ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2021Kinder und Jugendliche: Zunahme an Psychotherapien

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Kinder und Jugendliche: Zunahme an Psychotherapien

Bühring, Petra

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Der Arztreport der Barmer zeigt einen Zuwachs an psychotherapeutischen Behandlungen bei jungen Menschen in den letzten zehn Jahren um mehr als das doppelte. Die Coronapandemie hat den Bedarf weiter gesteigert – mit voraussichtlich noch zunehmender Tendenz.

Kinder und Jugendliche in Deutschland sind immer häufiger in psychotherapeutischer Behandlung. Innerhalb von elf Jahren hat sich die Zahl der jungen Patientinnen und Patienten mehr als verdoppelt. Das geht aus dem aktuellen Arztreport der Barmer hervor. Demnach benötigten im Jahr 2019 rund 823 000 Kinder und Jugendliche psychotherapeutische Hilfe, 104 Prozent mehr als im Jahr 2009.

Als Gründe hierfür nennt Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, dass psychische Probleme heute insgesamt einen höheren Stellenwert als früher haben. Die Reform der Psychotherapierichtlinie in 2017 erleichterte zudem den Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten. Hinzu komme der Anstieg an Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in den letzten zehn Jahren.

„Die Coronapandemie samt strikter Kontaktbeschränkungen dürfte dabei die Situation noch weiter verschärfen“, sagte Straub. Bei den Barmer-versicherten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 24 Jahren seien die Zahlen für die Akutbehandlung sowie die Anträge für die erstmalige Therapie und deren mögliche Verlängerung in 2020 um sechs Prozent auf mehr als 44 000 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

„Es gibt massive Hinweise dafür, dass die psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie hoch sind und dass sie besonders bei denjenigen Spuren hinterlässt, die ohnehin schon psychisch angeschlagen sind“, sagte Straub. Dem Arztreport zufolge gab es im dritten und vierten Quartal 2020 bereits 12,6 Prozent mehr Anträge auf eine Richtlinienpsychotherapie. Besonders betroffen sind Jungen im Alter von elf Jahren und Mädchen von 17 Jahren.

Im Jahr 2019 haben den Ergebnissen des Arztreports zufolge rund 162 300 Kinder und Jugendliche erstmals eine Richtlinienpsychotherapie erhalten. Die Ursachen dafür sind sehr unterschiedlich: in knapp 37 400 Fällen Reaktionen auf schwere Belastungen, wie beispielsweise Trauererlebnisse und Mobbing, sowie Anpassungsstörungen. Die zweithäufigste Ursache für eine erstmalige Therapie waren dem Report zufolge Depressionen (23 100 Fälle), gefolgt von emotionalen Störungen im Kindesalter (22 000 Fälle).

„Psychische Probleme können für Kinder und Jugendliche ernste Folgen haben. Deshalb ist es wichtig, auf ihre Alarmsignale zu achten, betonte Straub. Wie aus dem Barmer Arztreport weiter hervorgeht, gibt es deutliche regionale Unterschiede bei der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Leistungen. Am größten war im Jahr 2019 demnach der Bedarf in Berlin mit 5,19 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Hessen. Den geringsten Anteil verzeichnete Mecklenburg-Vorpommern mit 3,33 Prozent aller jungen Menschen. Allerdings war hier die Steigerungsrate bei der Inanspruchnahme seit dem Jahr 2009 mit 239 Prozent am größten, gefolgt von Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Die niedrigste Steigerungsrate verzeichnete Bremen mit 52 Prozent.

„Psychotherapeutische Leistungen für Kinder und Jugendliche nehmen in allen Bundesländern immer mehr zu. Hier gibt es vor allem in den Bundesländern hohe Steigerungsraten, in denen der Abstand zum Bundesschnitt besonders groß war“, erläuterte Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Autor des Arztreports und Geschäftsführer des aQua-Instituts in Göttingen. Damit seien die regionalen Unterschiede bei der Inanspruchnahme bis zum Jahr 2019 zwar verringert, aber nach wie vor erheblich und rein medizinisch nicht erklärbar. „Hier sind weitere Analysen erforderlich“, sagte er.

Viele junge Menschen leiden Szecsenyi zufolge über Jahre an psychischen Störungen. Dies belege eine Langzeitbetrachtung von Kindern und Jugendlichen, die im Jahr 2014 erstmals eine Psychotherapie erhalten haben und mindestens zwei Jahre zuvor keine anderweitige therapeutische Hilfe benötigten. So wurde bei mehr als jedem oder jeder dritten Betroffenen bereits fünf Jahre vor Start der Richtlinientherapie zumindest eine psychische Störung dokumentiert. Nur bei 40,7 Prozent beschränkten sich die Psychotherapiesitzungen auf maximal ein Jahr, 36,4 Prozent erhielten auch mehr als zwei Jahre nach Start der Behandlung noch Psychotherapien. Bei 62,5 Prozent aller Betroffenen seien auch noch fünf Jahre nach Start der Psychotherapie psychische Störungen diagnostiziert worden. Petra Bühring

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