szmtag Akutschmerz-Management: Aufgabe für Team und Leitung
ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2021Akutschmerz-Management: Aufgabe für Team und Leitung

THEMEN DER ZEIT

Akutschmerz-Management: Aufgabe für Team und Leitung

Brunsmann, Frank; Stamer, Ulrike; Meißner, Winfried

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss macht das Akutschmerz-Management zum verbindlichen Teil des Qualitätsmanagements von Krankenhäusern und vertragsärztlichen Praxen. Postoperative Schmerztherapie ist damit gemeinsame Herausforderung für Team und Leitung der Einrichtungen.

Foto: M. Szabo, UKJ
Foto: M. Szabo, UKJ

Schmerz nach einer Operation ist nichts Ungewöhnliches, stellt für die Patientin oder den Patienten gleichwohl eine sehr belastende Erfahrung dar. Insofern stellen Vermeidung, Reduktion und Beseitigung von Schmerzen ein patientenorientiertes Ziel dar. Mit seiner jüngsten Entscheidung hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) die Aufmerksamkeit hierauf als wesentliche Leitungsaufgabe im internen Qualitätsmanagement vorgegeben (1).

Anzeige

Stand der Akutschmerz-Therapie

In Deutschland wurden laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2017 knapp 17 Millionen Operationen bei vollstationären Patienten und 2 Millionen bei ambulanten Patienten durchgeführt. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Kliniken. Bei einem Vergleich der Qualität der postoperativen Schmerztherapie in über 100 deutschen Krankenhäusern wurden auch die Angaben der Patienten zu ihrer Schmerzintensität nach bestimmten Operationen erfragt (2). In Kliniken, die bei diesem Vergleich zu den besten 10 % gehörten, lag die durchschnittliche Schmerzintensität der Patienten bei 3,6 ± 2,1 auf einer numerischen Ratingskala von 0–10, hingegen bei 6,3 ± 2,2 in den Kliniken, die diesbezüglich die schlechtesten 10 % der teilnehmenden Einrichtungen bildeten. Gute Schmerztherapie ist also kein unrealistisches Ziel, sondern in vielen Kliniken bereits Alltag.

Postoperative Schmerzen können nicht nur außerordentlich belastend für die Patienten sein, sondern stehen auch einer raschen Genesung nach dem initialen Eingriff entgegen. Sie können mit einer verzögerten Mobilisation und vermehrten Komplikationen nach der Operation assoziiert sein (3). Die Gefahr der Chronifizierung mit nachfolgenden schmerzbedingten funktionellen – physischen und psychischen – Einschränkungen und damit verbundener Abnahme der Lebensqualität ist groß (4).

Dem postoperativen Akutschmerz-Management wurde bislang in sehr unterschiedlichem Ausmaß Aufmerksamkeit geschenkt. Im stationären Bereich haben etwa die Hälfte der Einrichtungen eigenständige Schmerzdienste eingerichtet (5). Damit folgen sie internationalen Leitlinien (6). Gleichwohl weisen Untersuchungen auch hier auf erhebliche qualitative und quantitative Unterschiede zwischen den Einrichtungen hin (5).

Eine Befragung von ambulant operierenden Chirurgen beziehungsweise ambulant tätigen Anästhesisten ergab, dass nur 11 % beziehungsweise 40 % regelmäßig Schmerzen vor Entlassung des Patienten messen, wobei nur ein Teil validierte Schmerzskalen verwendet (7). Die hohe Relevanz von Schmerz und schmerzbedingter Beeinträchtigung für die Lebensqualität, die sehr unterschiedliche Berücksichtigung eines suffizienten Schmerz-Managements in den Einrichtungen und das mögliche Verbesserungspotenzial waren 2017 Anlass für den initialen Antrag der Patientenvertretung im G-BA (8).

Beschluss des G-BA

Der einstimmig gefasste Beschluss des G-BA (9) ist aus Patientensicht daher ein wichtiger Schritt zu einer Verbesserung der Schmerztherapie in denjenigen Kliniken und Praxen, die diesem Thema bisher offenbar unzureichende Aufmerksamkeit widmen. Dabei stellt die im Beschluss definierte Vorgabe, ein Konzept zum Akutschmerz-Management vorzuhalten und umzusetzen, als Leitungsaufgabe eine Herausforderung für die einrichtungsinterne Kommunikation dar. So soll das in jeder Einrichtung intern zu entwickelnde und umzusetzende schriftliche Konzept gemäß den Vorgaben des G-BA jeweils mit allen an der Versorgung beteiligten Professionen abgestimmt werden. Dies trägt dem Akutschmerz-Management als interdisziplinäre Aufgabe Rechnung.

Gleichzeitig sind im schriftlichen Konzept die Zuständigkeiten und die Zuteilung ausreichender Zeitressourcen für das Akutschmerz-Management festzulegen, sofern geboten mit einer Neustrukturierung oder Personalerweiterung. Wesentliche Elemente für eine entsprechende Abfassung beziehungsweise Aktualisierung sind in der Tabelle aufgeführt. Das hausinterne schriftliche Konzept mit Checklisten und der Zuordnung personeller Verantwortlichkeiten im Ablauf, beginnend mit der präoperativen Patienteninformation bis zur Entlassung, sowie den einrichtungsinternen Maßnahmen zur Qualitätssicherung schafft die Basis für eine professions- und abteilungsübergreifende konsequente Umsetzung.

Eckpunkte für die interne Konzepterstellung
Tabelle
Eckpunkte für die interne Konzepterstellung

Eine gute Teamleistung beim Akutschmerz-Management wird für viele Patientinnen und Patienten direkt spürbar, sowohl während des Aufenthalts in der Einrichtung als auch nach Entlassung. Es ist daher zu hoffen, dass die Konzepterstellung und -umsetzung als zukunftsorientierte, aber zugleich realistisch umsetzbare Aufgabe beherzt angegangen wird. Als weitere Unterstützung der Entwicklung und Umsetzung der einrichtungsinternen Konzepte möchten wir auch die Fachgesellschaften und Fachjournale ermutigen, die fachspezifischen Aspekte zu thematisieren, sowie Anbieter von Qualitätsmanagement-Systemen, dieses Thema zu berücksichtigen, zum Beispiel in Arbeitshilfen und Checklisten.

Relevanz für Patientenoutcome

Um zu überprüfen, ob die Verbesserungen in der Versorgung beim Patienten auch ankommen, hat der G-BA darüber hinaus als flankierende Maßnahme die Entwicklung eines dauerhaften, datengestützten Qualitätssicherungsverfahrens zum Akutschmerz-Management beschlossen (10). Sowohl die hohe Relevanz für das Patientenoutcome als auch die zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Querschnittsthema sind gute Gründe, die einrichtungsinternen Überprüfungen und Anpassungen jetzt in die Wege zu leiten.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2021; 118 (6): A 301–2

Anschrift für die Verfasser:
Dr. rer. medic. Frank Brunsmann,
Co-Sprecher der Patientenvertretung im Unterausschuss Qualitätssicherung des G-BA, Berlin, E-Mail: post@frankbrunsmann.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0621
oder über QR-Code.

1.
Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Pressemitteilung Nr. 47/2020 – „Krankenhäuser und Praxen müssen sich bei der Schmerztherapie nach Operationen stärker engagieren“. https://www.g-ba.de/downloads/34-215-892/47_2020-09-17_QM-RL_Akutschmerz.pdf (last accessed on 3 October 2020).
2.
Meißner W, Komann M, Erlenwein J, Stamer U, Scherag A: The quality of postoperative pain therapy in German hospitals: The effect of structural and procedural variables. Dtsch Arztebl Int 2017: 114: 161–7 VOLLTEXT
3.
van Boekel RLM, Warlé MC, Nielen RGC, et al.: Relationship between postoperative pain and overall 30-day complications in a broad surgical population: an observational study. Ann Surg 2019; 269: 856–65 CrossRef MEDLINE
4.
Stamer UM, Ehrler M, Lehmann T, Meissner W, Fletcher D: Pain-related functional interference in patients with chronic neuropathic postsurgical pain: An analysis of registry data. Pain 2019; 160 (8): 1856–65 CrossRef MEDLINE
5.
Erlenwein J, Koschwitz R, Pauli-Magnus D, et al.: A follow-up on acute pain services in Germany compared to international survey data. Eur J Pain 2016; 20: 874–83 CrossRef MEDLINE
6.
Chou R, Gordon DB, Leon-Casasola OA de, et al.: Management of postoperative pain: a clinical practice guideline from the American pain society, the American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine, and the American Society of Anesthesiologists’ committee on regional anesthesia, executive committee and administrative council. J Pain 2016; 17: 131–57 CrossRef MEDLINE
7.
Lux EA, Stamer U, Meissner W, Wiebalck A: Postoperative Schmerztherapie nach ambulanten Operationen – Eine Befragung der behandelnden Anästhesisten. Schmerz 2011; 25: 191–8 CrossRef MEDLINE
8.
Patientenvertretung im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss: Bessere Versorgung bei akuten Schmerzen – Dokumentation zum Antrag vom 21. September 2017. https://patientenvertretung.g-ba.de/antraege/qualitaetssicherung/bessere-versorgung-bei-akuten-schmerzen/ (last accessed on 26 September 2020).
9.
Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses über eine Änderung der Qualitätsmanagement-Richtlinie (QM-RL): Aufnahme einer Regelung zur verpflichtenden Einführung und Umsetzung von Akutschmerzmanagementkonzepten für eine angemessene postoperative Schmerztherapie. 2020. https://www.g-ba.de/downloads/39-261-4461/2020-09-17_QM-RL_Einfuehrung-Schmerzmanagement.pdf (last accessed on 29 October 2020).
10.
Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses über die Entwicklung von G-BA-Maßnahmen zum Thema Akutschmerz-
management. 2019. https://www.g-ba.de/downloads/39-261-4117/2019-12-19_-TuP_Akutschmerzmanagement.pdf (last accessed on 29 October 2020).
Patientenvertretung im Unterausschuss Qualitätssicherung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, Berlin: Dr. rer. medic. Brunsmann

Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie, Universität Bern; Deutsche Schmerzgesellschaft e.V., Berlin: Prof. Dr. med. Stamer

Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Sektion Schmerztherapie, Universitätsklinikum Jena, Deutsche Schmerzgesellschaft e.V., Berlin: apl. Prof. Dr. med. Meißner
Eckpunkte für die interne Konzepterstellung
Tabelle
Eckpunkte für die interne Konzepterstellung
1.Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Pressemitteilung Nr. 47/2020 – „Krankenhäuser und Praxen müssen sich bei der Schmerztherapie nach Operationen stärker engagieren“. https://www.g-ba.de/downloads/34-215-892/47_2020-09-17_QM-RL_Akutschmerz.pdf (last accessed on 3 October 2020).
2.Meißner W, Komann M, Erlenwein J, Stamer U, Scherag A: The quality of postoperative pain therapy in German hospitals: The effect of structural and procedural variables. Dtsch Arztebl Int 2017: 114: 161–7 VOLLTEXT
3.van Boekel RLM, Warlé MC, Nielen RGC, et al.: Relationship between postoperative pain and overall 30-day complications in a broad surgical population: an observational study. Ann Surg 2019; 269: 856–65 CrossRef MEDLINE
4.Stamer UM, Ehrler M, Lehmann T, Meissner W, Fletcher D: Pain-related functional interference in patients with chronic neuropathic postsurgical pain: An analysis of registry data. Pain 2019; 160 (8): 1856–65 CrossRef MEDLINE
5.Erlenwein J, Koschwitz R, Pauli-Magnus D, et al.: A follow-up on acute pain services in Germany compared to international survey data. Eur J Pain 2016; 20: 874–83 CrossRef MEDLINE
6.Chou R, Gordon DB, Leon-Casasola OA de, et al.: Management of postoperative pain: a clinical practice guideline from the American pain society, the American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine, and the American Society of Anesthesiologists’ committee on regional anesthesia, executive committee and administrative council. J Pain 2016; 17: 131–57 CrossRef MEDLINE
7.Lux EA, Stamer U, Meissner W, Wiebalck A: Postoperative Schmerztherapie nach ambulanten Operationen – Eine Befragung der behandelnden Anästhesisten. Schmerz 2011; 25: 191–8 CrossRef MEDLINE
8.Patientenvertretung im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss: Bessere Versorgung bei akuten Schmerzen – Dokumentation zum Antrag vom 21. September 2017. https://patientenvertretung.g-ba.de/antraege/qualitaetssicherung/bessere-versorgung-bei-akuten-schmerzen/ (last accessed on 26 September 2020).
9.Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses über eine Änderung der Qualitätsmanagement-Richtlinie (QM-RL): Aufnahme einer Regelung zur verpflichtenden Einführung und Umsetzung von Akutschmerzmanagementkonzepten für eine angemessene postoperative Schmerztherapie. 2020. https://www.g-ba.de/downloads/39-261-4461/2020-09-17_QM-RL_Einfuehrung-Schmerzmanagement.pdf (last accessed on 29 October 2020).
10.Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses über die Entwicklung von G-BA-Maßnahmen zum Thema Akutschmerz-
management. 2019. https://www.g-ba.de/downloads/39-261-4117/2019-12-19_-TuP_Akutschmerzmanagement.pdf (last accessed on 29 October 2020).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote