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ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2020Intensivpatienten verlegen: Ressourcen fehlen

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Intensivpatienten verlegen: Ressourcen fehlen

Richter, Florian

Bund und Länder haben zusammen mit Intensivmedizinern ein Konzept entwickelt, über das sie im Notfall COVID-19-Intensivpatienten aus Regionen mit hohem Infektionsgeschehen verlegen können (DÄ 48/2020: „Innerdeutsche Verlegungen“ von Jan-Thorsten Gräsner et al.).
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Bereits als ich das erste Mal von den Plänen hörte, in großem Umfang schwerstkranke, beatmete COVID-Patienten quer durch Deutschland zu verlegen, musste ich spontan den Kopf schütteln. Mit einer Mischung aus Unglauben und Traurigkeit habe ich nun die Konkretisierung im Artikel „Innerdeutsche Verlegungen“ in Ausgabe 48 gelesen. Allen Kollegen, die tatsächlich auf Intensivstationen und in Notaufnahmen arbeiten, ist bekannt, welche logistischen Schwierigkeiten und welchen Aufwand eine außerklinische Verlegung bereits vor der Pandemie bedeutete. Wiederholt notwendige Telefonate und Gespräche mit Angehörigen, Empfängerklinik, Leitstelle, Transportteam, die Vorbereitung des Patienten beschert der verlegenden Einrichtung Arbeit und Personalbindung über Stunden. Dies wird in einer Phase der Überlastung der entsendenden Einrichtung schlechterdings nicht möglich sein.

Mehr noch stellt sich die Frage, wo sich in Deutschland jene „nicht ausgelasteten Intensivstationen“ finden sollen. Immerhin handelt es sich um ein weiterhin expandierendes Geschehen mit steigenden Zahlen von krankenhaus- und intensivpflichtigen Patienten. Die interregionale Verlegung von Patienten dauert auch unter optimalen Bedingungen mindestens einen halben, realistischerweise einen vollen Tag. Dynamische Entwicklungen der Patientenzahl auf Intensivstationen verlaufen aber binnen Stunden und sind nicht vorherzusehen. Es würden die in Verlegung befindlichen Patienten in Konkurrenz zu vor Ort konkret vorhandenen Patienten treten, für die dann kein Bett mehr verfügbar wäre.

Ferner stellt ein mehrstündiger Transport für einen beatmeten und Katecholamin-pflichtigen Patienten eine erhebliche Gefährdung dar.

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Unklar bleibt für mich auch die Logistik des Transports selbst: Ebenso wie ein Mangel an Pflegefachkräften auf Intensivstationen besteht, gibt es nur eine begrenzte Zahl an Rettungsdienstmitarbeitern und Notärzten (diese zumeist noch in einer Doppelrolle als Klinik- und Notarzt). Will man aus dem aktuell ohnehin schon maximal belasteten System noch Kräfte abziehen um instabile Patienten in eine mehrere hundert Kilometer entfernte Klinik zu verlegen? Diese Strategie wäre erfolgreich bei einer lokal begrenzten Katastrophe, wenn aus einem unbelasteten Systemteil Ressourcen mobilisiert werden können. Sie ist denkbar ungeeignet für die aktuelle Lage. Das Konzept ist bestenfalls Augenwischerei, bei realer Anwendung eine zusätzliche Gefährdung der Patienten und Belastung der Ressourcen.

Dr. med. Florian Richter, 72766 Reutlingen

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