szmtag Suizidbeihilfe: In Freiheit ausgestalten
ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2021Suizidbeihilfe: In Freiheit ausgestalten
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Es war ein guter und denkwürdiger Tag, als der Bundestag seinerzeit offen, mit großem Ernst und ohne Fraktionszwang über die Sterbehilfe diskutierte und abstimmte. Die dann erfolgte kalte Dusche durch das Urteil des BVG ist zureichend an anderen Stellen bezüglich seiner inhaltlichen, ethischen, rechtlichen und spirituellen Argumentationsenge kritisiert worden. Jetzt also muss wieder eine politische Entscheidung getroffen werden. Die aber sollte auf einer breiteren Argumentationsebene als der des BVG diskutiert werden. Hier sind die Kirchen, die Palliativmediziner und Hospize, die Gesellschaft für Suizidprävention u. a. gefordert. Muss wirklich jeder dauerhafte Todeswunsch demnächst von der Gesellschaft inkl. der deutschen Ärzteschaft erfüllt werden, wie etwa der des älteren, gesunden, aber lebensmüden Herren in Schirachʼs TV-Talk „Gott“? Soll die Polizei/Feuerwehr oder auch ein simpler Bürger demnächst tatenlos zusehen, wenn ein suizidaler Jugendlicher von der Brücke springen will, vielleicht noch mit einem freundlichen Zuspruch: Spring doch ...? Brauchen wir dringlich mehr Todesengel, sprich Sterbehelfer/-innen, da die jetzt tätigen, wie zu lesen stand, so sehr überlastet sind?

Einige Nachbarländer können uns lehren, wohin die gesetzlich abgesicherte Euthanasie möglicherweise führt. Es ist z. B. bekannt, dass manche ältere pflegebedürftige Menschen vorzeitig sterben wollen, weil sie Angst haben, ihren Angehörigen zu Last zu fallen bzw. deren potenzielles Erbe zu schmälern. Sie alle sollen das „tödliche Medikament“ bekommen, das richtiger als das bezeichnet werden sollte, was es beim vorgesehenen Gebrauch ist, nämlich Gift, für dessen angestrebte Wirkung nicht mehr der Pharmakologe, sondern der Toxikologe zuständig ist. Ich habe immer Sympathie gehabt für den Beschluss unseres Ge­sund­heits­mi­nis­ters, das BfArM anzuweisen, den Giftschrank vorläufig nicht zu öffnen. Ja, eine Entscheidung muss getroffen werden, aber sie muss u. a. Rücksicht nehmen auf die seit 2 000 Jahren überkommene ärztliche Ethik – und diese mag im Sinne der regionalen Unterschiede von Ärztekammer zu Ärztekammer auch durchaus unterschiedlich ausgestaltet werden, aber in Freiheit und nicht unter einem fragwürdigen gesellschaftlichen, parteipolitischen und publikatorischem Druck. Es geht nun einmal nicht nur um den Rechtsrahmen.

Prof. em. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, 14050 Berlin.

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