ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996Ethik: Konstrukt einer brennenden Lunte

SPEKTRUM: Leserbriefe

Ethik: Konstrukt einer brennenden Lunte

Lange, Heribert

Zu dem Beitrag "Diskussion um den Philosophen Peter Singer: Widerstand gegen eine ,neue' Ethik" von Gisela Klinkhammer in Heft 23/1996
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LNSLNS Wenn Singer mit seiner praktischen Ethik alten Menschen, denen die geistige Orientierung abhanden gekommen ist, und geistig Behinderten, aber auch jedwedem Baby, wenn es denn nicht älter ist als ein Monat, auch unabhängig von der Frage, welche Entwicklungsmöglichkeiten man ihm zutraut, den Lebensanspruch bestreitet, dann befindet er sich mit dieser Vorstellung doch hoffentlich wohl und immer noch außerhalb jeder in Mitteleuropa bekannten und praktizierten gesellschaftlichen Übereinkunft zur Frage des Lebensrechts.
Man kann deshalb der Vorstellung von Prof. Hoppe (BÄK) auch nicht zustimmen, der Singer "diskutieren" will, weil all das diskussionswürdig sei, was in einer offenen Gesellschaft geglaubt und gelebt wird.
Und die im Artikel referierte Frage, ob ein Leben (aus welchen Gründen auch immer) lebenswert sei oder eben nicht und darum also zu beenden sei, hat im Gesamtbild des Singerschen Konzepts allenfalls noch eine marginale Bedeutung. Indessen muß die Auseinandersetzung mit Singer geführt werden – allemal auf deutschem Boden und allemal von Ärzten, die dazu auch eine historische Verantwortung haben. Wenn die zitierten Parlamentsabgeordneten von CDU und Grünen sich in eindeutigen Voten von Singers Auffassung distanzieren, dann haben wenigstens sie schon jetzt begriffen, daß Singers Konstrukt einer brennenden Lunte gleichkommt; zum Beispiel in Verbindung mit dem Bemühen eifriger Haushaltspolitiker, die Staatsfinanzen zu sanieren und dabei ungeahnte Einsparmöglichkeiten im Sozialetat und bei den Rentenkassen zu entdecken.
Denen aber (vielleicht auch unter uns!), die sich mit der bequemen Ausrede "es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird" aus der Verantwortung davonstehlen wollen, muß erklärt werden, daß diese Ausrede und die andere, man habe (damals) nichts von Hitlers Judenvernichtungsprogramm gewußt, ebenso unglaubwürdig wie unaufrichtig ist. Denn auf den ersten 100 Seiten von "Mein Kampf" hatte er die Judenvernichtung unmißverständlich angekündigt.
Damals waren es Juden, heute sollen es Behinderte sein, morgen vielleicht Ausländer. Mit einer ethisch verfaßten Gesellschaft, mit Humanität und auch mit unserer Verfassung, aus der ein christliches Menschenbild ziemlich mühelos ableitbar ist, kann das dann nichts mehr zu tun haben.
Dr. med. Heribert Lange, Burgstraße 30 a, 49808 Lingen
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