ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2021Gesundheitskommunikation: Klare Botschaften kommen spät

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Gesundheitskommunikation: Klare Botschaften kommen spät

Beerheide, Rebecca

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Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion

Wieder ein Hoffnungsschimmer in der Bekämpfung der Pandemie: Die Heim-, Selbst- und Laientests könnten demnächst ein Teil der Pandemiebekämpfung und der Teststrategie werden. Anders als die bisher bekannten Antigen- oder PoC-Tests, die von Ärztinnen und Ärzten erworben und angewendet werden können, sollen diese Tests einfacher in der Handhabung sein. In wenigen Wochen sollen Laientests vom Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte zugelassen werden, dann könnten sie auch im Einzelhandel angeboten werden. So weit, so gut – so schwierig die Umsetzung.

Die Nachricht liest sich für viele Menschen als gute Botschaft in unsicheren Zeiten und löst Euphorie aus – die aber auch sofort wieder der Ernüchterung weicht: Denn noch sind in Deutschland keine Tests zur Laienanwendung zugelassen. Den „österreichischen Weg“ – sich bei der Zulassung nur auf Herstellerangaben zu verlassen – will die Bundesregierung nicht beschreiten. Zusätzlich ist es bislang rechtlich nicht geregelt, was beispielsweise nach einem positiven Test am Frühstückstisch passiert: Gibt es sofort einen Anspruch auf einen PCR-Test? Darf eine Arbeitnehmerin, ein Arbeitnehmer mit einem positiven Selbsttest zu Hause bleiben, müssen Kinder von der Schule fernbleiben? Wer muss informiert, wer isoliert, wer in Quarantäne geschickt werden?

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Nach einem Jahr Pandemie mag man meinen, auf diese Fragen gibt es klare Antworten. Selbsttests können im Sinne des Public-Health-Ansatzes eine gute Ergänzung bieten. Aber wieder ist Politik mindestens einen Schritt zu langsam, um auf Ankündigungen und Euphorie sofort mit klaren Botschaften und Aufklärung zu reagieren. Erst die Formalien, die Qualität und Sicherheit, dann die Informationen. Und irgendwann später die politische Strategie, die in Vergessenheit gerät. Unwissenheit und Desinformation sind aber immer schneller, auch das lehrt die Pandemie in der globalen und medialen Öffentlichkeit.

Wie sehr auch Gesundheitspolitiker mit sich in dieser Frage ringen, zeigte eine Bundestagsdebatte am 28. Januar sehr deutlich. Fast alle Fraktionen schickten ihre Ärztinnen und Ärzte ans Rednerpult: Notarzt Janosch Dahmen (Grüne) fordert vehement die Zulassung der Selbsttests und wirft der Regierung vor, „unnötig Zeit zu verlieren“. Internist und Lan­des­ärz­te­kam­merpräsident Rudolf Henke (CDU) mahnt, die Hersteller nicht „aus ihrer aus der unternehmerischen Haftung für ihr ja immer noch privatwirtschaftlich erzeugtes und produziertes Produkt zu entlassen“. Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Herzchirurgin Claudia Schmidtke (CDU), erläutert ihren Kenntnisstand, „es gibt diese Tests im Moment einfach noch nicht“. Was wiederum Dahmen mit „stimmt nicht“ kontert. Hausärztin Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, fordert mehr Aufklärung: „Jeder muss verstanden haben, dass ein negatives Testergebnis eine Momentaufnahme ist und kein Freibrief.“

Mit den Selbsttests hätte die Bundesregierung jetzt noch einmal eine Chance, mit wirklich guter Gesundheitskommunikation zu erklären, wie sich Menschen verhalten sollen. Schon beim Thema Masken, Anspruch auf PCR-Testung, Verhalten in der Quarantäne oder der Wirksamkeit von Impfstoffen waren die falschen Nachrichten schneller. Hoffentlich ändert sich dies zum Start ins zweite Jahr mit der Coronapandemie.

Rebecca Beerheide
Leiterin politische Redaktion

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