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ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2021SARS-CoV-2-Impfkampagne: Basisbaustein unter Beschuss

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SARS-CoV-2-Impfkampagne: Basisbaustein unter Beschuss

Haserück, André

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Ärzte, Politik und weitere Akteure sind bemüht, Zweifel an dem Vakzin von AstraZeneca zu zerstreuen. Denn die teilweise noch befeuerten Vorbehalte könnten einen zentralen Baustein der Impfstrategie ins Wanken bringen.

Einen wirksamen Schutz vor COVID-19 bietet trotz aller Kritik auch das Vakzin von AstraZeneca. Foto: picture alliance/Johan Nilsson TT
Einen wirksamen Schutz vor COVID-19 bietet trotz aller Kritik auch das Vakzin von AstraZeneca. Foto: picture alliance/Johan Nilsson TT

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hatte bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass der Impfstoff von AstraZenaca, welcher neben denen von BioNTech/Pfizer und Moderna einer von nur drei in der Europäischen Union zugelassenen Vakzinen ist, sicher ist und hochwirksam gegen eine COVID-19-Erkrankung schützt. Zuletzt betonte er nochmals ausdrücklich, er selbst würde sich auch mit dem AstraZeneca-Vakzin impfen lassen, wenn er an der Reihe ist. Zugleich appellierte er an Pflegekräfte und Ärzte, aktuell verfügbare Impfangebote zu nutzen – wer damit warte, riskiere schwer zu erkranken und das Virus weiterzuverbreiten. In die ungewöhnliche Situation, für einen Impfstoff werben zu müssen, wurde Spahn durch Stimmen gebracht, die aus dem Vakzin des schwedisch-britischen Konzerns einen „Impfstoff zweiter Klasse“ machen wollen.

Kritik gab und gibt es von verschiedenen Seiten. Dies betrifft neben skeptischen Tönen zum Studiendesign und Zulassungsprozess vor allem den Aspekt der Wirksamkeit.

Appell der Bundes­ärzte­kammer

Er könne nachvollziehen, so betonte Bundes­ärzte­kammer-Präsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, dass viele Beschäftigte im Gesundheitswesen „wegen teilweise unkorrekter Presseberichte über die Wirksamkeit des Impfstoffes verunsichert“ seien. So trügen manche „selbst ernannte Impfstoffexperten“ mit unüberlegten Äußerungen ganz erheblich zur Verunsicherung bei. Dem gelte es, „viel mehr sachliche Informationen über die Sicherheit und die Wirksamkeit des Impfstoffes“ entgegenzustellen. Reinhardt appellierte an das medizinische Personal, sich mit dem Mittel impfen zu lassen. Das Vakzin schütze nachweislich vor Ansteckung und verringere das Risiko schwerer und tödlicher Verläufe.

In der Tat zeigen die Daten, dass der Impfstoff vergleichbar hoch effektiv vor den schweren COVID-19-Verläufen schützt wie die Produkte von BioNTech/Pfizer und Moderna. Zum Erreichen des wesentlichen Ziels, die Vermeidung von coronabedingten Kranken­haus­auf­enthalten und Todesfällen, kann das AstraZeneca-Vakzin also einen wertvollen – wenn nicht gar unverzichtbaren – Beitrag leisten. Dies umso mehr, als das die Impfpläne in der gesamten Europäischen Union schon rein mengenmäßig zu einem guten Teil auf diesem Mittel beruhen. Zudem ist der Impfstoff von AstraZeneca, anders als die mRNA-Impfstoffe, auch für längere Zeit bei Kühlschranktemperaturen lagerfähig – wichtig für die perspektivisch angestrebten Impfungen außerhalb von Zentren. Ohne dieses Vakzin dürfte es kaum gelingen, die Coronapandemie zeitnah unter Kontrolle zu bringen.

Deshalb wiesen mehrere große Ärzteverbände gemeinsam darauf hin, dass für jeden COVID-19-
Impfstoff, für den eine Zulassung erteilt wird, Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit in klinischen Prüfungen nachgewiesen und ein günstiges Nutzen/Risiko-Profil bescheinigt werden müssen. Man werbe deshalb mit Nachdruck dafür, dass alle prioritär impfberechtigten Beschäftigten in der ambulanten und stationären Versorgung jetzt die Chance der Impfung gegen SARS-CoV-2 ergreifen. Jede Impfung stelle auch einen Beitrag zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit des Gesundheitswesens dar, betonten unter anderem die Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), der Hartmannbund, der Marburger Bund, der Virchowbund sowie mehre Fachgesellschaften und auch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Ähnlich äußerten sich zahlreiche Lan­des­ärz­te­kam­mern, das Robert Koch-Institut (RKI) und das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI).

Zeitplan gefährdet

Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) warnte jüngst bereits davor, dass breit gestreute Vorbehalte gegen das AstraZeneca-Mittel – und eine daraus folgende geringe Inanspruchnahme – den vorgesehenen Impfzeitplan der Bundesregierung deutlich zurückwerfen könnten. Das Institut errechnete, dass zwar bis Mitte September unter bestimmten Voraussetzungen allen Bürgerinnen und Bürgern ein Impfangebot gemacht werden könnte. Fiele der Impfstoff von AstraZeneca jedoch als eine Option mehr oder weniger aus, könne es bis zu zwei Monate länger dauern, bis dieses Ziel erreicht ist. In den Aufstellungen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums zu den geplanten Impfstoff-Liefermengen für das zweite und dritte Quartal 2021 nimmt AstraZeneca hinter BioNTech/Pfizer den zweiten Platz ein. Immerhin ein Viertel der vorgesehenen 200 Millionen Dosen – in die über 40 Millionen Dosen noch nicht zugelassener Impfstoffe mit einberechnet sind – soll vom schwedisch-britischen Konzern bezogen werden.

Impulse aus den Ländern

Mit Blick auf die Vorbehalte gegen den Impfstoff von AstraZeneca sagte Spahn, wenn jemand die Impfung nicht wolle, werde sie dem nächsten angeboten. Er sprach sich dafür aus, die geplante Impfreihenfolge beizubehalten. Der bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Klaus Holetschek (CSU) regte dagegen eine Diskussion über eine mögliche Änderung der Reihenfolge zu einem späteren Zeitpunkt an. Wenn der AstraZeneca-Impfstoff in den priorisierten Gruppen nicht angenommen werde, es aber gleichzeitig Menschen gebe, die geimpft werden wollen, sollten Bund und Länder prüfen, „wie wir das hinkriegen“.

Die absehbar, zumindest mittelfristig, weiterhin limitierte Verfügbarkeit der SARS-CoV-2-Impfstoffe insgesamt führte bereits zu einigen Vorschlägen aus den Bundesländern, wie man alle vorhandenen Impfdosen zügig nutzen könnte. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) will verhindern, dass AstraZeneca-Impfdosen in der Hauptstadt ungenutzt bleiben. Man wolle sich unter dem Eindruck nicht wahrgenommener Impftermine mit dem Produkt von AstraZeneca schnell mit den anderen Bundesländern, aus denen ebenfalls eine tendenziell eher verhaltene Inanspruchnahme gemeldet wurde, auf das weitere Vorgehen verständigen. Es müsse geprüft werden, welche Gruppen als nächstes mit dem AstraZeneca-Vakzin geimpft werden könnten. Müller schlug unter anderem entsprechende Angebote für Lehrkräfte, Erzieher, Polizei und Feuerwehr vor. Auch Impfungen für den Einzelhandel und für Mitarbeiter im Nahverkehr brachte er ins Gespräch.

Ähnliches verlautbarte das brandenburgische Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Dort sollen Polizei- und Ordnungskräfte, die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind, sowie Mitarbeiter im öffentlichen Gesundheitsdienst eine Impfung erhalten können. Das Land werde bis zum 1. April 170 400 Impfdosen von AstraZeneca bekommen – und damit ohnehin deutlich mehr als regional für Menschen mit der höchsten Impfpriorität im Alter von 18 bis 64 Jahre nötig. Das länderübergreifend eher schleppend anlaufende Impftempo mit den AstraZeneca-Vakzin, die ersten Chargen wurden am 6. Februar ausgeliefert, könnte jedoch auch anders gesteigert werden.

Positivbeispiel Hamburg

Dies zeigt der Blick nach Hamburg. Dort wurden bislang die Termine für Schutzimpfungen mit dem Vakzin von AstraZeneca, ebenso wie alle anderen Termine, mit einer hohen Quote wahrgenommen. Die für den Bereich Gesundheit zuständige Hamburger Sozialbehörde geht bei der Vergabe von Impfterminen mit einigem Aufwand gezielt auf Personen- und Berufsgruppen zu, die sowohl in der Priorisierung berücksichtigt sind als auch überwiegend unter 65 Jahren alt sind.

„Wir haben in Deutschland die Chance, frühzeitig aus dieser Pandemie herauszukommen. Das kann im zweiten Quartal plötzlich Schlag auf Schlag gehen“, betonte Professor Dr. med. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité. Das könne aber nur gelingen, wenn die Politik bei ihrer Impfstrategie auch auf den Impfstoff von AstraZeneca baue. Die verfügbaren Impfstoffe seien alle „extrem gut“ gegenüber dem, was man erwarten konnte und müssten nun so schnell wie möglich in der Breite verimpft werden – statt nach einem „Haar in der Suppe“ zu suchen. André Haserück

Kommentar

Michael Schmedt, Deutsches Ärzteblatt

Die Diskussion um den Impfstoff von AstraZeneca ist auch ein Spiegelbild der Pandemie. Ein schwaches (Studien-)Konzept, schlechte Kommunikation und große Aufregung. Dies begann bereits im vergangenen Jahr mit den Diskussionen um die Wirksamkeit bei über 65-Jährigen, die nicht ausreichend in die Studien eingeschlossen waren. Es folgten unterschiedliche Ergebnisse bei verschiedenen Dosierungen und Verlängerungen der Impfabstände. Am Ende fanden sich „nur“ zwischen 60 und 75 Prozent Wirksamkeit in den Studien, während andere Vakzine mit mehr als 90 Prozent daher kamen. Ein denkbar schlechter Start für den Impfstoff, von dem er sich bis heute nicht erholt hat. Aber was heißt etwa 70 Prozent Wirksamkeit? Sind dann 30 Prozent der Geimpften ungeschützt? Genau das nicht. Es gibt „nur“ an, wie viel geringer die Anzahl der Erkrankungen bei Geimpften im Gegensatz zu Nichtgeimpften ist. Als Erkrankungen gelten auch moderate Symptome wie Husten oder Fieber. Sprich diejenigen, die sich jetzt mit AstraZeneca-Impfstoff impfen lassen, scheinen einen sehr hohen Schutz vor einem schweren Verlauf oder gar Tod zu haben. Dies kommt aber in den Medien und damit in der Bevölkerung nicht an. Selbst die Neue Zürcher Zeitung schreibt in großen Lettern von einem „schlechten Impfstoff“. Dabei sprechen die Fakten doch für sich: Der Impfstoff ist regulär zugelassen, er ist sicher, die Nebenwirkungen entsprechen den Erwartungen und er wirkt vor allem gegen schwere Komplikationen. Das ist viel mehr, als man noch vor einem Jahr zu hoffen gewagt hatte. Also: weniger Aufregung, mehr impfen.

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 26. Februar 2021, 21:01

Bedenkliche Fehlentwicklungen

In Übereinstimmung mit Professor Frank Ulrich Montgomery, dem Ratsvorsitzenden beim Weltärztebund:
1. Die schlampig gemachte Studie University of Oxford/AstraZeneca als Zulassungsstudie offenbart einen Wirkungsgrad der Schutzimpfung von nur 59,5%. 8,4% der Probanden waren 56 bis 69 Jahre alt und weitere 3,8% 70 Jahre oder älter; Durchschnittsalter 40 Jahre https://www.doccheck.com/de/detail/articles/31427-astrazeneca-impfstoff-azd1222-ein-trauerspiel
Daten in The Lancet
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)32661-1/fulltext
„Das Standard-Impfschema mit 2 Dosen bietet einen Schutz von ungefähr 60 Prozent bei Personen zwischen 18 und 55 Jahren“, so die Ständige Impfkommission (STIKO). Grundlage der EMA-Zulassungsempfehlung waren kombinierte Ergebnisse aus 4 klinischen Studien. Eingeschlossen wurden 23.848 Personen aus Großbritannien, Brasilien und Südafrika. Sie erhielten 1:1 randomisiert den COVID-19-Impfstoff oder Placebo beziehungsweise eine andere Vakzine. Da vom Impfstoff 2 Standarddosen verabreicht werden und die 2. Dosis 4 bis 12 Wochen nach der 1. Dosis zu spritzen ist, konzentrierte sich die EMA auf Ergebnisse mit Personen, die dieses Standardschema erhielten. Es erkrankten 64 von 5.258 geimpften Personen, unter Placebo 154 von 5.210 Teilnehmern.
2. Hersteller sprechen nicht mehr von aktivem/passivem Impfschutz mit steriler Immunität, sondern nur von infektiologischen Surrogatparametern wie sekundäre Morbidität/Mortalität. Diese erscheinen nur auf den ersten Blick positiv, weil SARS-CoV-2/COVID-19 Infektionen/Erkrankungen zu 90-95% spontan abheilen und glücklicherweise nur selten hochdramatisch bis tödlich verlaufen. Eine behauptete 95-prozentige Reduktion durch eine Impfung gegen mittlere bis schwere COVID-19 Verläufe ist bei 95-prozentiger Spontanheilung der Indexerkrankung einfach irreführend-abwegig.
Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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