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ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2021Gesundheitspersonal: Tests in Eigenverantwortung

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Gesundheitspersonal: Tests in Eigenverantwortung

Fischer-Fels, Jonathan

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Antigenschnelltests wurden anfangs wegen ihrer geringeren Sensitivität im Vergleich zu PCR-Tests kritisiert. Nun sind sie ein wichtiger Baustein für den Schutz der Älteren und des Personals. Foto: picture alliance/dpa/Sven Hoppe
Antigenschnelltests wurden anfangs wegen ihrer geringeren Sensitivität im Vergleich zu PCR-Tests kritisiert. Nun sind sie ein wichtiger Baustein für den Schutz der Älteren und des Personals. Foto: picture alliance/dpa/Sven Hoppe

Seit Mitte Oktober sollten Einrichtungen der Gesundheitsversorgung ihre Mitarbeitenden regelmäßig auf SARS-CoV-2 testen, um die Arbeits- und Patientensicherheit zu erhöhen. Doch eine Übersicht der Testkonzepte und deren Umsetzung hatten die Gesundheitsbehörden zum Jahresende nicht.

Zwei Coronatests pro Woche, einer alle 14 Tage oder doch erst bei einem Kratzen im Hals – damit medizinisches Personal regelmäßige SARS-CoV-2- Tests erhalten kann, sollten Gesundheitseinrichtungen bereits seit der ersten Testverordnung vom 15. Oktober ihre eigenen Testkonzepte schriftlich festhalten. Sie regeln, wer von wem wie und wie oft auf SARS-CoV-2 getestet wird. Je nach Art der Einrichtung und ihrer Patientenzahl ist dabei die Menge abrechenbarer und verfügbarer Point-of-Care-(PoC-)Antigenschnelltests begrenzt. So sieht es die aktuelle Testverordnung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) vom 2. Dezember vor.

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Einzig Arztpraxen und Rettungsdienste können zehn Antigenschnelltests pro Monat und pro beschäftigter Person besorgen und abrechnen. Dafür brauchen sie keine ausformulierten Testkonzepte. Sie sind damit die einzigen Gesundheitsdienstleister, bei denen die zulässige Testmenge anhand der Personalzahl bemessen wird. Alle anderen Gesundheitseinrichtungen erhalten Testkontingente pro Monat und pro betreutem Patienten. Sie sollen ihre Konzepte den nach Landesrecht zuständigen Öffentlichen Gesundheitsdiensten (ÖGD) vorlegen – meist den ohnehin überlasteten Gesundheitsämtern. Anschließend dürfen Krankenhäuser und Pflegeheime zum Beispiel täglich pro Patienten einen Antigenschnelltest einsetzen. Mit monatlich maximal 30 Tests pro Patient sollen sie unter anderem ihr Personal, die Besucher sowie neu aufzunehmende Patienten testen.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hatte eine solche Begrenzung der Testanzahl bereits in ihrer Stellungnahme zur ersten Testverordnung im Oktober kritisch bewertet: Sie seien „willkürlich festgelegt und nicht hinlänglich begründet“. Ein Ausbruchsgeschehen lasse sich „nicht mit vorgegebenen Testobergrenzen bekämpfen“, so die BÄK.

Der fehlende Überblick

Wie viele Krankenhäuser ihre Testkonzepte inzwischen dem ÖGD vorgelegt haben, unterscheidet sich von Land zu Land, wie Recherchen des Deutschen Ärzteblatts (DÄ) im Dezember zeigten. So hatten in Berlin 50 der etwa 65 Krankenhäuser ein Konzept, schrieb die Senatsverwaltung für Gesundheit. In Hamburg seien es 30 von 34 Kliniken, wie die Sozialbehörde der Stadt mitteilte. Die Ministerien in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gingen davon aus, alle Kliniken ihrer Region hätten Testkonzepte mit dem ÖGD abgestimmt. Sachsens und Thüringens Ministerien wiederum hatten keinen Überblick über die Konzepte. Auch in Bremen und Schleswig-Holstein seien die Krankenhäuser selbst für ihre Testkonzepte verantwortlich: Eine Abstimmung mit dem ÖGD sei hier nicht erforderlich und die Landesgesundheitsbehörden würden keine Zahlen über die Konzepte führen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es einen Rahmenvertrag zwischen der Krankenhausgesellschaft und dem Land. Darin sei ein Mustertestkonzept enthalten, welches automatisch als genehmigt gelte. Dem Vertrag seien „fast alle“ Kliniken beigetreten, schrieb das dortige Ge­sund­heits­mi­nis­terium.

Ob die in den Testkonzepten begrenzten Testmengen überhaupt ausreichen, konnten weder die Landeskrankenhausgesellschaften noch die Landesgesundheitsministerien auf Anfrage sagen. Sie hätten keine Daten zur konkreten Umsetzung der Testkonzepte. Lediglich die Gesundheitsämter wüssten über Testreihen und deren Ergebnisse in Gesundheitseinrichtungen Bescheid, erklärten viele der zwölf Landesbehörden, die bis Redaktionsschluss antworteten. Doch auch dort werden die einrichtungsbezogenen Testkonzepte nicht überprüft, sondern lediglich die Zahl der zulässigen Schnelltests festgelegt. Die Mengenobergrenzen der Testverordnung gelten jedoch bereits vor Einreichung eines Konzeptes, solange die Einrichtungen selbstständig Tests beschaffen und durchführen. Über die vorgesehenen Mengen hinaus dürfen Bundesländer und Gesundheitseinrichtungen auf eigene Kosten Tests einkaufen. Die Landesregierungen in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen beispielsweise kauften zum Jahresende zusätzliche Tests für medizinisches Personal ein, auch um ihre Einrichtungen nicht von Marktpreisschwankungen abhängig zu machen.

Krankenhäuser sind also meist selbst für die Testung ihres Personals verantwortlich, sollen sich aber mit den Gesundheitsämtern abstimmen. Für kleinere Krankenhäuser dürfte das wesentlich schwieriger sein als an einer großen Universitätsklinik wie zum Beispiel der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Seit dem Frühjahr habe es hier wiederholt Reihentests gegeben und die Belegschaft sei regelmäßig per E-Mail über veränderte Regelungen informiert worden, sagte eine Sprecherin dem . Aktuell würden mehr als 3 000 Beschäftigte im Rahmen einer Studie täglich per App nach Symptomen befragt und gegebenenfalls getestet. Bis Ende November seien so 36 Fälle erkannt worden. Weitere anlassbezogene Testungen des Personals würden mit den Betriebsärzten, den Beauftragten für Krankenhaushygiene sowie dem örtlichen Gesundheitsamt engmaschig abgestimmt. Doch auch in der Uniklinik zeichne sich der deutschlandweite Trend steigender Fallzahlen ab.

Testpflicht nur in Pflegeheimen

Bundesweit wurden dem RKI über die Feiertage fast 6 000 Infektionen bei Personal in Krankenhäusern, ambulanten OP-Zentren, Praxen und Rettungsdiensten gemeldet. Im Schnitt kamen täglich mehr als 500 neu hinzu. Das Institut rechnet jedoch mit einem längeren Meldeverzug. Im selben Zeitraum wurden rund 4 700 Fälle bei Pflege- und Altenheimpersonal verzeichnet, pro Tag durchschnittlich mehr als 400. Zusammengenommen waren somit seit Beginn der Pandemie knapp 80 000 Gesundheitsfachkräfte mit SARS-CoV-2 infiziert. Circa 2 350 von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden und rund 144 sind verstorben.

Obwohl das Personal in Krankenhäusern oder Praxen also insgesamt häufiger infiziert ist als in Pflegeheimen setzt die Politik dort auf Eigenverantwortung. .Für die Mitarbeitenden der Heime beschlossen die Ministerpräsidenten der Länder Mitte Dezember verpflichtende Tests zweimal pro Woche. Damit folgten sie den ausführlichen Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zum Schutz der Heimbewohner.

Warum diese Testpflicht notwendig war, beschrieb Dr. med. Lisa Federle, die engagierte Tübinger Leiterin des Deutschen Roten Kreuzes in der Talkshow Maybrit Illner: „Wir haben in einem Altersheim erlebt, dass sie die Schnelltests, die wir ihnen am 15. Oktober schon ausgeliefert und auch das Personal ehrenamtlich zu deren Benutzung eingelernt hatten, einfach nicht angewendet haben.“

Auch bei Mitgliedsheimen des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) habe es Probleme gegeben, sagte BPA-Präsident Bernd Meurer dem , besonders aufgrund der umfassenden Hygieneanforderungen und krankheitsbedingten Personalausfälle. „Bei veranschlagten 20 Minuten pro Schnelltest sind beispielsweise bei einer Einrichtung mit 100 Plätzen drei Pflegefachkräfte ausschließlich mit der Durchführung der Schnelltests befasst“, erklärte er. Im Oktober hatte der Verband rund fünf Millionen Antigenschnelltests eingekauft. Sie sollten nach und nach an die unternehmerisch geführten Mitgliedsheime der Alten-, Pflege- und Behindertenbetreuung ausgeliefert werden. Zudem wurde ein Mustertestkonzept zur Verfügung gestellt. „Wir haben die Auslieferung jedoch sehr schnell stoppen müssen, weil in etlichen Bundesländern Zuständigkeitsregelungen fehlten“, so Meurer weiter. Teils hätten sich die Gesundheitsämter nicht zuständig gesehen, teils waren sie aufgrund der derzeitigen Infektionslage überlastet. Statt schnell mit den Tests beginnen zu können, seien bei steigenden Infektionszahlen wertvolle Wochen ins Land gegangen.

100 Millionen Euro im Monat

Wie die Antigenschnelltests aktuell eingesetzt werden, lässt sich grob an den bisherigen Abrechnungszahlen abschätzen. Neben Praxen rechnen auch Krankenhäuser, Testzentren und andere Gesundheitseinrichtungen die Tests für asymptomatische Personen bei den örtlichen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) ab, Pflegeeinrichtungen hingegen mit den Pflegekassen. Die Kosten werden vom Bundesamt für soziale Sicherung (BAS) aus dem Gesundheitsfonds, also aus Krankenkassenbeiträgen, zurückerstattet. Insgesamt 286 Millionen Euro wurden so bis Mitte Dezember deutschlandweit für Coronatests aller Art abgerechnet, etwa 100 Millionen allein seit Mitte November. Der Großteil, rund 269 Millionen Euro, gingen für PCR-Tests (Polymerase-Kettenreaktion) an die Labore. Etwa 15 Millionen Euro wurden für „Ärztliche Leistungen“ ausgegeben. Auf Sachkosten für POC-Antigentests, die aus erst vier KV-Bezirken abgerechnet wurden, entfielen knapp 406 000 Euro. Bei einer Vergütung von sieben Euro nach der alten beziehungsweise neun Euro pro POC-Antigentest nach der neuen Testverordnung wurden somit zwischen 45 000 und 58 000 Antigentests bezahlt. Die Routinetests unter Gesundheitspersonal stellen nur einen Teil davon dar.

Klar ist, regelmäßige Tests allein bieten den Mitarbeitenden keinen Schutz. Sie seien nur als Teil einer Gesamtstrategie effektiv, schrieb der Pandemierat der BÄK Mitte Dezember. So gingen alle befragten Krankenhausgesellschaften, Gesundheitsbehörden sowie der BPA davon aus, dass die intensiven Schutzmaßnahmen für das Gesundheitspersonal auch 2021 weiter notwendig bleiben werden. Die Dauer sei davon abhängig, wie zuverlässig die kommenden Impfungen eine Weitergabe des Virus verhindern könnten und wie flächendeckend die Gesundheitsberufe geimpft werden. Jonathan Fischer-Fels

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