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Coronaimpfungen: Überhitzte Diskussionen

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Kaum hatten die Impfungen gegen SARS-CoV-2 begonnen, war das vermeintliche Impfdesaster schon da. Es hatte etwas von einer Kampagne, die – angeführt von der BILD-Zeitung – Medien, Bevölkerung und Politik erfasste. Man verglich munter die Impfzahlen verschiedener Länder unabhängig von ihrer Größe, Einwohnerzahl und Struktur des Gesundheitswesens. Kein Thema war auch, in welchen Ländern zunächst in Pflegeheimen mit mobilen Teams (was länger dauert) oder Impfzentren (was schneller geht) geimpft wurde. Bei den immer noch andauernden Diskussionen, ob die Bundesregierung schnell genug, ausreichend und mit oder ohne die Europäische Union hätte bestellen sollen, verlor man vor lauter Zahlenspielen fast den Überblick.

Leere Impfzentren und hintere Plätze in der Impfrangliste feuerten die Debatte ebenso an wie die Probleme, einen Impftermin zu vereinbaren oder zu erfahren, wann Einladungen an wen gehen. Das föderale System in Deutschland zeigt sich nicht von seiner besten Seite. Die Probleme zum Impfstart traten in fast ganz Europa auf. Das macht es zwar nicht besser, zeigt aber, dass eine solche noch nie da gewesene Impfaktion zwar am Reißbrett planbar, aber nicht immer genau so umsetzbar ist. Zu allem Überfluss rief dann auch noch die SPD quasi zu einem Generalangriff auf seinen Koalitionspartner auf – es ist halt Bundestagswahljahr.

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Alles in allem eine völlig überhitzte Diskussion, die vorwiegend rückwärtsgewandt auf der Suche nach Schuldigen geführt wird. Natürlich ist es schwer zu verstehen, warum in pünktlich fertiggestellten Impfzentren entweder die Impflinge oder der Impfstoff fehlen. Oder warum man stundenlang in einer Warteschleife hängt. Das muss kritisch begleitet und dringend verbessert werden. Fehler muss man benennen, keine Frage. Eine Skandalisierung kostet aber erneut Vertrauen in der Bevölkerung. Denn wie so oft in dieser Pandemie konnte man bei solch einem heftigen Schlagabtausch nur für oder gegen eine Meinung sein. Konstruktive Vorschläge gehen noch mehr unter.

Es sind aber auch Kommunikationsdefizite, die zum Tragen kommen. Das gilt erst recht für die aus Bayern befeuerte Diskussion um eine Impfpflicht für Pflegepersonal, die bei den ständig wechselnden Geboten und Verboten in der Pandemie zur Unzeit kommt. Als Drohgebärde bewirkt sie genau das Gegenteil von dem, was sie erreichen soll. Eine Pflicht wäre Wasser auf die Mühlen der Skeptiker und Impfgegner. Stattdessen muss man mehr in ein zielgruppenspezifisches Kommunikationskonzept investieren, um Vertrauen in die Impfstoffe zu schaffen. Eine Plakatkampagne mit dem Slogan „Ärmel hoch“ reicht da nicht aus.

All diese Erfahrungen der vergangenen Wochen sollten die Politik dafür sensibilisieren, dass der Schritt zur Impfung bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sehr gut vorbereitet sein muss. Die Vertragsärzte sind es gewohnt, in kurzer Zeit Millionen Menschen zu impfen und stehen Gewehr bei Fuß. Das Ziel muss sein, dass die Logistik der Impfstoffverteilung reibungslos funktioniert, wenn die Impfungen in den Arztpraxen beginnen. Eine zweite Diskussion um Impfstoffverfügbarkeit und Organisationsprobleme wäre fatal.

Und bei aller Diskussionsfreudigkeit: Während hierzulande um Impfnationalismus und den Platz in der Impfrangliste gestritten wird, ist vollkommen unklar, wann und wie viele Impfstoffdosen in den armen Ländern dieser Welt landen …

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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