szmtag Multimorbidität: Grundlegendes Umdenken
ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2021Multimorbidität: Grundlegendes Umdenken
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Da „Patienten mit Multimorbidität im klinischen Alltag zunehmend die Regel und nicht die Ausnahme darstellen“, Leitlinien basierend auf kontrollierten Studien und Metaanalysen dafür nicht vorliegen und auch nicht angemessen erscheinen, ergeben sich prinzipielle Überlegungen. Deskriptive Diagnosen, welche keine Krankheitsentität darstellen, sollten sparsam verwendet und auf bedeutungslose sollte verzichtet werden. Die Unsitte des Upgrading von Krankenkassen, die Erhöhung diagnostischer Etikettierungen aus finanziellen Gründen, wurde erfreulicherweise durch Einflussnahme unserer Ärztevertreter überwunden. Die Diagnose als ein „Fundamentalbegriff der Medizin und zentraler Orientierungspunkt im Denken des Arztes“ ist durch unreflektierte Verwendung in seiner Aussagekraft gefährdet. Eine naheliegende und notwendige Folgerung aus der Multimorbiditäts- und Co-Morbiditätsproblematik ist es, sich vertiefend in die Komplexität einzudenken, zumal in der medizinischen Wissenschaft zunehmend deterministisch gedachte Abläufe ersetzt werden durch Wahrscheinlichkeitsbeziehungen und Korrelationen ohne ursächlichen Zusammenhang.

Da bei Multimorbidität mit nondeterministischen Prozessen zu rechnen ist, sind Projektionen wie der erwartete lineare Anstieg der Lebenserwartung bis 2100 in der oben genannten Arbeit nicht nachvollziehbar. So wurde beispielsweise schon vor der COVID-19-Krise in Zusammenhang mit über 450 000 Todesfällen in den USA durch Opioidüberdosis seit der Jahrtausendwende, wie von der amerikanischen Gesundheitsbehörde mitgeteilt wurde, ein Rückgang der durchschnittlichen Lebenserwartung von 2014–2017 um 0,3 Jahre beschrieben. COVID-19 hat zudem neue Verhältnisse geschaffen. Multimorbidität besitzt auch hier eine große Bedeutung. Die in der Arbeit zitierten Lösungsansätze der WHO 2016 für die angemessene Versorgung von Menschen mit Multimorbidität besitzen sicher einen hohen idealistischen Wert, so die „Integration der Arbeit von Ärzten, Schwestern, Therapeuten, Apothekern und anderen Akteuren in ein multidisziplinäres Team einschließlich gemeinsam abgestimmter Behandlungspläne“, haben aber reale Grenzen durch Arbeitszeiterfordernis und Mangel an kompetenten Fachkräften.

Dr. med. Roland Wörz, 76669 Bad Schönborn

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