ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Vom Bauch eines Arztes oder: Umstrittene Patientengeschenke

VARIA: Schlusspunkt

Vom Bauch eines Arztes oder: Umstrittene Patientengeschenke

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): [56]

Bergemann, Nils

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LNSLNS Meine Freundin geht einmal im Monat mit ihrem Onkel Doktor und dem Rest der Familie - auch alles Ärzte - in die Sauna. Ich darf mit. Die reinigenden und entschlackenden Effekte eines Sauna-Abends werden übrigens überschätzt. Schon beim Abendessen kann ich mich selten zurückhalten. Spätestens beim Espresso erliege ich dann hemmungslos den Sirenenrufen der Pralinen, Schokoladen und anderen süßen Teufelinnen, die sich an strategisch günstigen Stellen in Keramikschalen anbieten. Ich wandere von Schale zu Schale und mümmele eine Süßigkeit nach der anderen. Vor dem Fernseher geht die Futterei weiter. Auch dort ist alles zugestellt mit den kleinen, fiesen Dickmachern.
Trotz meiner offensichtlichen Verfressenheit ziehe ich mir nie den Zorn meiner Verwandtschaft in spe zu. Im Gegenteil! Bevor wir gehen, öffnet der Onkel meistens sogar seine Schatzkammer, und wir dürfen uns schachtelweise Pralinen einpacken. "Nehmt, nehmt, wir müssen Diät machen." Woher die süßen Schätze kommen? Gemeinsam mit seiner Frau, der Tante Doktor, hat er eine Arztpraxis. Die Patienten überschütten die beiden mit Süßigkeiten zu allen Gelegenheiten.
Diesmal ist der Schrank zum Bersten voll. "Ich weiß gar nicht mehr wohin damit", sagt der Arzt und streichelt bedeutungsschwanger seinen Bauch. Sind diese Schokoladenhalden Folge der Berichterstattung über die neue Armut der Ärzte? Er verneint. "Schuld haben wohl eher die letzten Feiertage." Manchmal wünschte er sich, es wäre weniger oder wenigstens mehr Salzgebäck: "Zur Abwechslung könnten unsere Patienten ja mal Salzstangen oder Käsecracker schenken. Aber einen Wunschzettel kann ich ja schlecht in der Praxis aufhängen."
So geht es also weiter wie bisher. Ich wäre der Letzte, der sich beklagt. Also: Wenn auch Sie trotz Budgetierung in den Genuss von solch umstrittenen Patientengeschenken kommen, verzweifeln Sie nicht gleich. Sicherlich findet sich auch in Ihrer Familie ein Fresssack. Außerdem macht ein Bauch den Halbgott in Weiß erst so richtig menschlich. Und Ihre Patienten wollen ja schließlich sehen, wo die "Spenden" hingehen. Nils Bergemann
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