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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Beim Neurologen Kinnier Wilson war auch Charly Chaplin Patient

Schuchart, Sabine

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Der in den USA geborene britische Mediziner ist heute vor allem durch die mit seinem Namen verbundene Kupferspeicherkrankheit bekannt. Doch dies war nur eine der innovativen Forschungsleistungen von Samuel Alexander Kinnier Wilson, der auf dem Höhepunkt seines Schaffens starb.

Er gehörte zu den brillantesten Neurologen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sogar für den Nobelpreis war er nominiert. Samuel A. Kinnier Wilson war ein exzellenter Wissenschaftler und er hatte Charisma. Zu seinen legendären Vorlesungen kamen Studenten von weither nach London. Von hoher Gestalt, fesselte er sein Publikum mit raumfüllender Stimme, ironischem Witz und Sinn für Dramatik. Er forschte zudem mit einem Ehrgeiz und Enthusiasmus, der an Fanatismus grenzte. Als ihm zugetragen wurde, dass einer seiner Patienten soeben in Zürich gestorben sei, reiste er auf eigene Kosten flugs dorthin, um selbst die Autopsie vorzunehmen. Er war nicht immer taktvoll. Als er einmal stundenlang einen Patienten mit lateralem Marksyndrom examinierte, dessen Symptome nicht zum Krankheitsbild passen wollten, fragte er ihn: „Sehen Sie bitte, dass ich Ihr Gehirn bekomme, wenn Sie sterben!“

Geboren wird Kinnier Wilson am 6. Dezember 1878 im US-Bundesstaat New Jersey. Er ist gerade ein Jahr alt, als sein Vater, ein irischer Presbyterianer-Priester, an Malaria stirbt. Seine Mutter, eine Schottin, kehrt mit ihm und seiner Schwester zurück nach Edinburgh. Dort geht er zur Schule und fällt durch seine Sprachbegabung auf, er gewinnt Auszeichnungen für Latein und Griechisch. Danach beginnt er das Medizinstudium, das er zum Teil durch Nachhilfe finanziert. Nach dem Examen 1902 wird er Arzt am Royal Infirmery, dort wird sein Interesse an der Neurologie geweckt. Über ein Stipendium kann er dann in Paris zwei Jahre mit den berühmten Neurologen Pierre Marie und Joseph Babinski arbeiten, danach in Leipzig mit dem Psychiater Paul Flechsig. 1904 tritt er in London eine Stelle am National Hospital for Nervous Diseases an – wo er bis zu seinem Tod arbeiten wird. Seine Leidenschaft aber ist die Forschung. 1911 wird er mit einem Schlag berühmt, als er die Goldmedaille der Universität Edinburgh für seine Dissertation gewinnt (siehe Kasten). Sie erscheint in Kurzform in „Lancet“ und ein Jahr darauf komplett in der Zeitschrift „Brain“, mit mehr als 200 Seiten der längste jemals darin publizierte Beitrag. In seiner Forschungsarbeit hatte er die entscheidende Beteiligung der Leber an der später nach ihm benannten Krankheit erkannt. Seine Entdeckung verhilft Wilson 1918 zum Lehrstuhl für Neurologie am King’s College, dem ersten dieses Fachs in Großbritannien, das bis dahin als Teil der Allgemeinmedizin gelehrt wurde. 1920 gründet er die Zeitschrift für Neurologie und Psychopathologie. Er forscht zu Gang- und Tic-Störungen, führt die Begriffe extrapyramidales Syndrom und extrapyramidales System ein, schreibt über Epilepsie, Parkinson, Aphasie, Apraxie und pathologisches Lachen und Schreien. Erhalten aus dieser Zeit ist ein 20-minütiger Stummfilm über Patienten mit Bewegungsstörungen, den er wohl angeregt von Charly Chaplin, einer seiner Privatpatienten, gedreht hat. Auf dessen Ranch in Kalifornien war er zu Gast.

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Wilson starb am 12. Mai 1937 auf dem Höhepunkt seines Schaffens im Alter von 59 Jahren an Krebs. Er hinterließ eine Frau, die er 1913 geheiratet hatte, und einen Sohn, der später ein renommierter Assyriologe wurde. In den Nachrufen hieß es, dass abgesehen vom Golfspielen und Gärtnern die Neurologie Wilsons Leben ausfüllte – auf Kosten seiner Familie, wie manche vermuteten. Drei Jahre nach seinem Tod erschien posthum sein zweibändiges Standardwerk „Neurologie“, das von seinem Schwager, ebenfalls einem Neurologen, herausgegeben wurde. Sabine Schuchart

Bild: Wikipedia
Bild: Wikipedia

1911 verwies Samuel A. Kinnier Wilson (1878–1937) in seiner Dissertation als Erster auf die Bedeutung von pathologischen Leberveränderungen für die von ihm als „progressive lentikuläre Degeneration“ bezeichneten Schäden des Nucleus lentiformis des Gehirns. Diesen Durchbruch verdankte er seinen histologischen Untersuchungen an vier Patienten, die er mit Fällen aus der Literatur abglich. Wilson wurde damit zum Namensgeber einer Stoffwechselstörung, bei der es zur Ansammlung von Kupfer in diversen Organsystemen kommt, vor allem in Leber, ZNS und Kornea. Vor ihm hatten dazu bereits von Frerichs (1854) sowie Westphal und von Strümpell (1898) geforscht. Seit 1993 ist die Ursache der seltenen, autosomal-rezessiv vererbten Krankheit bekannt: bis zu 350 Mutationen des Wilson-Gens (ATP7B), die zur Fehlleistung des Kupfer transportierenden Wilson-Proteins führen. Das früher letale Leiden tritt weltweit auf und kann heute meist gut therapiert werden.

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