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Ärztlicher Pandemierat: Konzepte mit Bezug zur Basis

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Bundes­ärzte­kammer fordert seit Langem ein multiprofessionelles Beratungsgremium für die Coronaentscheidungen von Bund und Ländern und hat mit dem im letzten Jahr konstituierten ärztlichen Pandemierat einen Anfang gemacht. Erste Konzepte des Rates liegen bereits vor.

Die Bereitstellung von Konzepten allein reicht nicht: Auch personelle, finanzielle, organisatorische und strukturelle Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um Alten- und Pflegeheime zu unterstützen. Foto: picture alliance/dpa Sebastian Gollnow
Die Bereitstellung von Konzepten allein reicht nicht: Auch personelle, finanzielle, organisatorische und strukturelle Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um Alten- und Pflegeheime zu unterstützen. Foto: picture alliance/dpa Sebastian Gollnow

Mehr ärztlichen Sachverstand in die Bekämpfung der Pandemie einbringen – das ist das Ziel des ärztlichen Pandemierates der Bundes­ärzte­kammer, der im vergangenen Jahr seine Arbeit aufnahm. Die Politik sei „bemüht“ gewesen, die Bevölkerung vor COVID-19 zu schützen, sagt der Geriater Prof. Dr. med. Jürgen Bauer dem Deutschen Ärzteblatt. Dennoch habe sie manche Entscheidung gefällt, die die Verhältnisse vor Ort nicht ausreichend einbezog. „Neue Konzepte sollten zunächst theoretisch durchdacht, dann aber auf ihre Umsetzbarkeit in der Praxis kritisch geprüft werden. Hier sind Gespräche mit den für die Umsetzung Verantwortlichen nicht verzichtbar“, betont er.

Ansprechpartner der Politik

Um diesbezüglich Hilfestellung zu geben, beschäftigen sich in interdisziplinär besetzten Arbeitsgruppen des ärztlichen Pandemierats Vertreter von Bundes­ärzte­kammer, wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften und Öffentlichem Gesundheitsdienst mit der Entwicklung von Schutzkonzepten für vulnerable Gruppen, mit der Forschungsförderung, der Weiterentwicklung der Teststrategie sowie Konzepten zur Vermeidung von psychosozialen „Kollateraleffekten“ der Coronabekämpfung. „Wir wollen den Handlungsbedarf in diesen Bereichen analysieren und auf dieser Grundlage in komprimierter Form möglichst konkrete Empfehlungen für die politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern entwickeln“, sagt Bundes­ärzte­kammer-Präsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt.Die Mitglieder des Rats verfügen nicht nur über breite wissenschaftliche Expertise, sie arbeiten auch tagtäglich in den unterschiedlichen Bereichen der Patientenversorgung und der Virusbekämpfung. Diese Zusammensetzung ist in Deutschland einmalig.“

Bereits Ende vergangenen Jahres legte der Pandemierat ein Thesenpapier zur kontinuierlichen Verbesserung der nationalen Teststrategie vor. Erarbeitet hat es eine interdisziplinär besetzte Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologe, der Laboratoriumsmedizin sowie der Allgemeinmedizin und Inneren Medizin einschließlich der Infektiologie. Ein Kernpunkt des Papiers: Der Einsatz von Coronaschnelltests (PoC-Antigentests) kann trotz der limitierten Sensitivität dazu beitragen, Infektionen schnell zu erkennen. Negative Testergebnisse dürfen aber keinesfalls zu einer Scheinsicherheit führen und zu einem sorglosen Umgang verleiten.

Dies gelte jetzt unverändert, sagt Dr. med. Michael Müller von den Akkreditierten Laboren in der Medizin e.V. und Mitautor des Papiers dem Deutschen Ärzteblatt. „Der Nutzen des Einsatzes von Antigenschnelltests liegt im Wesentlichen in der schnellen Verfügbarkeit der Testergebnisse, beispielsweise im Bereich des Schutzes vulnerabler Gruppen.“ Neben der Leistungsfähigkeit des jeweiligen Tests seien die ärztliche Begleitung und die Probenentnahme durch geschultes Personal wichtige Voraussetzungen für verlässliche Ergebnisse, die dennoch nur Momentaufnahmen mit einer kurzfristigen Gültigkeit darstellen. „Positive Antigenteste sind mit der PCR zu bestätigen, um falsch-positive Befunde auszuschließen.“

Wichtig sei zudem, dass Testungen zum Nachweis von SARS- CoV-2 stets in ein gutes und wirksames Hygienekonzepte eingebunden werden sollten, so der Rat. „Der Nutzen des Einsatzes von PoC-Antigentests hängt aber auch von der ärztlich begleiteten Umsetzung ab“, erläutert Müller. Hier gebe es sicher noch Informationsbedarf. Auch deswegen werde sich die Arbeitsgruppe „Teststrategie“ des Pandemierates jetzt erneut beraten. Beschäftigen wolle sich die Arbeitsgruppe zudem mit der Diagnostik der neu aufgetretenen Mutationen des Coronavirus. „Ich gehe davon aus, dass wir unser Papier aktualisieren und dann als ergänzte Version dem Pandemierat vorstellen werden“, so Müller.

Fokus Alten- und Pflegeheime

Veröffentlicht hat die Arbeitsgruppe „Vulnerable Gruppen“ aktuell ihr Positionspapier „Schutzkonzept für Alten- und Pflegeheime: Lessons Learned“. Ausgangspunkt für die eingehende Befassung mit diesem Thema seien zum einen die anhaltend hohe Zahl an COVID-19-Sterbefällen in den Pflegeheimen sowie zum anderen die auch in der zweiten Welle vielerorts zu beobachtenden schweren Ausbrüche in den Pflegeheimen mit vielen Infizierten unter den Bewohnern und dem Personal gewesen, erläutert Bauer, der wesentlich mit für die Erstellung des Papiers verantwortlich ist, dem Deutschen Ärzteblatt.

„Diese Ausbrüche waren lokal für einen hohen Prozentsatz der stationären Krankenhausaufnahmen verantwortlich und belasteten die Versorgungsstrukturen erheblich“, betont der Geriater von der Universität Heidelberg. Mit der Erstellung seines Papiers wolle der Pandemierat den Blick jedoch nach vorn richten und Perspektiven für eine zukünftige Verbesserung der Situation aufzeigen.

Der Rat begrüßt, dass Heimbewohner und Heimmitarbeiter gemäß der Coronavirus-Impfverordnung und gemäß der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) für die COVID-19-Impfung als prioritäre Gruppen eingestuft wurden. Auch zahlreiche Maßnahmen des Bundes und der Länder zur Verbesserung der Situation und Verminderung des Infektionsrisikos in den Alten- und Pflegeheime seien positiv. „Doch hat die Corona-Pandemie deutlich aufgezeigt, welche strukturellen Defizite bei einem relevanten Teil der Heime vorliegen“, erklärt Bauer.

Für den Ärztlichen Pandemierat steht fest: Eine Pandemie ist nicht aus der Versorgungsroutine heraus zu bewältigen. „Sie braucht zusätzliche Ressourcen“, betont Bauer. Und diese hätten vielen Heimen nicht so schnell zur Verfügung gestanden, wie es wünschenswert gewesen wäre. „Daher sollten strategische Unterstützungskonzepte erstellt werden, die es gestatten werden, Engpässe bei zukünftigen Pandemien rascher zu überwinden und die präventive Leistung in den Heimen auf diese Weise zuverlässig zu stärken“, konstatiert der Geriater. „Wir werden in bessere Strukturen investieren müssen, wenn wir zukünftig besser vorbereitet sein wollen.“

Problem Fachkräftemangel

In der Pflicht sieht der Pandemierat hier Bund und Länder. Sie müssten die Rahmenbedingungen für die Verbesserung der diesbezüglichen Strukturen schaffen, wobei die Umsetzung dann auf lokaler Ebene unterstützt werden müsse. In Krisen-situationen benötigten die Einrichtungen auch die staatliche Unterstützung bei der Beschaffung und Finanzierung von Schutzmaterialien. „Die gegenwärtige Pandemie hat sich vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Pflege ereignet, welcher einen wesentlichen Faktor für die Anfälligkeit der Heimstrukturen darstellt“, erläutert Bauer. Erkrankungen des Personals und die notwendigen Quarantänen hätten die Situation dann weiter verschlechtert. Wohlgemeinte Verordnungen wären so in der Praxis kaum umsetzbar gewesen.

Zudem weist der Rat in seinem Papier darauf hin, dass eine gute Hygieneprävention wiederholte Schulungen des Personals und gute Informationsvermittlung erfordere. „Eine Herkulesaufgabe“, so Bauer. Unterstützen könnten etablierte interdisziplinär und interprofessionell zusammengesetzte Teams, die Alten- und Pflegeheime beraten. „Diese Interaktion sollte nicht unilateral, sondern im Sinne eines Netzwerkgedankens verstanden werden“, heißt es im Papier. Auch die Einbindung der Hausärztinnen und Hausärzte sowie der Gesundheitsämter sei für den Schutz der vulnerablen Gruppen wesentlich. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Papier des ärztllichen Pandemierates zum Schutz vulnerabler Gruppen:
http://daebl.de/VY34

Papier des ärztllichen Pandemierates zur Teststrategie:
http://daebl.de/BD86

Erhebung des Forschungsbedarfs zu COVID-19

Der ärztliche Pandemierat der Bundes­ärzte­kammer hat in seiner Arbeitsgruppe zur Forschungsförderung, die von der Bundes­ärzte­kammer und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) geführt wird, Forschungsfragen zusammengestellt. Diese sollen jetzt an die Politik weitergegeben werden. Gleichzeitig hat sich der Rat an Forschungsförderer, konkret die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gewandt. Die Forschungsfragen wurden in Kooperation mit der AWMF Taskforce COVID-19 Leitlinien erhoben und decken ein breites Themenspektrum ab: Neben Aspekten der Prävention widmen sie sich der Diagnostik, dem Nutzen von Hygienemaßnahmen, einer adäquaten ambulanten Versorgung sowie der intensivmedizinischen Therapie schwerkranker Patientinnen und Patienten mit COVID-19. Weitere Themengebiete betreffen die Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung sowie die psychischen Auswirkungen von Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung.

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