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Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Das Gehirn als Schlüsselorgan

Vetter, Christine

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Der Neurologenkongress hatte in Sachen Krankheitsverständnis und Therapieoptionen über Fortschritte zu berichten. Aber das SARS-CoV-2 gibt noch ungeahnte Rätsel auf.

Foto: Irina Shi/stock.adobe.com
Foto: Irina Shi/stock.adobe.com

Den 93. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie haben rund 7 600 Teilnehmer virtuell verfolgt. Der Kongress war unter dem Motto „Neurologie und technologische Innovationen“ auf die künftigen Perspektiven des Faches ausgerichtet. Ein Fokus der Tagung lag laut Kongresspräsident Prof. Dr. med. Matthias Endres, Direktor der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie an der Charité Berlin, auf neuen Technologien und Therapieverfahren. Mit deren Hilfe ließen sich bereits in den vergangenen Jahren wegweisende Erfolge erzielen, weitere Fortschritte seien zu erwarten.

Bei SARS-CoV-2 steht die Neurologie allerdings eher am Anfang. Zunächst galt COVID-19 als Lungenerkrankung. „Es war für uns überraschend, dass eine Reihe der Patienten auch neurologische Symptome zeigen, mit denen wir nicht gerechnet hatten“, berichtete Prof. Dr. med. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. Beispiele für gravierende Komplikationen seien Schlaganfälle, Neuropathien und auch Enzephalomyelitiden.

Studien zufolge entwickeln 13 % der hospitalisierten COVID-19-Patienten eine ernste neurologische Komplikation (1). Diese ist offenbar für die Prognose von entscheidender Bedeutung: So zeigte sich bei den betroffenen Patienten eine um fast 40 % erhöhte Sterblichkeitsrate gegenüber hospitalisierten COVID-19-Patienten ohne neurologische Begleiterkrankung.

Die neurologischen Komplikationen traten in einer prospektiven US-Multicenter-Beobachtungsstudie im Mittel zwei Tage nach der bekannten COVID-19-Symptomatik wie Fieber, Erkältungssymptomen und Diarrhö auf. Dabei litten viele Patienten bereits vor oder zum Zeitpunkt der Einweisung in die Klinik unter den neurologischen Beschwerden.

Neuro-Symptome triggern Risiko

Patienten mit neurologischen Komplikationen waren im Vergleich zu jenen ohne diese im Mittel älter (im Median 71 versus 63 Jahre), häufiger männlichen Geschlechts (66 % versus 57 %) und auch häufiger weißer Hautfarbe (63 % versus 45 %). Doch selbst nach Adjustierung nach Alter, Geschlecht, SOFA-Score („Sepsis-related Organ Failure Assessment“), Intubation und Vorerkrankungen hatten COVID-19-Patienten mit neurologischen Begleiterkrankungen um ein 38 % – signifikant – höheres Risiko, im Krankenhaus zu versterben. Die Wahrscheinlichkeit, nach Hause entlassen werden zu können, war – ebenfalls signifikant – um 28 % reduziert.

„Daher sollte bei der intensivmedizinischen Versorgung schwer erkrankter COVID-19-Patienten neurologische Expertise vorhanden sein“, forderte Berlit. Studien, die auch leichtere neurologische Symptome wie Geruchs- und Geschmacksstörungen erfasst haben, dokumentieren sogar eine Prävalenz von bis zu 84 % (2, 3). Damit ist offensichtlich bei vier von fünf Patienten, die im Krankenhaus wegen COVID-19 behandelt werden, mit neurologischen Begleitsymptomen zu rechnen. Während die weniger schweren neurologischen Komplikationen wie eine Beeinträchtigung des Geruchssinns und der Geschmacksempfindungen offenbar durch eine direkte virale Invasion bedingt sind, gehen die gravierenden Störungen laut Berlit nach derzeitigem Kenntnisstand auf indirekte Auswirkungen der Infektion durch eine Aktivierung des Immun- und des Gerinnungssystems zurück.

Ein besonderes Problem ist nach Angaben des Neurologen die coronabedingte chronische Fatigue: „Es sieht so aus, als sei ein Erschöpfungssyndrom eine häufige Folge der COVID-19-Erkrankung“, sagte der Mediziner. „Ein solches Phänomen wundert uns nicht bei Patienten, die beatmet wurden oder allgemein auf der Intensivstation behandelt werden mussten“, so Berlit. Auch entwickelten viele Patienten mit eher leichtem Verlauf ein Fatigue-Syndrom – mit nicht selten auch kognitiven Einschränkungen.

Erschöpfung nach COVID-19

Die Fatigue könne dabei so gravierend sein, dass die Betroffenen nicht in den Berufsalltag zurückkehren können. Die Ursachen der Störung sind allerdings bislang nicht genau bekannt: „Ich glaube persönlich nicht, dass die Erschöpfung eine psychosomatische Verarbeitungsproblematik ist. Sie scheint eher durch die Immunantwort auf die Infektion bedingt zu sein“, sagte Berlit. Vor allem von Registerdaten erhoffen die Neurologen sich weitere Hinweise auf die Kausalität dieser weit verbreiteten Folgekomplikation von COVID-19.

Neuerungen gibt es auch hinsichtlich der tiefen Hirnstimulation (THS), deren therapeutisches Potenzial bislang wohl keineswegs ausgeschöpft wird. Das Verfahren wird laut Prof. Dr. med. Andrea Kühn, Leiterin der Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation an der Charité Berlin, bereits erfolgreich beim Morbus Parkinson sowie bei der Dystonie und beim essenziellen Tremor angewendet.

„Es werden aktuell weitere Indikationen im Bereich der Bewegungsstörungen erforscht“, erläuterte die Medizinerin. Beim DGN-Präsidialsymposium stellte sie in diesem Zusammenhang das Konzept der adaptiven, bedarfsgerechten THS vor. Generell besteht deren Ziel laut Kühn darin, die abnorme neuronale Aktivität in dysfunktionalen Netzwerken zu unterdrücken. Durch innovative Ansätze der Erforschung von Netzwerkerkrankungen und einer Optimierung der THS soll künftig eine „individualisierte symptombezogene Netzwerkstimulation“ realisiert werden, so Kühn.

Konkret geht es beispielsweise um eine Desynchronisation pathologischer Aktivität durch eine adaptive Neurostimulation. Damit sollen die „hot spots“ über eine bildgebungsgesteuerte Zielpunktfindung und Modulation des elektrischen Felds mit segmentierten Elektroden stimuliert werden – mithilfe der konnetivitätsbasierten THS. „Basierend auf den Erkenntnissen zur THS bei Patienten mit einem Morbus Parkinson wollen wir die Neuromodulation als ein vielversprechendes Werkzeug zur individualisierten Therapie von anderen Bewegungsstörungen weiterentwickeln“, erklärte Kühn. Dabei soll künftig die pathologische Netzwerkaktivität jeweils bedarfsgerecht unterdrückt werden und physiologisch so verstärkt, dass Krankheitssymptome gemindert und Nebenwirkungen vermieden werden.

Erforscht werden die neuen Optionen zunächst bei der Behandlung von Bewegungsstörungen. Es besteht jedoch die Hoffnung, das Prinzip der Neuromodulation bei anderen neurologischen Erkrankungen wie zum Beispiel beim Schlaganfall oder bei Traumata zur Anwendung bringen zu können.

Therapeutische Fortschritte bei der Multiplen Sklerose (MS) wurden durch Krankheitsmodelle stark inspiriert und vorangetrieben, erklärte Prof. Dr. med. Frauke Zipp, Direktorin der Neurologischen Universitätsklinik Mainz. Zunehmend werde deutlich, dass Ätiologie und Verlauf – vom schubförmigen Beginn bis zur sekundär progredienten MS – sowohl durch eine genetische Prädisposition als auch durch Umweltfaktoren einschließlich der Ernährung bedingt sind.

Glutaminase-Inhibiton bei MS

Neu sind nach Zipp Befunde, wonach die Neuroinflammation bei der MS ihrerseits toxische Ablagerungen eines synaptischen Proteins in Neuronen induzieren kann. „Es gibt somit noch Mechanismen der neuronalen Schädigung, die wir nur langsam verstehen“, berichtete die Medizinerin. Von einem besseren Verständnis der zugrunde liegenden Prozesse erhoffen sich die Wissenschaftler Ansatzpunkte zur Entwicklung innovativer Therapieoptionen. Dass diese Hoffnungen durchaus realistisch sind, zeigen Beobachtungen, wonach eine Glutamat-Ausschüttung aus T-Helferzellen direkt zu einer neuronalen Schädigung führen kann (4). Mit Glutaminase-Inhibitoren konnte die weitere Krankheitsentwicklung im Krankheitsmodell deutlich abgeschwächt werden. Diese experimentellen Befunde lassen auf gänzlich neue Therapieansätze bei MS hoffen. Dabei scheinen sich auch Optionen zur Reparatur geschädigter Nervenzellen zu ergeben. Es zeigte sich, dass regulatorische Zytokine wie Interleukin-4 Signalwege so beeinflussen können, dass neuronale Reparaturprozesse angestoßen werden. Christine Vetter

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0521
oder über QR-Code.

Deutsche Hirnstiftung gegründet

Was die wenigsten wissen: Rund jeder zweite Europäer leidet unter einer neurologischen Erkrankung. Diese gehen meist mit massiven Beeinträchtigungen, einem erheblichen Verlust an Selbstständigkeit, Lebensqualität und oft auch Lebenserwartung einher. „Neurologische Erkrankungen sind oftmals mit Tabus behaftet, unter anderem weil sie direkt unsere Persönlichkeit betreffen“, erklärte dazu Prof. Dr. med. Frank Erbguth, Nürnberg. Er ist Präsident des auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und anlässlich des DGN-Kongresses gegründeten Vereins „Deutsche Hirnstiftung“.

„Wir wollen das Bewusstsein für neurologische Erkrankungen objektiv, unabhängig und nach dem besten und aktuellen Stand der Medizin schärfen und über neurologische Erkrankungen sowie über Präventions- und Therapiemöglichkeiten informieren“, erläuterte Vizepräsidentin Prof. Dr. med. Kathrin Reetz, Aachen. Die neue Stiftung soll „der Neurologie ein Fenster zur Öffentlichkeit“ aufstoßen – analog der Deutschen Herzstiftung oder der Deutschen Krebshilfe. Sie will leicht verständliche Informationen zu neurologischen Erkrankungen vermitteln und zudem Beratung bieten. Ein weiteres Ziel ist die Forschungsförderung.

Die Stiftung hat bereits Patienteninformationen zu häufigen neurologischen Krankheiten entwickelt. Sie stehen Betroffenen über neurologische Praxen und Kliniken zur Verfügung oder direkt bei www.hirnstiftung.org. Die Faltblätter sind leicht verständlich formuliert und auf dem neuesten Stand wissenschaftlicher Evidenz. Das Angebot soll künftig bundesweit durch Informationsveranstaltungen ergänzt werden.

Quelle: Deuschl G, Beghi E, Fazekas F, et al.: The burden of neurological diseases in Europe: an analysis for the Global Burden of Disease Study 2017. Lancet Public Health 2020; 5: e551–67.

1.
Frontera JA, Sabadia S, Lalchan R, et al.: A Prospective Study of Neurologic Disorders in Hospitalized COVID-19 Patients in New York City, Neurology https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000010979. (last accessed on 5 October 2020) CrossRef MEDLINE
2.
Helms J, Kremer S, Merdji H, et al.: Neurologic Features in Severe SARS-CoV-2 Infection, NEJM 2020; 382 (23): 2268–70 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Liotta EM, Batra A, Clark JR, et al.: Frequent neurologic manifestations and encephalopathy associated morbidity in Covid-19 patients. Annals of Clinical and Translational Neurology https://doi.org/10.1002/acn3.51210 (last accessed on 5 October 2020) CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Birkner K, Zipp F, Bittner S, et al.: β1-Integrin und Kv1.3 channel-dependent signaling stimulates glutamate release from Th17 cells. J Clin Invest 2020; 130 (2): 715–32 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Frontera JA, Sabadia S, Lalchan R, et al.: A Prospective Study of Neurologic Disorders in Hospitalized COVID-19 Patients in New York City, Neurology https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000010979. (last accessed on 5 October 2020) CrossRef MEDLINE
2.Helms J, Kremer S, Merdji H, et al.: Neurologic Features in Severe SARS-CoV-2 Infection, NEJM 2020; 382 (23): 2268–70 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Liotta EM, Batra A, Clark JR, et al.: Frequent neurologic manifestations and encephalopathy associated morbidity in Covid-19 patients. Annals of Clinical and Translational Neurology https://doi.org/10.1002/acn3.51210 (last accessed on 5 October 2020) CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Birkner K, Zipp F, Bittner S, et al.: β1-Integrin und Kv1.3 channel-dependent signaling stimulates glutamate release from Th17 cells. J Clin Invest 2020; 130 (2): 715–32 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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