ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2021Invasive Gruppe-A-Streptokokken-Infektion: Wird Clindamycin zusätzlich zu einem ß-Laktam gegeben, sinkt die Sterblichkeit

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Invasive Gruppe-A-Streptokokken-Infektion: Wird Clindamycin zusätzlich zu einem ß-Laktam gegeben, sinkt die Sterblichkeit

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: SciePro/stock.adobe.com
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Invasive, schwere Infektionen durch ß-hämolysierende Streptokokken sind mit einem Sterblichkeitsrisiko von 30–60 % assoziiert, vor allem bei Sepsis, Streptokokken-Toxic-Shock-Syndrom (STSS) oder nekrotisierender Fasziitis (NF). Empfohlen wird eine Gabe von Clindamycin sowie von Immunglobulin-Präparaten zusätzlich zu parenteralem Penicillin. Die Evidenz für Clindamycin war allerdings bislang nicht sehr hoch.

Eine große retrospektive Kohortenstudie an 233 US-Krankenhäusern hat die Fragestellung wieder aufgegriffen. Daten von 1 956 erwachsenen, häufig postoperativen Patienten mit Infektionen durch invasive ß-hämolysierende Streptokokken wurden berücksichtigt, bei denen in 3 Tagen nach Klinikaufnahme eine ß-Laktam-Therapie begonnen worden war. Die Kohorte wurde unterteilt in Gruppen mit und ohne zusätzliche orale oder intravenöse Clindamycin-Therapie innerhalb von 3 Tagen. Und der Erregertyp wurde berücksichtigt: ß-hämolysierende Gruppe-A-Streptokokken (iGAS; n = 1 079) oder ß-hämolysierende Streptokokken, die weder zur Gruppe A noch B gehören (iNABS; n = 877). Primärer Endpunkt war die adjustierte Odds Ratio (aOR) der Kliniksterblichkeit nach Propensity-Score-Matching.

In der iGAS-Kohorte betrug die Krankenhaussterblichkeit bei zusätzlicher Clindamycin-Applikation 6,5 % vs. 11,0 % in der Gruppe ohne Clindamycin, eine Reduktion der Sterblichkeit um 56 % (aOR 0,44; p = 0,011). Der Überlebensvorteil bestand auch bei Patienten ohne Schocksymptome oder NF. In der iNABS-Kohorte war die Krankenhaussterblichkeit bei Clindamycin-Gabe erhöht gegenüber Patienten, die kein zusätzliches Clindamycin erhielten (Sterblichkeit 9,8 % vs. 4,6 %; n.s.). Für iNABS-Patienten wird zur Zurückhaltung mit Clindamycin geraten, solange nicht Daten aus weiteren Studien einen Nutzen nachweisen.

Fazit: „Mit einer hohen Stichprobenzahl und der Propensity-Score-Methode belegt die Studie erstmals verlässlich, dass Clindamycin die Sterblichkeit der nekrotisierenden Fasziitis und des Streptokokken-Toxic-Shock-Syndroms senkt, wenn man es bei diesen aufgrund besonderer Toxine schwer verlaufenden Streptokokken-Infektionen zusätzlich zu ß-Laktamen gibt“, kommentiert Prof. Dr. med. Cord Sunderkötter, Direktor der Poliklinik für Dermatologie und Venerologie am Universitätsklinikum Halle (Saale). „Die additive Wirkung des Clindamycins dürfte vor allem auf seiner Hemmung der Toxinsynthese beruhen, weil eine Reduktion der Streptokokken bereits durch die ß-Laktame erreicht wird.“

Damit erhalte die entsprechende Empfehlung in der neuen S2k-Leitlinie zu Haut- und Weichgewebeinfektionen die lang gewünschte Evidenz (2). „Ob auch bei anderen schweren Streptokokken-Weichgewebeinfektionen wie dem bullösen Erysipel der Nutzen von Clindamycin die möglichen unerwünschten Wirkungen überwiegt und er sich auf die Hemmung bestimmter Toxine zurückführen lässt, sollte jetzt mit einer prospektiven placebokontrollierten Studien untersucht werden.“ Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Babiker A, et al.: Effectiveness of adjunctive clindamycin in β-lactam antibiotic-treated pts with invasive β-haemolytic streptococcal infections in US hospitals. Lancet Infect Dis 2020; DOI.org/10.1016/S1473–309930523–5.
  2. Sunderkötter C, Becker, K, Eckmann C, et al.: S2k-Leitlinie Haut- und Weichgewebeinfektionen. J Dtsch Dermatol Ges 2019; 17: 345–71.DOI: 10.1111/ddg.13790_g / GMS Infect Dis. 2020 26;8:Doc11.

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