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Kommunikation in der Pandemie: Luft nach oben

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Der mangelnde Coronaimpfstoff befeuert weiter den bevorstehenden Bundestagswahlkampf. Während die SPD hier quasi die Regierungskoalition verlassen und sich der Kampagne um das „Impfdesaster“ angeschlossen hat, rückte vergangene Woche auch der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) von der Regierungslinie ab und kritisierte die Impfstoffbeschaffung. Der Staat müsse klare Vorgaben machen, dafür sei eine staatlich gelenkte Not-Impfstoffwirtschaft sinnvoll, schlug Söder vor – und fand sich politisch in Gesellschaft von Grünen und Linken wieder, denen der freie Markt seit Langem suspekt ist.

Der Staat soll also das richten, was die Biotechnologie- und Pharmaunternehmen bislang vermeintlich nicht hinbekommen haben. Es ist die Industrie, der es in intensiver Zusammenarbeit mit der Forschung gelungen ist, weltweit in kürzester Zeit COVID-19-Impfstoffe zu entwickeln, die auch bereits verimpft werden.

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So funktioniert Politik oftmals: Sie lenkt ab. Eben noch gefeierte Impfstoffentwickler, suggeriert Söder nun, die Unternehmen seien nicht gewillt, sämtliche Möglichkeiten der Impfstoffproduktion auszuschöpfen.

Dabei kooperieren schon etliche Firmen miteinander und es werden immer mehr. Fast jede der Biotechnologiefirmen, die einen Impfstoff entwickelt hat, holt sich einen großen Pharmaplayer an die Seite, um deren Vertriebsnetz und gegebenenfalls Produktionskapazitäten zu nutzen. Die Herstellung dieser neuen Stoffe ist aber hoch kompliziert. „Das ist keine Brezelbackmaschine“, wie Curevac-Vorstand Franz-Werner Haas jüngst sagte.

Daher muss man sich fragen, warum der Staat für mehr Kapazitäten sorgen soll, wenn er schon bei organisatorischen Fragen wie der Maskenbestellung und Verteilung, der Digitalausstattung von Schulen und Gesundheitsämtern oder den Impfterminen Schwierigkeiten hat. Dass Söder die hochkomplexen Produktionsprozesse der Impfstoffe zum Zeitpunkt seines Vorstoßes nicht kannte, wäre nach wochenlangen Diskussionen eher peinlich. Es überrascht daher schon, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) und eben Söder sich nach dem Impfgipfel unisono beeindruckt zeigten, wie viele Arbeitsschritte und wie viel ausgefeilte Technik für die Produktion der mRNA-Impfstoffe notwendig sind.

Das passt auch zum Auftritt von Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), die ankündigte, Berlin-Chemie würde in der Hauptstadt Impfstoffe herstellen, um sich dann von diesen belehren zu lassen, warum dies nicht geht.

Eine solche Außendarstellung macht die Kommunikation der politischen Entscheider unglaubwürdig. Und natürlich fragt sich die Bevölkerung zudem, warum für die „größte Impfaktion der Menschheitsgeschichte“ erst jetzt ein Impfgipfel oder ein Impfplan kommt.

Ein unterschätztes Problem, das die Akzeptanz der Bevölkerung für die Coronamaßnahmen kontinuierlich mehr sinken lässt, ist die Kommunikation. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) brachte es auf den Punkt: Ihm sei es in den letzten Wochen nicht gelungen, realistische Erwartungen beim Impfen zu wecken. Es ist also Luft nach oben in der Kommunikation.

Dies wird in dieser Woche noch umso wichtiger, wenn sich – nach Redaktionsschluss – die Ministerpräsidenten zu ihrer nächsten Runde mit der Kanzlerin treffen, um über den Fortgang des Lockdowns zu diskutieren.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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