ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2021Koinfektion von HIV und SARS-CoV-2: Risiko für schwere COVID-19-Verläufe bei Menschen mit HIV moderat erhöht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Koinfektion von HIV und SARS-CoV-2: Risiko für schwere COVID-19-Verläufe bei Menschen mit HIV moderat erhöht

Warpakowski, Andrea

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Foto: 4designersart/ stock.adobe.com
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Die klinischen Risikofaktoren für COVID-19, die mit schweren Verläufen und Mortalität assoziiert sind, betreffen auch Menschen mit einer HIV-Infektion. Eine umfangreiche Kohortenstudie in Großbritannien ergab für HIV-positive Personen im Vergleich zur HIV-negativen Allgemeinbevölkerung ein höheres Risiko, an COVID-19 zu sterben (1). Die Analyse basiert auf den routinemäßig dokumentierten Daten der Primärversorgung von 17 282 905 erwachsenen Patienten und dem nationalen Sterberegister. Die retrospektive Auswertung berücksichtigt die Daten vom 1. Februar 2020 bis zum Tod durch COVID-19 oder bis zum 22. Juni 2020.

Von den mehr als 17 Mio. Erwachsenen waren 27 480 (0,16 %) HIV-positiv. Insgesamt 14 882 COVID-19-Todesfälle traten im Beobachtungszeitraum auf, darunter waren 25 HIV-Patienten. Nach Adjustierung für Alter und Geschlecht ergab sich für die HIV-Infizierten im Vergleich zur HIV-negativen Allgemeinbevölkerung eine höhere COVID-19-Mortalität mit einer Hazard Ratio (HR) von 2,9 (95-%-Konfidenzintervall [1,96; 4,30]; p < 0,0001). Die Adjustierung nach Sozialstatus, Ethnizität, Rauchen und Übergewicht ergab eine HR von 2,59 ([1,74; 3,84]; p < 0,0001). Vor allem schwarze Ethnizität war im Vergleich zu nicht schwarzer Ethnizität mit einem höheren Risiko für COVID-19-Mortalität assoziiert (HR: 4,31 [2,42; 7,65] vs. HR: 1,84 [1,03; 3,26]; p = 0,044).

Laut einer Auswertung dreier HIV-Kohorten aus Madrid, Mailand und Deutschland ist wahrscheinlich vor allem ein schwerer Immundefekt ein Risikofaktor für schwere COVID-19-Verläufe (2). Von den 175 HIV-Patienten waren 49 (28 %) schwer an COVID-19 erkrankt und 7 (4 %) starben daran. Fast alle erhielten eine HIV-Therapie (94 %) und die Viruslast lag bei COVID-19-Diagnose < 50 HIV-RNA-Kopien/mL. Die multivariate Analyse ergab als einzigen Risikofaktor für einen schweren Verlauf eine CD4+-Zellzahl von < 350/μL. Eine CD4+-Zellzahl von < 200/μL war der einzige unabhängige Faktor für eine erhöhte Mortalität. HIV-Medikamente wie Proteaseinhibitoren und Tenofoviralafenamid hatten keinen protektiven Effekt.

Fazit: „HIV-infizierte Menschen haben nach diesen unkontrollierten Studien wahrscheinlich ein moderat erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken und an COVID-19 zu sterben“, kommentiert Prof. Dr. med. Christian Hoffmann vom Infektionsmedizinischen Zentrum Hamburg. „Weitere Studien aus den USA und Südafrika kamen zu ähnlichen Resultaten. Das Risiko ähnelt vermutlich dem anderer Komorbiditäten wie Diabetes mellitus und besteht offensichtlich vor allem für jene Menschen mit schwerem Immundefekt. Diese wurden leider aus fast allen großen Phase-3-Impfstudien ausgeschlossen, sodass dringend Register- und Surveillance-Studien notwendig sind, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Vakzine in diesen Patient/-innengruppen zu untersuchen. Die nach Laborversuchen und Computermodellen geweckten Hoffnungen auf einen Effekt antiretroviraler Therapien gegen SARS-CoV-2 scheinen sich leider nicht zu bewahrheiten.“ Andrea Warpakowski

  1. Bhaskaran K, et al.: HIV infection and COVID-19 death: a population-based cohort ana lysis of UK primary care data and linked national death registrations within the OpenSAFELY platform. Lancet HIV 2021;8; e: 24–32.
  2. Hoffmann C, Casado JL, Härter G, et al.: Immune deficiency is a risk factor for severe COVID-19 in people living with HIV. HIV Medicine 2020; DOI: 10.1111/hiv.13037.

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