ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Börsebius zur Infineon AG: Republik im Zeichnungsfieber

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius zur Infineon AG: Republik im Zeichnungsfieber

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): [56]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist soeben die Zeichnungsfrist für die Siemens Tochter Infineon zu Ende gegangen. Ganz Deutschland schwelgt im Kaufrausch und träumt von der schnellen Mark. Bei uns im Büro haben von 14 Leuten alle Infineon gezeichnet, ich natürlich auch. Während der gesamten Zeichnungsphase habe ich unzählige Anrufe erhalten, ob man denn "da was machen solle". Von vielen Banken höre ich auf Nachfrage, dass die Bankschalter regelrecht gestürmt worden seien. Bei der Stadtsparkasse Köln türmte sich bereits nach wenigen Tagen ein Ordervolumen von 200 Millionen Euro auf.
"Die Leute sind völlig verrückt geworden", stöhnte ein Anlageberater. Auch Depots von Oma und Opa, Tante und Kindern mussten herhalten, um die Zeichnungschancen zu erhöhen. Gute Idee, blöd nur, dass viele andere auch auf den Trichter kamen.
Die Hysterie kommt nicht von ungefähr. Zum einen ist schon die Namenswahl "Infineon" ein gelungener Schachzug, zum anderen wurde mit einem ungeheuren Werbeetat von 100 Millionen Mark sehr intensiv für den Börsengang getrommelt. Die Botschaft: "Wer jetzt keine Technologieaktien hat, dem ist wirklich nicht mehr zu
helfen." Psychologisch mag auch noch nachwirken, dass viele bei Mannesmann/Vodafone nicht dabei waren und jetzt unbedingt auch mal in die Glückstrommel greifen wollen.
Ob Sie wirklich dabei sind, steht allerdings noch in den Sternen. Die Enttäuschung vieler Anleger, vielleicht auch Wut, so sie nicht zum Zuge gekommen sind, ist bereits vorgezeichnet. In drei Tagen werden Sie wissen, ob Sie zu den Glücklichen zählen oder nicht. Am 13. März wird Infineon das erste Mal auf der Kurstafel erscheinen. Die Auftaktnotierung dürfte, irgendwo zwischen 85 und 110 Euro liegen, also knapp bis zum Dreifachen des Emissionspreises von 35 Euro betragen.
Wenn Sie wirklich zu den Glücklichen gehören: Überlegen Sie gut, Infineon auf der Stelle abzustoßen. Ich würde das auf jeden Fall so machen. Warum? Infineon taugen nicht zur Volksaktie. Dazu sind die Risiken einfach zu hoch. Zugegeben, Infineon gehört zu den größten Halbleiterherstellern der Welt. Aber es gibt kaum ein Branche, die so schnell und so gnadenlos abstürzen kann wie eben die Chipbranche. Noch im vorletzten Jahr, daran denkt heute offensichtlich keiner mehr, hat Infineon Milliardenverluste eingefahren und so eine Situation kann jederzeit wieder eintreten.
Es lohnt sich auf gar keinen Fall, etwa ein ganzes Jahr wegen möglicher steuerfreier Gewinne zu warten. Kann gut sein, dass es die dann nicht mehr gibt. Zumindest nicht in der Höhe. Börsebius
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