ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2021COVID-19 Spätsymptome: Aufmerksamkeit für Long-COVID
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Die Existenz eines postviralen Fatigue-Syndroms ist unbestritten und auf breiter Basis mit hoher Evidenz objektiviert. Das prominenteste Beispiel ist die EBV-Infektion, aber auch andere Viren wie HSV oder Influenza sind Verursacher einer solchen Symptomatik. Das Chronische Fatigue-Syndrom ist anders definiert und darf erst nach sechs Monaten Beschwerdepersistenz diagnostiziert werden. Es ist unbestritten, dass auch die Infektion mit SARS-CoV-2, selbst bei nur subakutem initialen Verlauf, zu einer relevanten postviralen Fatigue und weiteren Beschwerdekomplexen führt, die auffällig lange andauern. Solide Daten zu Definition und Management dieser postakuten COVID-19-Erkrankung stehen derzeit naturgemäß noch aus. Ebenso gibt es keine suffiziente Evidenz für die Behauptung, dass „Long-COVID-Beschwerden umso eher beklagt werden, wenn Betroffene zuvor schon ängstlich oder depressiv waren“.

Vom Fatigue-Syndrom Betroffene werden häufig stigmatisiert und nicht ernst genommen, da die Beschwerden schwer objektivierbar sind. Nun äußern sich betroffene Ärzte und Wissenschaftler und berichten über ihre eigenen lang anhaltenden Symptome nach SARS-CoV-2-Infektion. Diese Personen passen nicht in die im Artikel „Eigenes Erleben schlägt Evidenz“ skizzierte Gruppe von Patienten, die „weiblich, jung bis mittelalt sind und zuvor schon ängstlich oder depressiv waren“. In den Berichten der betroffenen Kollegen steckt die Chance, die Stigmatisierung der postviralen und chronischen Fatigue ad acta zu legen und gleichzeitig auch junge und nicht vorerkrankte Menschen vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 zu warnen. Es ist schwer nachvollziehbar, warum angesichts der offenbar breiten Masse von Betroffenen von Alarmismus gesprochen wird.

Ich selbst, 43 Jahre, männlich, Marathonläufer ohne Vorerkrankungen und ohne depressive Grundstimmung, habe Schwierigkeiten, mich von den Folgen der initial allenfalls milden SARS-CoV-2-Infektion, die nun mehr als sieben Wochen zurückliegt, zu erholen. Irreführende Schlagzeilen zu Long-COVID helfen tatsächlich niemandem, dennoch sollte die Existenz dieser Krankheitsentität öffentlich perzipiert werden.

Prof. Dr. med. David Anz, 80336 München

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