szmtag Digitalisierung: Schön – für die Industrie
ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2021Digitalisierung: Schön – für die Industrie
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Wie kann es sein, dass hier bereits vom Ersatz der elektronischen Heilberufeausweise und Konnektoren durch ein sog. „föderiertes Identitätsmanagement“ bis 2023 (also in nur etwas mehr als zwei Jahren!) schwadroniert wird, während Krankenhäuser mitten in Pandemiezeiten gesetzlich gezwungen sind, noch erhebliche Ressourcen an Zeit, Geld und Personal in die erstmalige Beschaffung und Installation eben dieser offensichtlich kurzfristig obsolet werdenden Komponenten der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) zu versenken? Zeit, Geld und Personal, die an anderer Stelle bitter fehlen!

Wer hierzu pauschal auf den raschen technischen Wandel und das Erfordernis permanenten Fortschritts verweist, sollte dann aber keinesfalls behaupten, die mit der TI geplante umfassende Durchdigitalisierung des Gesundheitswesens brächte den damit zwangsbeglückten Endanwendern in Kliniken und Praxen angesichts dieser z.T. technikimmanenten, z.T. aber schlicht profitgetriebenen steten Innovationsnotwendigkeit je einmal eine tatsächliche Zeitersparnis oder mehr Freiheit für das eigentliche ärztliche Handeln mit und am Patienten. Das Gegenteil war bei allen bisherigen Digitalisierungsschritten der Fall und wird es erfahrungsgemäß immer bleiben. Als Beispiel seien nur die verfehlten Krankenhausentgeltsysteme in der Somatik (DRG) oder der Psychiatrie (PEPP) genannt, welche ohne eine überbordende Digitalisierung in dieser Form gar nicht hätten über uns gebracht werden können.

Auch bleibt zu fragen, welche Angriffe auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte sowohl der Patient*innen als auch der Mitarbeitenden im Gesundheitswesen sich hinter dem Begriff „föderiertes Identitätsmanagement“ verbergen, der sich anhört, als ob er einer totalitären Dystopie entsprungen sei.

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Wie „schön“ für IT-Industrie und die an ihr interessierte Politik, dass sich die letztlich von der Digitalisierung im Gesundheitswesen Betroffenen zu großen Teilen gerade bis an die Grenzen der persönlichen und institutionellen Leistungsfähigkeit um Pandemiemanagement und COVID-19-Behandlung kümmern und daher oft weder Zeit noch Kraft für die eigentlich notwendigen Debatten und nachdrücklichen Proteste gegen offensichtliche Fehlentwicklungen haben.

Wer führt in dieser Situation die teuren und überdimensionierten Digitalisierungspläne wieder auf ein konsensfähiges, technisch sicher beherrschbares und der Patientenversorgung dienendes anstatt sie beherrschendes Maß zurück?

Dr. med. Johannes Ullrich, 75365 Calw-Hiersau

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