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ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2021Organisation eines innerklinischen Impfzentrums: Minutiöse Planung

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Organisation eines innerklinischen Impfzentrums: Minutiöse Planung

Horster, Sophia; Andraschko, Monika; Ostermann, Helmut

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Seit Dezember 2020 wird in Deutschland gegen COVID-19 geimpft. Aufbau und Organisation innerklinischer Impfzentren obliegen den Kliniken selbst. Ein Bericht über die Prozesse zur Verabreichung von bisher 7 343 Impfdosen am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Die personelle Besetzung des internen Impfzentrums erfolgt vorrangig über Freiwillige. Foto: LMU Klinikum München
Die personelle Besetzung des internen Impfzentrums erfolgt vorrangig über Freiwillige. Foto: LMU Klinikum München

Für den Aufbau des innerklinischen Impfzentrums am Campus Großhadern der LMU München wurde ein weitläufiger, barrierefrei erreichbarer Standort mit getrenntem Ein- und Ausgang und sicherer Netz- und Telefonanbindung gewählt. Administration, Impfstoffzubereitung, Impfung und Nachbeobachtung als zentrale Aufgabenbereiche des Zentrums wurden im Einbahnstraßenprinzip angeordnet. Auf ausreichende Sicherheitsabstände der Aufbauten wurde geachtet. Weitere Infrastruktur wie zum Beispiel Sanitäranlagen und gesicherter Lagerraum für den Impfstoff war innerhalb des Klinikums vorhanden.

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Die administrativen Arbeitsplätze wurden im Eingangsbereich des Impfzentrums aufgebaut. Hier erfolgten die Registrierung der Impflinge für interne Dokumentation und Meldung an das Robert Koch-Institut (RKI) sowie die Überprüfung der im Vorfeld ausgefüllten Impfunterlagen (1) auf Vollständigkeit. Die nachgeordnet gelegenen Impfkabinen waren an einer Seite offen und für eine etwaige Akutversorgung bemessen. Hier fanden Impfungen und ärztliche Gespräche statt. Die 15-minütige Nachbeobachtung fand in einem reinen Sitzbereich in Sichtweite des Impfpersonals statt. Nahe am Impf- und Nachbeobachtungsbereich befand sich die Notfallausrüstung. Der Transport und die Weiterversorgung von etwaigen Notfällen im Haus waren sichergestellt. Die Impfstoffzubereitung wurde für ein möglichst aseptisches Arbeitsumfeld abseits der Menschenströme aufgebaut. Hier wurde auch das Verbrauchsmaterial für das Impfzentrum bestellt und gelagert.

Pro Aufnahme und pro Impfung mit ärztlichem Gespräch wurden je fünf Minuten veranschlagt, für die Vorbereitung einer Impfdosis etwa die Hälfte dieser Zeit. 30 Minuten Pause pro Mitarbeiter und Tag waren bei dieser Planung möglich. Wegen des häufig wechselnden Personals im Impfzentrum wurden zusätzlich eine Aufnahmeleitung, eine ärztliche und eine pharmazeutische Leitung in den jeweiligen Bereichen zur Supervision eingesetzt. Im Impfbereich übernahm die ärztliche Leitung die Beratung, Notfallversorgung und Nachbeobachtung der Impflinge und überwachte die Impfungen. Die korrekte Durchführung einer i.m.-Impfung in den M. deltoideus darf erfahrungsgemäß nicht vorausgesetzt werden. Das Impfpersonal wurde, wenn notwendig, angeleitet. In der Summe wurden 19 Personen für 72 Impfungen pro Stunde veranschlagt: drei Personen für die Zubereitung des Impfstoffes, sechs Impfkräfte, sechs Aufnahmekräfte, drei Supervisoren/-innen, ein/e Springer/-in. Es gibt bisher nur wenige publizierte Personalbedarfsschätzungen für öffentliche Impfzentren (2). Hierbei wurde zumeist ein geringerer Anteil an ärztlichen Arbeitskräften geplant.

Kommunikation und Terminplanung via Intranet

Die personelle Besetzung des Impfzentrums wurde zunächst hauptsächlich über Freiwillige rekrutiert. Es meldeten sich circa 200 Personen (circa zwei Prozent des Klinikpersonals) als Freiwillige, der größere Teil davon aus dem ärztlichen Dienst (circa 120 Personen, 60 Prozent). Im weiteren Verlauf stellten die Bereiche nach festgelegtem Turnus Personal für das Impfzentrum, was die Dienstplanung erleichterte.

Informationen in Bezug auf den Stand der Impfungen sowie häufige Fragen (FAQ) der Impflinge wurden über das klinikeigene Intranet geteilt. Die FAQ betrafen zumeist Nebenwirkungen, Impfschutz, Notwendigkeit persönlicher Schutzausrüstung und Surveillance-Testungen nach erster beziehungsweise zweiter Impfung, Zeitabstand zu anderen Impfungen oder medizinischen Eingriffen, Impfung nach durchgemachter COVID-19-Erkrankung, nach Risikokontakt, in Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kinderwunsch, bei Immunsuppression, unter Antikoagulation, bei Autoimmunerkrankungen und bei Allergien.

Ein E-Mail-Account des Impfzentrums für die Freiwilligenmeldungen sowie medizinische und organisatorische Fragen wurde mit max. 80 Mails pro Tag (entsprechend ca. 0,8 Prozent der Mitarbeiter/-innen) gut genutzt.

Zur Terminbuchung wurde ein HTML5-Buchungssystem der Münchner Fa. Mayflower GmbH (3) verwendet, das am Klinikum auch für die Mitarbeitertestungen eingesetzt wird. Die Buchung erfolgte mit bereichsspezifischen Passwörtern durch die Impflinge selbst, die Aufklärungsunterlagen waren im Kalender als PDF verlinkt. Die Bereiche wurden nach den Vorgaben des BMG (4) priorisiert, zur Impfung eingeladen wurden ständig in den Bereichen eingesetzte Mitarbeiter/-innen aller Berufsgruppen. Die technischen Hürden bei der Terminbuchung wurden bewusst niedrig gehalten, was jedoch zu einem hohen administrativen Aufwand aufgrund fehlerhafter Eingaben führte. Künftig sollen die Buchungen daher mit persönlicher Anmeldung erfolgen und der Termin für die Folgeimpfung automatisch zugewiesen werden.

Obwohl eine klinikinterne Umfrage in ausgewählten Kliniken im Dezember 2020 eine Impfbereitschaft von ca. 40 Prozent bei Pflegenden und ca. 60 Prozent bei Ärzt/-innen ergeben hatte, schien die Impfbereitschaft in der ersten Prioritätsgruppe nun deutlich höher, möglicherweise durch inzwischen vorliegende Daten zu Wirksamkeit und Verträglichkeit der Impfung. Die tatsächliche Impfbereitschaft kann erst nach Abschluss der Impfungen berechnet werden.

Die „No-Show“-Rate lag bei 0–6 Prozent pro Tag (MW 3,7 Prozent) und musste bei der Vorbereitung der Impfstoffdosen berücksichtigt werden. Am letzten Impftag erschienen 23 Prozent mehr Impflinge als Termine vergeben waren. Einzelne Impflinge erschienen gar nicht zur Zweitimpfung, zum Beispiel aufgrund akuter Erkrankungen. Diese wurden angeschrieben und zu einem Nachimpftermin eingeladen.

Das Klinikum erhielt bisher nur den Impfstoff Comirnaty® (BioNTech/Pfizer). Die Lagerung erfolgte ultratiefgekühlt in der Klinikapotheke. Der Ablauf der Impfstoffzubereitung wurde zur Qualitätssicherung in einer SOP und einem Film (5) festgehalten. Der Impfstoff wurde über den gesamten Zeitraum in 1-ml-Spritzen mit geringstmöglichem Totvolumen aufgezogen und mit Sicherheitskanülen versehen. Ein Fläschchen (Vial) ergab sechs bis sieben Impfdosen (MW 6,4). Es wurde vorschriftsmäßig auf „pooling“ von Impfstoffresten aus verschiedenen Vials verzichtet. Chargenetiketten für die Dokumentation und die Spritzenkennzeichnung wurden selbst erstellt. Die fertig mit Nadeln versehenen Impfstoffspritzen wurden über den Impftag hinweg kontinuierlich hergestellt, direkt an das Impfpersonal geliefert und die rasche Verwendung überwacht.

Trotz aller Sorgfalt mussten drei Spritzen wegen nicht mehr nachvollziehbarer Liegezeit verworfen werden. Zudem mussten insgesamt acht Spritzen mit 25G-Kanülen verworfen werden, da es zu Austritt von Impfstoff aus dem Nadelschaft kam. Logistisch herausfordernd war die Zubereitung von Impfstoff für die letzten Impflinge eines Tages. Es blieben anfangs maximal fünf fertig aufgezogene Spritzen aus dem letzten Vial übrig, die Impflingen mit Termin am Folgetag oder Impfpersonal verabreicht wurden. Später wurden die letzten Impflinge eines Tages, die das Anbrechen eines neuen Vials erfordert hätten, auf den nächsten Impftag verschoben.

Zwischenfälle und Nebenwirkungen

Bei den 7 343 Impfungen kam es in sieben Fällen im Impfzentrum zu einer vasovagalen („Kreislauf“-) Reaktion ohne Synkope. Zu beachten ist, dass ein großer Teil der Impflinge Frauen im gebärfähigen Alter sind, das Anamneseblatt des RKI jedoch einen Kinderwunsch nicht abfragt. So erfuhren zwei Impflinge kurz nach der ersten Impfung von ihrer Schwangerschaft. Nebenwirkungen wurden von den Impflingen selbst über die SafeVac-App oder durch von Impflingen aufgesuchte Einrichtungen der Klinik an das Paul-Ehrlich-Institut gemeldet.
Sophia Horster, Monika Andraschko, Helmut Ostermann
LMU Klinikum, Campus Großhadern

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0821
oder über QR-Code.

1.
Robert-Koch-Institut: Aufklärungsbögen. www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Materialien/COVID-19-Aufklaerungsbogen-Tab.html
3.
https://github.com/Public-Health-Informatics-Munich/covid19-teststation-termine
4.
Die Coronavirus-verordnung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums. www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/C/Coronavirus/Verordnungen/CoronaImpfV_-_De_Buette.pdf
5.
Eine Anleitung zur Zubereitung des Impfstoffes Cominarty. https://youtu.be/0Msd04Tvc3g
1.Robert-Koch-Institut: Aufklärungsbögen. www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Materialien/COVID-19-Aufklaerungsbogen-Tab.html
2. Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport COVID-19 Impfung in Niedersachen, Konzeption der Impfzentren www.google.com/search?q=(2)%09Nieders%C3%A4chsisches +Ministerium+f%C3%BCr+Soziales,+Gesundheit+und+Gleichstellung,+Nieders%C3%A4chsisches+Ministerium+f%C3%BCr+Inneres+und+Sport+COVID-19+Impfung+in+Niedersachen,+Konzeption+der+Impfzentren&sourceid=ie7&rls=com.microsoft:de-AT:IE-Adress&ie=&oe=&gws_rd=ssl#spf=1612877302677
3. https://github.com/Public-Health-Informatics-Munich/covid19-teststation-termine
4. Die Coronavirus-verordnung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums. www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/C/Coronavirus/Verordnungen/CoronaImpfV_-_De_Buette.pdf
5.Eine Anleitung zur Zubereitung des Impfstoffes Cominarty. https://youtu.be/0Msd04Tvc3g

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