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ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2021Kommunikation: Mit Dementen sprechen

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Kommunikation: Mit Dementen sprechen

Holtel, Markus; Neufang, Alexander

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Die Zahl an Demenz Erkrankter steigt in Deutschland täglich um mehr als 100 Menschen an. Eine Herausforderung für alle Beteiligten ist der Umgang mit den schwindenden kommunikativen Möglichkeiten der Betroffenen.

Foto: freshidea/stock.adobe.com
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Eine fortschreitende Demenz beeinträchtigt in wachsendem Maße das Gedächtnis, das Denken im Allgemeinen, die Wahrnehmung sowie die Sprache. Pflegende, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Angehörige sind mitunter hilflos. Am besten untersucht ist die Alzheimerdemenz, die mit 50 bis 60 Prozent die Mehrheit der 1,7 Millionen Erkrankungen in Deutschland ausmacht. Sie beginnt mit Wortfindungs- und Benennstörungen, bei Tests mit Bildmotiven werden semantisch verwandte oder ähnliche Wörter genannt. Besonders schwer fallen den Patientinnen und Patienten relativ neu erlernte, weniger geläufige Wörter. Auch die Störungen von Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprachverständnis und -geschwindigkeit beeinträchtigen den sprachlichen Austausch. Die Sprachdefizite entwickeln sich individuell, doch einige Studien zeigen auch einen Zusammenhang zwischen der Ausprägung der Demenz und der Sprachstörung. Gelingende Kommunikation mit diesen Patienten wirkt deren Rückzug und Vereinsamung entgegen.

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Wichtig ist die Haltung

Menschen, die mit demenziell Erkrankten umgehen, können sich kommunikative Fähigkeiten für diese Situation aneignen. Grundlage ist eine Haltung von Respekt, Anerkennung, Verständnis und Nähe. Emotionen sind offensichtlich sehr bedeutsam für Demenzpatienten. Sie nehmen nonverbale und emotionale Zeichen sensibel wahr und kommunizieren darüber. Eine gute Beziehungspflege kann in allen Stadien der Demenz die Symptome mildern. Ebenso können negative Momente in der Beziehung zu ihrer Verstärkung führen. Zu diesen Symptomen zählen Unruhe, Angst, ständiges Umherlaufen, Depressionen, Apathie, Aggressionen, das Gefühl bestohlen worden zu sein, Schlafstörungen, Wahn oder Halluzinationen.

Methoden wie das Dementia Care Mapping helfen Pflegekräften, sich in die Lage der Betroffenen zu versetzen. Dazu werden Gruppen dementer Personen über Stunden beobachtet und ihre Befindlichkeit im Verlauf des Tages evaluiert. Das unterstützt eine wertschätzende Grundhaltung und ein achtsames Verhalten. Kommunikationstrainings für Pflegende senken deren psychische Belastung und fördern die Lebensqualität der Patienten. Besondere Instrumente der Kommunikation zielen darauf ab, ihre nonverbalen und emotionalen Ressourcen zu nutzen.

Die kommunikative Asymmetrie zu den Pflegenden macht eine erkrankte Person verletzlich. Es werden Entscheidungen über sie getroffen, die sie nicht beeinflussen oder nachvollziehen kann. Häufig kann sich jedoch ein dementer Mensch trotz seiner kognitiven Einbußen in Situationen einfühlen und empfindet, wenn er nicht ernst genommen wird. Pflegende können dies über eine gelingende Kommunikation ausgleichen. Eine große Rolle spielt dabei die nonverbale Kommunikation.

Besonders hilfreich sind folgende drei Aspekte der personenzentrierten Begegnung:

  • Authentizität und Wahrhaftigkeit: kein Verstehen vortäuschen
  • Validation: die erkrankte Person wertschätzend wahrnehmen, sie ernst nehmen und akzeptieren, wie sie ist
  • Empathie: sich in die erkrankte Person einfühlen und versuchen, diese zu verstehen

Dazu sollten Bezugspersonen die Lebensgeschichte der Patienten kennen. Selbst wenn jemand nicht in der Lage ist, an seiner narrativen Identität festzuhalten, so können dies andere immer noch tun. Der Expertenstandard des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege empfiehlt dazu die Fallbesprechung als Basis einer abgestimmten Pflegeplanung.

In den 90er-Jahren entstand in den USA eines der ersten Programme für eine verbesserte Kommunikation mit dementen Menschen. Die wesentlichen Empfehlungen für einen erfolgreichen Austausch mit den Betroffenen fasst das Akronym FOCUSED zusammen.

  • F = Face to face: Blickkontakt aufnehmen, die Person auf sich aufmerksam machen
  • O = Orientation: wichtige Begriffe und Sätze mehrfach wiederholen, der Person Zeit geben, das Gesagte zu verstehen
  • C = Continuity: Gesprächsthemen nicht abrupt wechseln, ein neues Thema vorher ankündigen
  • U = Unsticking: Unterstützen bei Wortfindungsproblemen, indem man den Satz der Person mit dem korrekten Wort paraphrasiert: „Meinst du ...?“
  • S = Structure: Möglichst kurze, geschlossene Fragen stellen; so kann die demente Person einfache Antworten geben. Entscheidungen auf zwei Optionen begrenzen: Dies oder das?
  • E = Exchange: Gespräche mit angenehmen, alltäglichen Themen beginnen; Fragen stellen, die Betroffene leicht verstehen und beantworten können; Hinweise geben, wenn das Gegenüber Hilfe braucht, um die Antwort zu finden
  • D = Direct: kurze, einfache Sätze wählen, Gestik, Mimik und Bildsprache einsetzen

Diese Empfehlungen zu den Grundsätzen der Gesprächsführung mit Dementen lassen sich ergänzen durch die ABC-Methode. Diese lässt sich insbesondere in Situationen nutzen, in denen Betroffene aggressives Verhalten zeigen. Sie zielt darauf ab, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie in ihrer Selbstständigkeit nicht infrage gestellt werden. Denn für einen dementen Menschen ist das Gefühl, ernst genommen zu werden, ebenso von Bedeutung wie das Gefühl, verstanden zu werden und selbstständig zu sein.

  • A = Avoid confrontation: Es ist nicht hilfreich, einen dementen Menschen auf seine Fehler hinzuweisen. Es soll eher versucht werden, dies zu umgehen und auszuweichen. Unwahre Aussagen sollten jedoch unterbleiben, sie würden eher verwirren als helfen.
  • B = Be practical: Pflegende sollen vorausschauend agieren. Wenn sie wahrnehmen, dass es zu einer schwierigen Situation kommen könnte, sollen sie ausweichen oder das Thema wechseln.
  • C = Clarify the feelings and comfort: Die Pflegenden sollen versuchen, die beobachteten Gefühle des dementen Menschen in Worte zu fassen und ihm tröstend zur Seite zu stehen. Häufig werden die Betroffenen in der Folge ruhiger und weniger ängstlich.

Die neue Arbeitshilfe „Kommunikation bei Demenz“ der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung (GQMG) fasst diese und weitere Empfehlungen und Belege zusammen. Sie findet sich zum Download auf der Webseite der GQMG (siehe Kasten). Eine kostenfreie „Pocketkarte“ für die Kitteltasche ergänzt die Arbeitshilfe mit kurzen Hinweisen.

Dr. med. Markus Holtel,

Alexander Neufang

Sprache und Sprechweise

Schon wenige Hinweise zur sprachlichen, para- und nonverbalen Kommunikation helfen, das Gespräch mit einem dementen Menschen entscheidend zu verbessern. Bezugspersonen sollten

  • auf Pronomen verzichten: Ihre Tochter hat angerufen. Ihre Tochter (nicht: Sie) kommt gegen Mittag vorbei.
  • in „Ich-Form“ über alles sprechen, was sie vorhaben: Ich möchte nun mit Ihnen in den Garten gehen. – Ich bringe Sie nun in Ihr Zimmer.
  • Verneinungen vermeiden.
  • in wenigen Worten, kurzen und klaren Aussagen sprechen, und das Gesagte geduldig wiederholen.
  • Fragen stellen, die eher präzisieren (Wie? Was? Wann? Wo?) als nach Ursachen zu suchen (Warum?).
  • Betroffene ermutigen, mit Ja und Nein zu antworten.
  • möglicherweise im Dialekt der Betroffenen sprechen.
  • ruhig und langsam sprechen und hohe Stimmlagen vermeiden.
  • in angespannten Situationen eventuell in einen Flüsterton wechseln, um das Gefühl eines vertrauten Miteinanders hervorzurufen.
  • den Betroffenen ausreichend Zeit lassen, nachzudenken und zu antworten.
  • im Gespräch die Körperhaltung spiegeln: Wenn jemand steht, kommunizieren sie im Stehen.
  • während einer Handlung kurz, aber dennoch klar beschreiben, was sie tun.
  • versuchen, die Gefühle der Betroffenen zu verbalisieren.

Eine ausführliche Darstellung zum Thema findet sich in der kos-tenfreien Reihe „Arbeitshilfe Bes-sere Kommunikation“ der Gesell-schaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung.

gqmg.de/downloads

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