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Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn ruft die Mitarbeiter im Gesundheitswesen zur Inanspruchnahme der Coronaimpfung auf. Der Start der Impfungen geriet jedoch – nicht unerwartet – etwas holprig. Bundesregierung und Ge­sund­heits­mi­nis­terium verteidigen jedoch die gewählte Strategie.

Impfstart in Köln: Gertrud Vogel, 92-jährige Pflegeheimbewohnerin, erhält den Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Foto: picture alliance/Flashpic/Jens Krick
Impfstart in Köln: Gertrud Vogel, 92-jährige Pflegeheimbewohnerin, erhält den Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Foto: picture alliance/Flashpic/Jens Krick

Seit dem 27. Dezember läuft auch in Deutschland eine breite Impfkampagne gegen SARS-CoV-2. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) appellierte wiederholt und eindringlich an Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Für Mediziner und Pflegekräfte sei es deshalb aus seiner Sicht ein Gebot der Vernunft und der Solidarität, sich impfen lassen – zu ihrem eigenen Schutz und dem Schutz der ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten. In diesem Sinne trügen die Mitarbeiter im Gesundheitswesen eine doppelte Verantwortung.

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Auch er selbst werde sich sofort impfen lassen, wenn er an der Reihe sei, betonte Spahn. So wolle er davon überzeugen, dass der Impfstoff sicher ist. Bis Anfang Februar werde man wie geplant knapp vier Millionen Dosen des BioNTech-Impfstoffes ausliefern. Ziel sei es, bis Ende Januar allen Bewohnern von Pflegeheimen ein Impfangebot machen zu können. „Dies macht einen entscheidenden Unterschied im Pandemieverlauf“, so Spahn.

Die ersten Rückmeldungen seitens der beteiligten Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) würden zeigen, dass die Impfungen in den Heimen durch mobile Impfteams gut und wie geplant angelaufen sind, erklärte dazu Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Bislang wurden 1,3 Millionen Dosen des Impfstoffes der Mainzer Firma BioNTech an die Bundesländer geliefert. Damit werden aktuell gemäß der entsprechenden Priorisierung zunächst Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, Menschen im Alter von über 80 Jahren sowie Pflegekräfte und besonders gefährdetes Krankenhauspersonal versorgt. Innerhalb der ersten Woche meldete das Robert Koch-Institut (RKI) rund 238 800 vollzogene Impfungen. Bis einschließlich 1. Februar sollen laut Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) weitere 2,68 Millionen Impfdosen schrittweise an die Länder verteilt werden.

Kritik zurückgewiesen

Spahn hatte schon vor dem Start der Impfkampagne gewarnt, dass es zu Beginn „an der einen oder anderen Stelle auch mal ruckeln“ könne. Die zum Teil scharfe Kritik am grundsätzlichen Vorgehen der Bundesregierung bei der Beschaffung und Verteilung des Coronaimpfstoffes wies der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter jedoch zurück. „Es läuft genauso, wie es geplant war“, betonte Spahn. Politiker von Opposition, aber auch der SPD, äußerten sich unzufrieden mit dem Vorgehen bei der Impfstoffbeschaffung. Spahn wies die Vorwürfe zurück. Man habe ausreichend Impfstoff für Deutschland und die Europäische Union bestellt. Das grundlegende Problem sei die geringe Produktionskapazität zu Beginn bei weltweit extrem hoher Nachfrage. „Es war bekannt, dass es zu Beginn knapp werden würde und wir priorisieren müssen.“

Noch im Januar könnte an die Seite des BioNTech-Impfstoffes der Kandidat eines weiteren Herstellers treten und so die verfügbaren Kapazitäten erhöhen. Der Impfstoff des US-Unternehmens Moderna stand zum Redaktionsschluss kurz vor der EU-Zulassung. „Die genauen Lieferpläne für diesen Impfstoff werden wir dann zügig mit der EU und dem Unternehmen abstimmen“, kündigte das BMG an.

Zudem wird der Impfstoff des britisch-schwedischen Konzerns AstraZeneca derzeit von den europäischen Zulassungsbehörden geprüft. Das Mittel hatte in Studien eine geringere Wirksamkeit aufgewiesen als der Impfstoff von BioNTech, kann aber mit weniger Aufwand gelagert werden.

Bundesländer gefragt

Bei der Schnelligkeit der Impfungen sieht Spahn auch die Bundesländer in der Pflicht. Das Vorgehen sei unterschiedlich, teils durch Anschreiben oder telefonische Terminvergabe. „Dass es keine bundeseinheitliche, sondern diese unterschiedliche Herangehensweise gibt, war eine sehr bewusste Entscheidung der Länder“, betonte Spahn.

In allen Bundesländern werden derzeit mit mobilen Teams Bewohnerinnen und Bewohner in Alten- und Pflegeheimen sowie das Personal geimpft. Die regionalen Impfzentren nehmen die Arbeit bis spätestens Mitte Januar auf. Die Termine für die Impfung werden je nach Bundesland unterschiedlich vergeben: In Hamburg, Hessen, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt wird der Termin über eine Webplattform vergeben, die die Tochtergesellschaft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), KVdigital GmbH, betreibt. Brandenburg wird in den kommenden Tagen hinzukommen. Baden-Württemberg will „keine personalisierte Einladung“ verschicken.

Andere Länder wollen genau dies: Berechtigte Personengruppen sollen in den nächsten Tagen Briefe mit der Impfeinladung erhalten, dazu zählen Bayern, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Berlin und Rheinland-Pfalz. Mehrere Bundesländer haben ausschließlich oder zusätzlich eigene Online-Buchungssysteme aufgesetzt, dazu zählen Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Saarland, Niedersachsen, Thüringen oder Berlin.

In der Hauptstadt werden die Termine vom E-Health-Unternehmen Doctolib koordiniert. In Bayern soll eine Online-Buchung „im Laufe des Januars“ wieder möglich sein, da die bislang vorhandenen Termine vergeben sind. In Sachsen sollen erst ab Mitte Januar „individuelle Termine“ in den geplanten Impfzentren vergeben werden.

Bei der Bevölkerung sorgt die unterschiedliche und länderspezifische Organisation der Impfungen derzeit noch teilweise für Verwirrung. Gerade angesichts dieser Unsicherheiten müsse die Bevölkerung fortlaufend und fundiert über die in den nächsten Wochen anstehenden Coronaimpfungen aufgeklärt werden, betont die Psychologin Prof. Dr. phil. Cornelia Betsch von der Universität Erfurt gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Da teilweise eine neue und noch wenig bekannte Technologie zum Einsatz käme, kursierten noch viele Gerüchte.

Bevölkerung aufklären

„Diese Wissenslücken müssen besetzt werden. Sicherheitsbedenken sind der wichtigste Einflussfaktor für die Bereitschaft der Menschen, sich impfen zu lassen“, erklärt die Initiatorin der Cosmo-Studie (COVID-19 Snapshot Monitoring), mit der sie seit Beginn der Pandemie in Kooperation mit mehreren Institutionen durch wiederholte Befragungen Einstellungen und Ängste der Bevölkerung untersucht. „Das Wissen steigt im Vergleich zu den Vorwochen“, sagt sie. Doch auch jetzt, nach dem Anlaufen der ersten Impfungen, gebe es der aktuellen Erhebung zufolge noch immer ein hohes Informationsbedürfnis. „Nach und nach kommen die Informationen – das schafft Vertrauen.“

Wichtig sei es, so Betsch, aktiv zu informieren. Besonders gefragt seien dabei die Ärztinnen und Ärzte. Am größten ist der Psychologin zufolge momentan das Bedürfnis nach Informationen über potenzielle Nebenwirkungen der Impfung, gefolgt von Informationen über die verschiedenen Impfstofftypen. Personen mit erster Impfpriorität hätten besonderen Bedarf an Informationen über potenzielle Nebenwirkungen. „Die meisten Befragten wünschen sich, über Fernsehen und Radio sowie von ihren Ärztinnen und Ärzten über die Impfung gegen das Coronavirus informiert zu werden“, so Betsch. Ansprechen sollten diese auch mögliche Risiken und Nebenwirkungen der Impfung.

Wenn jetzt viele Menschen – insbesondere ältere und hochbetagte – eine Coronaimpfung erhielten, sei zu erwarten, dass danach Nebenwirkungen oder gar Todesfälle aufträten, zumindest zufällig. Auch darauf müssten Ärztinnen und Ärzte in der Kommunikation eingehen. „Neben Verständnis für die Emotionen der Patienten wird in den nächsten Wochen eine sachliche Aufklärung über die Prozesse der Nachverfolgung der verabreichten Impfungen gefragt sein“, meint die Psychologin.

Einfluss auf das Impfverhalten der Bevölkerung wird auch das Impfverhalten der Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise des gesamten medizinischen Personals haben. Nach den aktuellen Daten der Cosmo-Studie steigt seit den Weihnachtstagen sowohl die Impfbereitschaft des medizinischen Personals als auch das der Gesamtbevölkerung wieder. Etwa die Hälfte der Befragten würde sich gegen COVID-19 impfen lassen, erklärt Betsch.

Steigende Impfbereitschaft

Dies bestätigt auch eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI): 73 Prozent der Ärztinnen und Ärzte und knapp 50 Prozent der Pflegenden in Deutschland wollen sich nach der anonymen Online-Umfrage, an der Mitte Dezember 2020 2 305 Ärzte und Pflegekräfte teilnahmen, gegen SARS-CoV-2 impfen lassen.

Bedenken bezüglich der Wirksamkeit des neuen Impfstoffs haben die Befragten kaum. Ängste gibt es hingegen – vor allem bei den Pflegenden – vor Nebenwirkungen und Langzeitschäden. Unabhängig von der Berufsgruppe sind die Bedenken bei weiblichem Personal deutlich höher. „Das Ergebnis der Umfrage drückt die Sorgen vor einem neuen Impfstoff aus, bei dem es noch keine Langzeiterfahrung gibt“, kommentierte Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis, Präsident der DGIIN, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Um die Impfbereitschaft unter medizinischem Personal zu erhöhen, sei es wichtig, über die Wirkmechanismen sowie über Erfolge und Nebenwirkungen aufzuklären, meinte DIVI-Präsident Prof. Dr. med. Uwe Janssens. Solange die Langzeitwirkungen nicht bekannt seien, müsse eine „reflektierte Unsicherheitskommunikation“ erfolgen. Dabei solle herausgestellt werden, was getan werde, um die Unsicherheiten zu reduzieren.

Rebecca Beerheide, André Haserück, Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Mehr Abstand könnte erneut helfen

Der Impfstoff gegen SARS-CoV-2 ist knapp. Um trotzdem möglichst schnell möglichst viele Menschen impfen zu können, hat man sich in Großbritannien entschieden, vorerst nur eine Impfdosis zu verabreichen. Die zweite Dosis des Impfstoffs von BioNTech und Pfizer soll innerhalb von zwölf anstatt nach drei Wochen folgen. Der Impfabstand wird damit weit über das in der EU-Zulassung vorgesehene Intervall verlängert.

Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt
Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt

Könnte eine vergleichbare Maßnahme auch in Deutschland zur Bekämpfung der Pandemie beitragen? Prof. Dr. med. Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, befürwortet zwar nicht die britische Strategie, da „alle Personen innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums zweimal geimpft werden sollten“, wie er betont. „Aber eine Flexibilisierung des Impfintervalls sollte diskutiert werden.“ In der Phase-III Studie von BioNTech und Pfizer betrug der Abstand zwischen den zwei Impfungen 19 bis 42 Tage. Immunologisch sei das Intervall von drei Wochen daher eher als eine Untergrenze zu verstehen, erklärte er. Man habe etwas Spielraum.

Allerdings gibt es auch die Befürchtung, dass ein Hinauszögern der Boosterimpfung die Ausbreitung resistenter Varianten von SARS-CoV-2 begünstigen könnte. Angesichts der derzeit unkontrollierten Ausbreitung des Virus – auch neuer SARS-CoV-2-Varianten wie in Großbritannien – klingt das etwa für Prof. Dr. med. Isabella Eckerle nach einer „schlechten Idee“. „Die beste Strategie wäre gewesen, die Inzidenz vor den Impfungen auf ein sehr niedriges Niveau zu senken“, so die Leiterin der Forschungsgruppe Emerging Viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Genf in einem Twitter-Beitrag.

Impfstoffforscher Sander schätzt das Risiko der Entstehung impfresistenter Varianten durch ein flexibilisiertes Impfintervall dagegen als „ziemlich theoretisch“ ein. Zum einen würde das Zeitfenster einer „Teilimmunisierung“ nur kurzfristig verlängert. Zum anderen werde durch die Impfung eine polyklonale Immunantwort ausgelöst, die verschiedenste Stellen im Spike-Protein angreife. Die Schwelle für eine echte Impfresistenz sei so sehr hoch – insbesondere angesichts der im Vergleich etwa zu Influenzaviren geringen genetischen Variabilität der Coronaviren. „Ich sehe die Resistenzproblematik als ein theoretisches oder allenfalls langfristiges Szenario, während das Szenario mit hohen Infektions- und Todeszahlen und limitiertem Impfstoff aktuell sehr real ist“, betont er.

Mit Blick auf das Vereinigte Königreich lässt das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium derzeit prüfen, ob der zeitliche Abstand zwischen der ersten und der zweiten Impfung über 42 Tage hinaus verlängert werden kann. Laut eines Papiers des Ministeriums soll die Ständige Impfkommission vorliegende Daten und Studien auswerten und eine Empfehlung abgeben. „Eine solche Entscheidung in Abweichung von der Zulassung bedarf einer vertieften wissenschaftlichen Betrachtung und Abwägung“, heißt es in dem Papier. nec

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