szmtag Präexpositionsprophylaxe: Russisch Roulette
ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2021Präexpositionsprophylaxe: Russisch Roulette
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In den Achtzigerjahren haben wir in der Flensburger Aidshilfe mit großem ehrenamtlichen persönlichen Einsatz viele Menschen von SAFER SEX überzeugt. Wir waren erfolgreich. Niemand weiß, wie sich die HIV-Pandemie ohne SAFER SEX entwickelt hätte, aber wir konnten es am Rückgang der Gonorrhoe nahe Null klar erkennen, dass die von uns propagierten und verteilten Kondome auch benutzt wurden. Kondome sind bei richtiger Anwendung sehr sicher und bieten einen nahezu 100%igen Schutz.

Und dann kam die Wende zum schlechteren: Dank des medizinischen Fortschrittes wird heute wahrheitswidrig suggeriert, HIV sei nicht mehr tödlich, sondern eine mit modernen Medikamenten gut behandelbare chronische Erkrankung. Ein Homosexueller, der anonymen Sex wie Sport betrieb, erzählte mir stolz, er hätte herausgefunden, wie er es ohne Kondome machen kann: mit Präexpositionsprophylaxe (PrEP).

Ich habe den klaren Standpunkt vertreten, dass ich für solche Verantwortungslosigkeit weder der Beichtvater noch der Komplize sein will, ihm damit vielleicht das Leben gerettet. Denn PrEP hat eine Sicherheit im 90-%-Bereich, etwa bei jedem Zehnten bis Zwölften geht es schief. Zum Rückgang der Kondombenutzung teilte mir auch ein alter Hausarzt mit: Nach 30 Jahren Pause sieht und behandelt er wieder Gonorrhoe.

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Wenn auf einer Seite im Internet behauptet wird, PrEP sei ebenso sicher wie Kondome, dann ist dieses eine vorsätzliche Falschaussage, die sich allenfalls dadurch erklären ließe, wenn bei der Kondomvergleichsgruppe auch diejenigen mitgezählt werden, die das Kondom auf dem Nachttisch liegen lassen.

PrEP erzeugt den falschen Eindruck, dass Kondombenutzung nicht mehr nötig sei, es gibt ja PrEP und die Ärzte kriegen auch noch Geld dafür, PrEP zu verordnen. PrEP wird von Krankenkassen finanziert, während Kondome selbst bezahlt werden müssen.

Wer statt SAFER SEX mit Kondomen lieber PrEP einnimmt, spielt bei jedem Sexualakt russisch Roulette mit einer Kugel im Zwölfermagazin. Insofern ist der Rückgang der PrEP-Verordnung ein Lichtblick in die Einsichtsfähigkeit der Risikogruppe, die versteht, dass sie für die Generierung der Pharmaprofite mißbraucht wurde. Warum wohl haben sich die KBV-Ärzte nie dafür eingesetzt, daß die SAFER-SEX-Aufklärung und die Kondomabgabe kassenärztlich finanziert und wir dafür anständig vergütet werden?

Dr. med. Ralf Cüppers, 24943 Flensburg

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