ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2021Ärztinnen: Sichtbarkeit im Beruf
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Die Ärztestatistik sowie die Zahlen der Medizinfakultäten zeigen seit Jahren einen hohen Anteil von Ärztinnen und Studentinnen. Allerdings: Je höher die Position, desto weniger Frauen sind sichtbar. In der Lehre wird zunehmend mehr Sensibilität für Geschlechterunterschiede gefordert.

Das Team am Tisch: Die Zahl der berufstätigen Ärztinnen steigt. Foto: picture alliance/Westend61/Buero Monaco
Das Team am Tisch: Die Zahl der berufstätigen Ärztinnen steigt. Foto: picture alliance/Westend61/Buero Monaco

Der Arztberuf wird weiblicher. Dies belegt grundsätzlich die Arztstatistik, die den Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der berufstätigen Mediziner aufzeigt: So waren nach den Daten von 2019 insgesamt 402 453 Ärztinnen und Ärzte berufstätig, davon sind 191 833 Frauen. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Das liegt auch am wachsenden Anteil der Frauen unter den Medizinstudierenden: So waren 2019 insgesamt 96 115 Studierende im Fach Humanmedizin eingeschrieben, davon 59 636 (62 Prozent) Frauen. Somit sind fast zwei Drittel des ärztlichen Nachwuchses mittlerweile weiblich.

Wenig Geschlechtersensibilität

Eine geschlechtersensible Medizin ist in den Köpfen der Medizinstudierenden jedoch noch nicht vollständig präsent. Darauf verwiesen angesichts des Ende vergangenen Jahres vorgelegten Entwurfs einer neuen ärztlichen Approbationsordnung sowohl der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) als auch verschiedene Landesärztekammern.

Medizinisches Wissen sowie Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten in Deutschland würden immer noch „geschlechterneutral“ gelehrt und im klinischen Alltag angewendet, so die Kardiologin Prof. Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek, Gründerin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité, in ihrem Vortrag auf der 4. Bundeskonferenz Frauengesundheit Ende vergangenen Jahres in Berlin. Dabei müssten bereits Studierende die Kompetenz erhalten, sich kritisch mit klinischen Studien, Leitlinien und systematischen Reviews auseinanderzusetzen und Unterschiede zu hinterfragen.

„Die Vermittlung von geschlechtersensiblem Wissen ist an den Universitäten leider absolut unzureichend“, bestätigt Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarczyk. Die Vizepräsidentin des DÄB gehört zu den Initiatorinnen des Projekts „Genderwissen in der Ausbildung von Gesundheitsberufen“, das im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums vom Institut für Geschlechterforschung in der Medizin koordiniert und zusammen mit Expertinnen aus dem Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Hochschule für Gesundheit in Bochum durchgeführt und von der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin sowie dem DÄB begleitet wurde. Jetzt liegen die Ergebnisse vor (siehe folgenden Artikel).

Bereits vor drei Jahren hatte der DÄB die medizinischen Fakultäten zur Integration von geschlechterspezifischen biologischen und soziokulturellen Lehr- und Lerninhalten in die Rahmenlehrpläne und Ausbildungskonzepte befragt. Bei der erneuten Erhebung interessierte die Expertinnen, was sich im Vergleich zu der Erstbefragung getan hat. Dabei nahmen sie nicht nur die medizinischen Fakultäten in den Blick, sondern auch Gesundheits- und Krankenpflege- sowie Physiotherapieschulen.

Ein Resultat für die Humanmedizin: An etwa 70 Prozent der medizinischen Fakultäten in Deutschland werden Medizinstudierende nur punktuell in einzelnen Lehrveranstaltungen auf die Geschlechterunterschiede bei Krankheiten, Symptomen und Therapien aufmerksam gemacht. „Das ist ernüchternd“, meint Kaczmarczyk. Sie fordert mehr Professuren in dem Bereich.

Seit jeher ist die Repräsentanz von Ärztinnen in einzelnen Fachgebieten sehr unterschiedlich: Die Arztstatistik 2019 weißt 68 835 Ärztinnen ohne Gebietsbezeichung aus, danach folgt die Allgemeinmedizin mit 21 880, die Innere Medizin mit 22 240, dann die Frauenheilkunde mit 13 119 Ärztinnen. Im Fach Chirurgie sind es 8 433 tätige Ärztinnen – darunter 256 Ärztinnen mit Bezeichnung Orthopädie und Unfallchirurgie. Die Chirurgie zählt seit Jahren zu den Fächern mit geringem Frauenanteil. Dazu hat Dr. med. Patricia Lutz, Assistenzärztin in der Abteilung und Poliklinik für Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar der TU München, Mitte 2020 eine Erhebung zur Geschlechterverteilung der vergangenen 15 Jahren erstellt (1). Ihre Analyse zeigt, wie die Zahl der Orthopädinnen und Unfallchirurginnen unter den Assistenzärztinnen zwar zugenommen hat, allerdings in den Führungspositionen deutlich zurückbleibt. So leiten an den 37 Universitätskliniken zwei Direktorinnen eine rein orthopädische Klinik. Insgesamt gibt es 59 Direktorenposten in den Abteilungen für Orthopädie und Unfallchirurgie. Es gibt auch Teilbereiche der Orthopädie und Unfallchirurgie – die Kinderorthopädie, die Hand- sowie die Fuß-/Sprunggelenkchirurgie – in denen die Anteile von Frauen deutlich höher sind. Eine Ursache könnte sein, „dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in einem Arbeitsumfeld mit guten Optionen zur elektiven, operativen Tätigkeit besser gelingt“, schreibt Lutz.

Um Grundsteine für eine wissenschaftliche Karriere und damit auch die Aussicht auf eine höhere Position an Kliniken zu erlangen, ist die Präsenz auf Fachkongressen wichtig. In der Analyse hat Lutz die Präsenz von Frauen auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2019 analysiert: So waren die Vorsitzenden der Sessions zu 90,7 Prozent männlich, bei den vortragenden Experten waren es 92,3 Prozent. Ähnliches Bild bei den Habilitationen: In den Jahren 2005 bis 2019 haben sich im Fach 41 Frauen habilitiert – dem gegenüber stehen 457 Männer.

Die Zahlen der Studie zeigen die Hürden für Ärztinnen im Beruf – und ließen sich auf andere Fachgebiete übertragen. Viele Ärztinnennetzwerke, sei es innerhalb von Berufsverbänden, Fachgesellschaften, kommerzielle Angebote, Vereine Universitätskliniken oder auch der DÄB, bemühen sich seit Jahren um Hilfe bei der Karriereplanung sowie Mentoring. Dabei haben sie ein gemeinsames Ziel: Mehr weibliche Präsenz im Arztberuf. Rebecca Beerheide,

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

3 Fragen an . . .

Dr. med Patricia Lutz, Assistenzärztin Abteilung und Poliklinik für Sportorthopädie Klinikum rechts der Isar der TU München

Foto:privat
Foto:privat

Die Chirurgie ist ein Fach, das seit Jahren weniger Ärztinnen anzieht als andere. Woran liegt das ihrer Meinung nach?

Dafür gibt es mehrere belegte Ursachen. Meiner Meinung nach fehlen die Mentorinnen in höheren Positionen, an denen man sich bei Fragen zum Berufsweg und der Karriere orientiert. In der Chirurgie gibt es weniger weibliche Vorbilder, in der Orthopädie und Unfallchirurgie sind es aber besonders wenig.

Mentoring und Vernetzung sind seit Jahren die Rezepte, die Ärztinnen helfen sollen. Was, meinen Sie, könnte wirklich bei der Karriere helfen?

Die Vereinbarkeit von chirurgischem Arztberuf und der Familie sowie Vorbilder dafür. Es wird Frauen mit Kindern schwer gemacht, an großen Krankenhäusern in höhere Positionen aufzusteigen. Aber hier wiederum werden ja die Grundsteine für eine Karriere gelegt – und gleichzeitig muss es ja möglich sein, eine Familie zu haben. Daher müssen aus meiner Sicht mehr Arbeitszeitmodelle, wie zum Beispiel geteilte Spitzen, geschaffen werden, die sowohl Ärzten als auch Ärztinnen mit Kindern eine Karriere ermöglichen. Als Reaktion auf unsere Auswertung haben sich besonders viele Frauen gemeldet, die sich weiter im Fach vernetzen wollen. Das kann ein weiterer möglicher Schritt sein.

In Ihrer Erhebung haben Sie auch die Teilnahme an wissenschaftlichen Kongressen betrachtet, die ja als wichtiger Baustein auch einer wissenschaftlichen Karriere gelten.

Hier haben wir erhoben, wie viele Ärztinnen auf den Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) im Jahr 2019 eingeladen wurden. 90 Prozent der eingeladenen Referenten oder Vorsitzenden von Sessions waren Männer, nur unter zehn Prozent waren Frauen. Bei den Einreichungen von Postern oder Abstracts, die Interessierte selbstständig einreichen können, waren es etwas über 20 Prozent Frauen. Auch hier spielt dann die Vorbildfunktion wieder eine wichtige Rolle: Ärztinnen oder Studentinnen gehen auf den größten orthopädisch/unfallchirurgischen Kongress in Deutschland und sehen dort fast nur Männer in aktiven Rollen. Es fehlt dann auch auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Karriere das weibliche Vorbild und die höheren wissenschaftlichen Positionen, die notwendig sind für das Aufsteigen in hohe Klinikpositionen, scheinen unerreichbar. 

1.
Lutz PM, Lenz J, Achtnich A, et al.: Ärztinnen in der Orthopädie und Unfallchirurgie in Deutschland: ein aktueller Status quo. Orthopäde (2020). https://doi.org/10.1007/s00132-020-04048-7.
1.Lutz PM, Lenz J, Achtnich A, et al.: Ärztinnen in der Orthopädie und Unfallchirurgie in Deutschland: ein aktueller Status quo. Orthopäde (2020). https://doi.org/10.1007/s00132-020-04048-7.

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