ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2021Ärztlich assistierter Suizid: Offene Gespräche als Schlüssel

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Ärztlich assistierter Suizid: Offene Gespräche als Schlüssel

Richter-Kuhlmann, Eva

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Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenen Jahr wird 2021 eine erneute parlamentarische Debatte zur Suizidbeihilfe erwartet. Auch der Deutsche Ethikrat will Stellung beziehen. Erste Expertenanhörungen zum Thema erfolgten bereits Ende 2020.

Todeswünsche sollten aktiv durch Ärzte angesprochen werden, meinten viele Experten bei einer Anhörung des Deutschen Ethikrates. Foto: picture alliance/BSIP Alice S
Todeswünsche sollten aktiv durch Ärzte angesprochen werden, meinten viele Experten bei einer Anhörung des Deutschen Ethikrates. Foto: picture alliance/BSIP Alice S

Gleich zu Beginn dieses Jahres soll im Deutschen Bundestag über ein neues Suizidbeihilfegesetz diskutiert werden. Eine fraktionsübergreifende Gruppe von Abgeordneten werde noch vor der Bundestagswahl einen Gesetzentwurf im Parlament zur Abstimmung bringen, kündigten FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bereits Ende 2020 an.

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Handlungsbedarf sehen die Politiker aufgrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenen Februar. Dieses hatte das seit 2015 bestehende Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe (§ 217 Strafgesetzbuch) für verfassungswidrig erklärt und gekippt. „Wir dürfen uns als Gesetzgeber nicht mit unseren vielleicht bestehenden Moralvorstellungen über die Selbstbestimmung von Menschen setzen. Was wir aber sehr wohl dürfen und auch tun sollten, ist abzusichern, dass eine Person auch tatsächlich selbstbestimmt handelt“, sagte Helling-Plahr.

Gesetzentwurf angekündigt

Um dies zu gewährleisten, bereitet Lauterbach zufolge die interfraktionelle Gruppe jetzt ein Gesetz vor, das in mehrere Rechtsbereiche eingreift, unter anderem in das Strafrecht und das Arzneimittelrecht. Es werde Fristen geben und Beratungsgespräche mit dem Vier-Augen-Prinzip, so Lauterbach. Zudem müsse die Hilfe zur Selbsttötung immer freiwillig sein.

Auch in Fachkreisen sorgt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts seit knapp einem Jahr für intensive Debatten. Der Deutsche Ethikrat griff das Thema „Suizidbeihilfe“ Ende 2020 in zwei mehrstündigen öffentlichen Plenarsitzungen auf. Dabei zeigte sich, dass der Karlsruher Richterspruch, der die Selbstbestimmung des Menschen betont, auch in dem interdisziplinär besetzten Gremium sehr kontrovers diskutiert wird.

Mehrere Mitglieder des Rates warnten davor, die Debatte auf Sterbenskranke zu verkürzen. Auch das Bundesverfassungsgericht habe nicht nur diese Gruppe in den Blick genommen. Folgerichtig diskutierte der Ethikrat bei seiner Anhörung am 17. Dezember 2020 die Aspekte der Suizidalität umfassend, und zwar bei Kindern und Jugendlichen, im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, im Kontext palliativer Versorgung sowie als Form der Lebensbilanzierung.

Einig waren sich die Experten, dass Suizidgedanken zwar Ausdruck eines Sterbewunsches sein können, dass aber nicht jeder Sterbewunsch zu einer Suizidalität führt. Interventionen bei Suizidgedanken dürften zudem nicht wertend sein und müssten die Selbstbestimmung des Suizidalen achten, so das Gremium. Ein neues „legislatives Schutzkonzept“ müsse die Freiwilligkeit, Ernsthaftigkeit und Dauerhaftigkeit des Sterbewunsches bei einer Suizidbeihilfe sicherstellen.

Wie schwierig dies in der Praxis ist und wie ambivalent Suizidgedanken sein können, zeigte die Anhörung. Dem ärztlichen Gespräch kommt im Rahmen dieser Ambivalenz eine besondere Bedeutung zu. „Das Vorhandensein von Todeswünschen sollte aktiv erfragt werden“, sagte Prof. Dr. med. Raymond Voltz von der Uniklinik Köln. Es schade nicht, sondern nutze und entlaste die Patienten, wenn offene Gespräche geführt würden, betonte der Palliativmediziner. Konkret sollten Ausgangssituation, Form des Todeswunsches, Handlungsdruck, Hintergründe und Ursachen für den Sterbewunsch und die zeitgleiche Ausprägung des Lebenswillens geklärt werden. „Es ist normal, dass Menschen scheinbar paradoxe Dinge gleichzeitig denken.“

Offen thematisieren sollten Ärztinnen und Ärzte aber auch die verschiedenen Handlungsoptionen, so Voltz. Dazu gehörten eine Optimierung der palliativmedizinischen Versorgung, psychologische Interventionen, die Möglichkeit, das Sterben zuzulassen, eine palliative Sedierung, der freiwillige Verzicht auf Essen und Trinken, aber auch der Suizid, die Assistenz zum Suizid oder auch die (verbotene) Tötung auf Verlangen. „Es ist legal, über Tötung auf Verlangen zu reden“, betonte der Arzt. All diese Gespräche würden die Gedanken der Betroffenen weiten, um möglichst einen Ausweg aus der empfundenen Ausweglosigkeit zu finden.

Keine Tabus in Gesprächen

Eine ähnliche Ansicht vertrat Prof. Dr. med. Barbara Schneider, Chefärztin der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen, Psychiatrie und Psychotherapie der LVR-Klinik Köln: „Viele Denk- und Verhaltensweisen schließen Suizidgedanken und -pläne ein“, betonte sie. Einen Suizidwunsch nicht wertend zur Kenntnis zu nehmen, sei die Voraussetzung für Kontakte mit den Betroffenen. „Ambivalenz hinsichtlich des Wunsches, zu leben oder zu sterben, ist ein grundlegendes Merkmal von Suizidalität“, erläuterte die Ärztin. Zudem sei Suizidalität in der Regel nicht beständig.

Auf das besondere Phänomen von Suizidgedanken bei Kindern und Jugendlichen wies Prof. Dr. med. Paul Plener von der Medizinischen Universität Wien hin. Der Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Universität Wien berichtete von Studien, die eine Lebenszeitprävalenz von 37 Prozent der Jugendlichen in Deutschland zeigten, die zumindest einmal über Suizid nachgedacht haben. Durch noch nicht vollständige neurobiologische Reifungsprozesse funktioniere das Gehirn von Jugendlichen wie „ein Sportwagen ohne Bremse“. Therapiemaßnahmen seien oft erfolgreich.

Vor einer Enttabuisierung des assistierten Suizids warnte Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl von der Uni Frankfurt. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe befürchtet, dass dies zu einer erhöhten Suizidrate führen könnte. Von Laien würden äußere Belastungen, wie schwere körperliche Erkrankungen oder Partnerschaftskonflikte, oft als kausale Faktoren für ein suizidales Verhalten überschätzt. „Während Suizidgedanken meist unabhängig von psychischen Erkrankungen auftreten, erfolgen Suizidversuche in der großen Mehrzahl im Kontext psychischer Erkrankungen, die die Freiverantwortlichkeit derartiger Tatentscheidungen beeinträchtigen“, betonte er.

Häufig ambivalente Gefühle

„Suizidale Menschen befinden sich oft in einem ambivalenten, belastend erlebten Zustand“, konstatierte Prof. Dr. med. Reinhard Lindner von der Universität Kassel und Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland. Viele Menschen litten unter dem Druck, ihr Leben selbst beenden zu müssen. Das Bilanzieren folge jedoch oft dem inneren Wunsch nach Begleitung.

„Wir brauchen eine bessere Schulung im Umgang mit Todeswünschen“, forderte Prof. Dr. med. Claudia Bausewein, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin der Uni München. Häufig drückten die Betroffenen lediglich aus, „so“ nicht mehr leben zu wollen. Und noch viel zu oft herrsche in Deutschland eine wenig sensible und respektvolle Kommunikation.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Debatte in den Landesärztekammern und auf dem Deutschen Ärztetag 2021

Die Bundesärztekammer rechnet nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar vergangenen Jahres mit gesetzgeberischen Konsequenzen. Zudem hält sie es für denkbar, in der Musterberufsordnung das Verbot der Hilfe zur Selbsttötung zu streichen. Darüber werde der Deutsche Ärztetag im Mai diskutieren und abstimmen, sagte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. med. (I) Klaus Reinhardt.

Er persönlich halte die Hilfe zur Selbsttötung allerdings nicht für eine ärztliche Aufgabe. In Einzelfällen könne es jedoch gerechtfertigt erscheinen, einem Patienten beizustehen. „Der Arzt ist dem Leben verpflichtet und nicht dem Sterben. Der Patient soll an der Hand des Arztes sterben, aber nicht durch die Hand des Arztes“, so Reinhardt.

Für die tatsächliche Änderung des Berufsrechts sind die einzelnen Landesärztekammern zuständig. Während bei einigen das Verbot der Suizidbeihilfe bereits jetzt nicht in der Berufsordnung verankert ist, müsste die Mehrzahl der Kammern – jeweils für sich – eine Änderung beschließen.

Dazu gehört beispielsweise auch die Ärztekammer Hamburg. Sie wolle Anfang des Jahres intensiv den Dialog mit den Hamburger Ärzten zum Thema „Ärztliche Suizidbeihilfe“ fortsetzen, sagt Kammerpräsident Dr. med. Pedram Emami dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Er hatte einen offenen Brief von den FDP-Bundestagsabgeordneten Katrin Helling-Plahr und Wieland Schinnenburg erhalten, die ihn aufforderten, das in Hamburg geltende berufsrechtliche Verbot der Suizidhilfe durch Ärzte zu überarbeiten. Da das berufsrechtliche Verbot in Hamburg spätestens seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts überholt sei, hoffe man auf eine offene Debatte gemeinsam mit der Ärztekammer.

Emami, der sich unter einer „offenen Debatte“ Gespräche, aber keinen offenen Brief vorgestellt hätte, verweist auf den Diskussionsbedarf innerhalb der Ärzteschaft. „Die Befassung mit dem Thema erfordert Sensibilität, aber auch eine möglichst breite Einbindung der Ärzteschaft“, erklärt er dem .

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