ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2021Uwe Johnson: Wenn einer nicht ankommt

KULTUR

Uwe Johnson: Wenn einer nicht ankommt

Britten, Uwe

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Vom Bau der Berliner Mauer war ein junger Schriftsteller auf besondere Weise betroffen: Uwe Johnson. Seit seinem Debutroman wurde er betitelt mit „Dichter der beiden Deutschland“. Gemocht hat er dieses Etikett nie. Besiegelt war es 1961 trotzdem.

Uwe Johnson bei einer Lesung etwa Mitte der 70er-Jahre. Foto: picture alliance/Keystone Röhnert
Uwe Johnson bei einer Lesung etwa Mitte der 70er-Jahre. Foto: picture alliance/Keystone Röhnert

Es gibt sie, diese Menschen, die in jeder sozialen Umgebung, in die sie hineingeraten, sofort die Konventionen, die Rituale, die ausgetauschten Floskeln wahrnehmen und auch schon (frech) zu kommentieren beginnen. Sie wirken dadurch immer distanziert, zuweilen unnahbar, manchmal arrogant und lösen schnell Unbehagen unter den anderen aus – auch wenn sie ihr Verhalten irgendwie „interessant“ macht. Es scheint, als würden sie ihre Beobachterhaltung nie ablegen. Ängste? Womöglich. Auch für Uwe Johnson gilt vermutlich, dass eine Gesellschaft, in der er sich wohl- und aufgehoben gefühlt hätte, erst noch hätte erfunden werden müssen.

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Was auch immer jemand als Persönlichkeitsstruktur schon früh ausbildet und tief im Inneren verborgen als psychische Eigendynamik entwickelt, das lässt sich aus Äußerlichkeiten immer nur unbeholfen rekonstruieren. Das Fremdsein und Fremdbleiben in der eigenen Kultur kann aus den frühen äußeren Lebensbedingungen Johnsons allerdings zumindest nicht überraschen: im Jahr 1934 geboren und dann aufgewachsen in Vorpommern an der heutigen polnischen Grenze, Krieg, Flucht der Familie 1945 weiter westlich nach Güstrow, Festnahme des Vaters durch die Sowjets und Verschleppung in ein Lager (1948 wird er für tot erklärt), Aufnahme ins Gymnasium, Zeuge von DDR-Schauprozessen an Mitschülern, das Verhältnis zu Mutter und Schwester stets nicht unkompliziert. Ab 1952 dann zuerst das Studium in Rostock, zwei Jahre später Universitätswechsel nach Leipzig.

Offene Ohren bei Suhrkamp

In den Jahren 1955 und 1956 schreibt Johnson an seinem ersten, erst viel später posthum erschienenen Roman „Ingrid Babendererde“. Doch als Schriftsteller, der er werden will, hat er es schwer, verdammt schwer. Die Kulturbehörden und Verlage der DDR tun sich schwer mit dem jungen Mann. Die Aussichten auf die Veröffentlichung des ersten Romans stehen schlecht. So orientiert er sich bereits nach Westdeutschland und schickt das Manuskript an den Suhrkamp Verlag, bei dem er auf offene Ohren für seine Art zu schreiben stößt, und dies obwohl der Verleger Peter Suhrkamp das vorgelegte Manuskript ablehnt. Immerhin aber ermutigt er den jungen Mann, weiterhin zu schreiben und das nächste Manuskript ihm ebenfalls zuzuschicken.

Zwei Jahre vergehen. Johnson schreibt und Johnson beschäftigt sich mit der Moderne und ihren Erzählformen. Dann schickt er dem Verleger das Manuskript von „Mutmaßungen über Jakob“ – und überzeugt damit den Verlag, der ihn zeitlebens unterstützen, auch großzügig finanziell, und immer zu ihm stehen wird. Das war 1959.

Im August 1961 erschien Johnsons zweiter Roman: „Das dritte Buch über Achim“. Nicht nur zum Geldverdienen, auch zum Bekanntwerden hatte sein Lektor (und spätere Suhrkamp-Verleger) Siegfried Unseld eine Lesereise in den USA initiiert. Johnson reiste den Sommer über durch Amerika – er sprach gut Englisch – und erfuhr aus einer dortigen Zeitung, dass die DDR in Berlin eine Mauer zu bauen begonnen hatte. Knapp zwei Jahre zuvor erst war Johnson nach West-Berlin gezogen; Mutter und Schwester hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits nach Westdeutschland abgesetzt. Als Johnson aus den USA zurückkommt, steht sie, die Mauer. Die alte Heimat – nicht mehr zu erreichen.

Von dem Kahlschlag, mit dem der Nationalsozialismus in der Kunst gewütet hatte, hat sich die deutsche Literatur nie wirklich erholt. Nur ganz wenige Autorinnen und Autoren schlossen an international aufkommende innovative und „avantgardistische“ Erzählverfahren an – deutsche Autoren waren mit Schuldfragen beschäftigt und erzählten eher naiv-realistisch. Johnson ist schon in den 50er-Jahren einer von den narrativ Innovativen und vermutlich der herausragendste.

Neue Formen des Erzählens

Johnson ist ausgesprochen wach, was neue Formen des Erzählens betrifft. Er ist nah dran an jenen narrativen Konzeptionen, die in Frankreich unter dem Begriff „Nouveau Roman“ (deutsch immer eher „Neuer Realismus“) zusammengefasst werden – auch wenn er schließlich eine andere Richtung wählen wird. Schon in den multiperspektivischen „Mutmaßungen“ war implizit das Erzählen selbst ein Romanthema. Noch weiter treibt er manches im „Dritten Buch über Achim“. Der unmittelbare Beginn des Romans lautet: „da dachte ich, schlicht und streng anzufangen so: sie rief ihn an, innezuhalten mit einem Satzzeichen, und dann wie selbstverständlich hinzuzufügen: über die Grenze, damit du überrascht wirst und glaubst zu verstehen. Kleinmütig (nicht gern zeige ich Unsicherheit schon anfangs) kann ich nicht anders als ergänzen, daß es im Deutschland der fünfziger Jahre eine Staatsgrenze gab; du siehst wie unbequem dieser zweite Satz steht neben dem ersten.“

Was auf den ersten Blick reichlich konfus und wenig nach genüsslichem Lesen als vielmehr nach „Arbeit“ aussieht, erschließt sich strukturell durchaus: Es gibt ein (erzählendes) Ich, ein (direkt angesprochenes) Du, einen (annotierten, zu schreibenden) Text und den real vorliegenden Text (den Roman). Ja, und was, wenn mit dem Du auch noch der Leser angesprochen würde?

Die Johnson’schen Texte erfordern Aufmerksamkeit, sie leben nicht von einer Aneinanderreihung von Spannungselementen, hinter denen man durch die Handlung hechelt. Es lohnt sich, genau hinzusehen, „innezuhalten“ und erst einmal aufzufassen, was man da gerade gelesen hat. Johnson versteckt die Details immer auch sprachlich, im Text. So kann es auch mal heißen: „in manchen frei gelegen Dörfern auf der einen Seite waren die Kirchtürme von Lübeck zu sehen auf der anderen Seite“. Die Satzelemente „auf der einen Seite“ und „auf der anderen Seite“ stehen hier in einem Satzgefüge, in dem sie gerade nicht durch ein Komma – wie eine Grenze – getrennt werden, sondern eher in einem „schwebenden“ Gebilde. Obwohl es, die Mächtigkeit der Grenze klarmachend, im Anschluss heißt: „zehn Meter breit aufgepflügt drängt der Kontrollstreifen in den eigens gerodeten Wald.“

Das Gesamtwerk von Uwe Johnson hatte vor Jahren das Glück, dass ein Unternehmer Geld zur Verfügung stellte, um eine gründlich kommentierte Werkausgabe („Rostocker Ausgabe“) auf den Weg zu bringen, die inzwischen an der Universität Rostock erarbeitet und von der Akademie der Wissenschaften in Berlin mitgetragen wird. Vor dem sechzigsten Jahrestag des ersten Erscheinens liegt nun auch „Das dritte Buch über Achim“ in dieser Werkausgabe vor. Selbst wenn die Bücher (auch die „Mutmaßungen über Jakob“ existieren bereits) etwas bemüht akademisch daherkommen mit ihrer Zeilenzählung und etwa einem „Emendationsverzeichnis“, so bietet die Aufbereitung viel zusätzliches Lese- und Erkenntnisvergnügen, wenn der Anhang zum Beispiel Passagen aus Johnsons Briefwechsel bietet, in dem dieser mit seinem Lektor etwa die Korrekturen im schon gesetzten Text diskutiert.

Unterhaltsam zu lesen zum Beispiel sind die letzten Kontroversen zwischen Unseld – inzwischen Verleger geworden – und Johnson, was den unmittelbaren Textanfang (siehe oben) angeht, denn Unseld schreibt an Johnson und bittet ihn, den ersten Satz noch einmal in Richtung „Lesbarkeit“ zu „modifizieren“ und fragt, was es eigentlich heißen solle, innezuhalten „mit“ einem Satzzeichen. Dabei verweist er auf seine Ehefrau, die ihn gebeten habe, Johnson um eine solche Veränderung zu bitten. Dieser wiederum reagiert aus einer distanzierten und metakommunikativen Beobachterhaltung: „Dies ist mir eine unterhaltsame Vorstellung: wie der Verleger hinter seiner Frau verborgen mit halber Stimme und schüchtern lispelt ob der Autor nicht den ersten Satz aendern wolle? Was heisst hier aendern! MODIFIZIEREN mit ein bisschen ETWAS dekoriert ist das aeusserste Wagnis und denkbar nicht bevor die Frau ja auch sagt.“ – Wie man oben sieht, blieb es beim „mit“!

Johnson wurde mit dem endgültig getrennten Deutschland nicht warm. Immer wieder verbrachte er längere Zeiten in den USA, insbesondere in New York. Und als er wieder einmal von dort „zurück“kam, ließ er sich 1974 mit Frau und Tochter nicht etwa in Deutschland nieder, nein, sondern in dem englischen Küstenort Sheerness-on-Sea, wo er mit einem großzügigen Darlehen von Max Frisch ein Haus hatte kaufen können. Schon vier Jahre später wird er von Frau und Tochter verlassen, lebt allein dort und schreibt am vierten Band der Jahrestage weiter – er ist dem Verlag gegenüber damit seit beinahe zehn Jahren säumig (seit Vertragsabschluss waren inzwischen 16 Jahre vergangen).

Miserabler körperlicher Zustand

Nicht nur, dass Johnson sein Leben lang stark geraucht hatte, er trank in dieser Zeit auch noch mehr als zuvor schon. Aber er schrieb, offenbar unermüdlich. Ein letzter Halt im Leben? Endlich, im April 1983 schickt Johnson die noch ausstehenden Kapitel des letzten Jahrestage-Bandes zum Suhrkamp Verlag. Der umfangreiche Roman wird zügig gesetzt. Im Oktober schon erscheint er. Eine angesetzte Lesereise in Deutschland muss allerdings schon bald abgebrochen werden, denn Johnson ist in einem miserablen körperlichen und letztlich auch psychischen Zustand. Nach einem Kranken­haus­auf­enthalt in Berlin kehrt er nach England zurück. In Sheerness-on-Sea wird er am 23. Februar 1984 zum letzten Mal gesehen. Zwei Wochen später findet man den stark verwesten Leichnam.

Kein Ort. Nirgends. Das Heimweh blieb. Uwe Britten

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