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ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2021Von schräg unten: Impfe

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Impfe

Böhmeke, Thomas

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Der Blick auf die multiplen Falten morgens beim Rasieren lehrt mich: Ich werde alt. Auf der Suche nach positiven Aspekten dieses natürlichen Vorgangs werde ich beim Volksmund, also der Referenz für Realität, fündig. Er diagnostiziert für fortgeschrittenes Alter eine erhöhte Inzidenz an Milde und Weisheit. Derartiges habe ich bei mir jedoch noch nicht festgestellt, daher muss ich auf der Suche nach anderen schönen Seiten der Senilität den Mund besagten Volkes nochmals konsultieren.

Unerhört! Was ich da zu hören kriege, das gehört sich aus ärztlicher Sicht einfach nicht. Viele Volksmünder wollen sich nicht impfen lassen, sie wehren sich mit einer Reihe von Argumenten. Wie das der Aluminiumvergiftung durch die Impfe. Nun, Aluminium findet sich in Deodorants, Antacida und auch in Lebensmitteln. Daher stellt sich die Frage, wann es toxisch ist. Hierfür blättere ich im technischen Datenblatt und erfahre, dass die letale Dosis, also die LD 50, bei ca. 1 500 mg pro Kilogramm Körpergewicht liegt. Wenn man es schafft, 100 mg Aluminium in 1 ml Impfe unterzubringen, müsste die Spritze ungefähr einen Liter fassen, um die LD 50 zu erreichen ... Also da bin ich ganz bei den Impfgegnern, für solch eine Riesenspritze mache ich nicht den Oberarm frei.

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Kommen wir zum nächsten Argument: Bill Gates will uns alle per verimpftem Chip gefügig machen. Das erschließt sich mir erst mal nicht, weil sich elektrische Bauteile nicht mit Flüssigkeiten vertragen. Das weiß jeder, dem schon mal der Fön in die volle Badewanne gefallen ist. Außerdem gibt es im Gehirn weder eine USB-Schnittstelle noch einen Bluetooth-Adapter, das müssen Sie mir glauben, ich habe extra auf den letzten MRT-Aufnahmen meines Schädels nachgeguckt. Darüber hinaus macht der Chip keinen Sinn, da wir durchschnittlich eh schon über fünf Stunden pro Tag am und im Netz hängen, da kann sich Bill Gates wirklich nicht beschweren, schließlich sind wir längst abhängig. Aber halt! Es gibt immer noch solche fiesen Digitalverweigerer wie mich, die ihren PC zum Schreiben und das Mobilfunkgerät zum Telefonieren benutzen. Das geht gar nicht, da muss der gute Bill was tun! Andererseits habe ich keinerlei Lust, nach der Impfung zwanghaft den halben Tag verdaddeln zu müssen, daher: Nicht mit mir, das kommt mir nicht ins Haus, äh, unter die Haut!

Kommen wir zum dritten Argument: Die Pharmaindustrie hat die Impfe nur erfunden, damit sie sich goldene Nasen und diamantene Ohren verdienen kann. Daher bekämpft sie jeden, der es wagt, das Immunsystem auf natürlichem Wege zu stärken. Ja, da könnte was dran sein ... Da kommt mir eine brillante Idee: Ich werde mich an die Spitze der Impfgegner stellen und Ampullen mit Dihydrogenmonoxid verkaufen, mit denen das Immunsystem richtig auf Trab kommt. Ich werde damit so reich werden, dass ein Traum wahr wird: endlich auf den berühmten CDs gelistet zu werden, die hiesige Politiker von Schweizer Großbanken kaufen, um Steuern einzutreiben! Ist das nicht wunderbar? Ab heute bin ich Impfgegner und dem Volksmund so dankbar für den weisen Rat ...

Moment, das Telefon klingelt. In der Leitung ist ein befreundeter Hausarzt, der ein paar kardiologische Fragen hat. Nach Klärung des Fachlichen kommen wir ins Schwätzen. „Du, Thomas, ich bin jetzt Impfarzt! Ich fahre die Pflegeheime an und impfe gegen COVID. Da bleibt immer mal wieder eine Portion übrig, wie sieht’s mit Dir aus, willst Du eine haben?“ Ja, aber so was von! Ich lasse alles stehen und liegen und komme sofort vorbei! Man muss auch mal weise sein und Milde walten lassen gegenüber Entschlüssen, die man bereits gefasst hat. Auch die Schweizer Nummernkonten können mich mal.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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