ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996Hypothermie während Anästhesie: Einfluß auf die Rate an Wundinfektionen

SPEKTRUM: Akut

Hypothermie während Anästhesie: Einfluß auf die Rate an Wundinfektionen

Meyer, Rüdiger

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LNSLNSLNSLNS Gute Ideen müssen nicht unbedingt teuer sein. Mit einem finanziellen Aufwand von weniger als 50 Mark pro Patient könnten nach Darmoperationen zwei Drittel aller Wundinfektionen vermieden, die Wundheilung drastisch beschleunigt und die Patienten zwei Tage früher aus der Klinik entlassen werden. Nach den Untersuchungen von Andrea Kurz, einer Anästhesistin an der University of California in San Francisco, bedarf es lediglich einer Stabilisierung der Körpertemperatur während operativer Eingriffe (NEJM Band 334, Seiten 1209–1215). Daß die meisten Patienten während der Operation "frösteln", ist lange bekannt. Ursache hierfür ist nicht nur die fehlende Bekleidung oder die niedrige Raumtemperatur, sondern auch die Anästhesie an sich. Bei längeren Eingriffen kommt es schnell zu einem Abfall der Körperkerntemperatur um 2 Grad Celsius.


Kurz verhinderte dies, indem sie 94 Patienten mit einer 40 Grad warmen Heizdecke so lange anwärmte, daß eine Körpertemperatur von 36,5 Grad C aufrechterhalten wurde. Außerdem wurden die Infusionsflüssigkeiten der Körpertemperatur angepaßt. Ohne diese Maßnahmen fiel die Temperatur in der Kontrollgruppe auf 34,5 Grad C ab. Noch vier Stunden nach dem Ende der Operationen – Kolon- beziehungsweise Rektumresektionen – war eine Unterkühlung nachweisbar. Sie ist letztlich dafür verantwortlich, daß in dieser Gruppe dreimal so viele Wundinfektionen auftraten wie bei den unter Normothermie Operierten (19 Prozent versus sechs Prozent). Die Patienten erholten sich auch schlechter vom Eingriff: Sie brauchten einen Tag länger, bis sie wieder feste Nahrung aufnahmen (6,5 versus 5,6 Tage) sowie bis zur Entfernung der Fäden (10,9 versus 9,8 Tage), und sie wurden mehr als zwei Tage später aus der Klinik entlassen (14,7 versus 12,1 Tage).


Diese Unterschiede waren nicht allein auf die Wundinfektion zurückzuführen. Bei den Patienten ohne Wundinfektion führte die Hypothermie zu ähnlichen Verzögerungen der Wundheilung. In Biopsien, die am 7. postoperativen Tag wenige Zentimeter neben der Wunde entnommen wurden, war die Kollagenbildung bei den hypothermen Patienten deutlich verringert. Kurz vermutet, daß ein Abfall des Sauerstoffgewebedruckes infolge der thermoregulatorischen Vasokonstriktion hierbei eine Rolle spielt. Dafür spricht auch die Tatsache, daß ein Nikotinabusus zu ähnlichen Verzögerungen der Wundheilung führt. Rauchen führt zu einem ähnlichen Abfall des Sauerstoffpartialdruckes im Gewebe wie eine leichte Unterkühlung. Bei den Nichtrauchern wurde der Klinikaufenthalt von 14,9 auf 12,9 Tage verkürzt. Rüdiger Meyer

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