Pflichtveranstaltung für wen?", so steckt in diesem flotten Werbespruch doch ein Körnchen Wahrheit. Der Film "Anatomie" ist nur eine, wenn auch recht makabre Facette der gegenwärtigen Wiederentdeckung des Körpers, die von der Faszination, die vom ausgestellten Leichnam ausgeht, bis hin zum Bodybuilding und der angeblichen Vorliebe von Frauen für knackige Männerärsche reicht. Alles gibt es in diesem Film zu sehen. Also ein Kultfilm im wahrsten Sinne des Wortes!
Schade um die guten Darsteller
Da bleibt zum Schluss nur noch übrig, den Regisseur und Drehbuchautor zu zitieren: "Ich mag es, wenn man im Kino eine etwas überhöhte Realität zeigt, nicht so ganz das Alltägliche, sondern die Verdichtung einer größeren Wahrheit." Wer diesen Film bis zum Ende ausgehalten hat, der wird sich fragen, was denn nun die Moral dieses "waschechten Schockers" à la Hollywood ist. Eine Antwort könnte lauten: "Traue keinem Arzt, ob nun unter oder über dreißig." Schade, dass sich so erstklassige Darsteller wie Franka Potente, Traugott Buhre und Benno Fürmann für ein solches Horrorkabinett des Dr. Grombek (so heißt der Heidelberger Anatomieprofessor im Film) hergegeben haben. Hätten sie das Drehbuch abgelehnt, wäre uns vielleicht ein überflüssiger Film erspart geblieben. Prof. Dr. phil. Robert Jütte
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