ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Onkologie 1/2021COVID-19-Pandemie: Was Krebspatienten wissen möchten

SUPPLEMENT: Perspektiven der Onkologie

COVID-19-Pandemie: Was Krebspatienten wissen möchten

Dtsch Arztebl 2021; 118(11): [4]; DOI: 10.3238/PersOnko.2021.03.19.01

Grunert, Dustin

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Die COVID-19-Pandemie hat viele onkologische Patienten verunsichert: Es besteht ein erhöhter Beratungsbedarf durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte.

Foto: Photocreo Bednarek stock.adobe.com
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Diverse Studien haben gezeigt, dass Menschen mit onkologischen Erkrankungen einen relevanten Anteil derjenigen ausmachen, die an COVID-19 erkranken. Darüber hinaus ist Krebs eine der Prognoserelevanten Komorbiditäten, insbesondere bei aktiver Erkrankung.

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Mortalität: In zahlreichen, internationalen Registeranalysen wurde eine signifikant höhere Mortalität bei Patienten mit einer Krebserkrankung im Vergleich zu Menschen ohne Krebserkrankungen beschrieben. Eine Analyse aus den USA mit Daten von fast 30 000 Patienten zeigt, dass die Sterblichkeit mit 24,7 % am höchsten bei Menschen mit aktiver, progredienter Krebserkrankung ist, bei Patienten in Remission beträgt sie 11,6 % (1).

Darüber hinaus zeigen die Analysen, dass sich der Risikofaktor Krebs insbesondere in den jüngeren Altersgruppen negativ auf die Prognose auswirkt. Die relative Steigerung der Sterblichkeit durch COVID-19 ist in der Patientengruppe unter 50 Jahren 4-mal höher als bei Menschen ohne Krebserkrankungen und damit am höchsten (2).

Verschiebung der onkologischen Therapie: Da jeder Krebspatient eine individuelle Versorgung benötigt, ist die Frage, ob Therapien verschoben werden sollten, nicht pauschal zu beantworten. Denn die Verläufe und Therapieverfahren bei Krebs unterscheiden sich je nach Tumorart stark: „Es gibt bei Krebs manchmal Erkrankungssituationen, in denen kein schnelles Handeln erforderlich ist. In anderen Fällen ist eine dringende Behandlung geboten, um Heilungschancen nicht zu gefährden. In wieder anderen Fällen muss die Behandlung aufgrund einer besonderen Infektionsgefährdung von Patienten individuell angepasst werden“, so Prof. Dr. med. Michael Baumann, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) empfiehlt, eine geplante Krebstherapie nicht grundsätzlich zu verschieben. Betroffene mit einer gut beherrschbaren Tumorerkrankung könnten mit ihren Ärzten eine Verschiebung abwägen.

Rehabilitation: Angesichts der besonderen Umstände im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie besteht derzeit des Weiteren keine Verpflichtung zum sofortigen Antritt einer onkologischen Rehabilitationsleistung. Anträge auf Verschiebung bereits genehmigter Rehabilitationsmaßnahmen können beim zuständigen Rentenversicherungsträger gestellt werden. Eine Verschiebung des Rehabilitationsbeginns ist infolge der Pandemie bis zu 9 Monaten möglich.

Dringlichkeit einer COVID-19-Impfung: Nach der aktuellen Fassung der Verordnung zur COVID-19-Schutzimpfung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums vom 8. Februar 2021 haben Menschen mit behandlungsbedürftigen Krebserkrankungen unabhängig vom Alter Anspruch auf eine Impfung in der 2. Impfwelle. Das gilt im Übrigen auch für Krebsbetroffene mit einer Remissionsdauer bis zu 5 Jahren. Voraussetzung für die Durchsetzung des Anspruchs der Erkrankten ist laut Impfverordnung die Vorlage eines ärztlichen Attestes oder die Bescheinigung des behandelnden Krankenhauses. Selbst wenn die Krebserkrankung länger als 5 Jahre zurückliegt, kann eine bevorzugte Impfung in der 3. Impfwelle stattfinden.

Die Atteste dürfen ausschließlich Kliniken, Abteilungen, Ambulanzen und Praxen mit Schwerpunkt Hämatologie/Onkologie ausstellen, in denen diese Patienten behandelt werden. Die DGHO hat hierfür ein entsprechendes Formular entwickelt, das den Vorgaben entspricht und online abrufbar ist (4).

Prof. Dr. med. Hermann Einsele, Vorsitzender der DGHO und Direktor der II. Medizinischen Klinik des Universitätsklinikums Würzburg, macht die Priorität der COVID-19-Schutzimpfung bei Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen deutlich: „Auf Basis der aktuellen Daten sehen wir eine hohe Priorität für die COVID-19-Schutzimpfung von Patientinnen und Patienten mit hämatologischen Erkrankungen und solchen mit soliden Tumoren und aktiver Krebserkrankung, die sich unter systemischer Therapie befinden.“ Hierzu zählen maligne hämatologischen Erkrankungen (insbesondere akute und chronische Leukämien), maligne Lymphome und Multiple Myelome. Gleiches gilt für Patienten mit fortgeschrittenen soliden Tumoren und aktiver Erkrankung.

Allerdings: In den 16 Bundesländern werden derzeit unterschiedliche Regelungen für den Zugang zur COVID-19-Impfung diskutiert, zum Teil mit deutlichen Abweichungen von den Regelungen in der Impfverordnung. In Berlin zum Beispiel übernimmt die Kassenärztliche Vereinigung Berlin nach Beauftragung durch die Gesundheitsverwaltung die Impfeinladung der an Krebs erkrankten über 65-Jährigen. Die Vorlage eines Attests ist dort nicht nötig.

Wirksamkeit der COVID-19-Impfung: Wie wirksam mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19 speziell bei Krebspatienten sind, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher beantwortet werden. Denn Menschen, deren Immunsystem durch die Krebserkrankung oder -therapie unterdrückt ist, waren bei den bisherigen Zulassungsstudien nicht als Probanden vertreten. Gleiches gilt auch für die Verträglichkeit der Impfung im Zusammenspiel mit bestimmten Krebstherapien wie einer Chemotherapie oder zielgerichteten Medikamenten.

Der Schutz einer COVID-19-Impfung kann bei immunsupprimierten Patienten geringer sein. Bei Patienten nach B-Zell-Depletion oder nach hämatopoetischer Stammzelltransplantation wird empfohlen – in Analogie zu anderen Schutzimpfungen – einen zeitlichen Abstand von mindestens 3, besser von > 6 Monaten zur letzten Therapie. Spezifische Erkenntnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe in anderen Therapiesituationen liegen bisher nicht vor.

Auch hinsichtlich des optimalen Impfzeitpunktes und den für Tumorpatienten „bestgeeigneten“ Impfstoff liegen bisher fast keine Daten aus klinischen Studien vor. Grundsätzlich spricht sich die DGHO für COVID-Impfungen bei Krepspatienten aus, „außer wenn triftige Gründe dagegensprechen“ (3).

Arzneimitteltherapie von COVID-19 bei Krebspatienten: Trotz zahlreicher experimenteller Ansätze und sehr rasch initiierter klinischer Studien ist die aktuelle Therapie der COVID-19-Erkrankung weitestgehend supportiv und beruht nicht auf klinischen Studien bei dieser spezifischen Erkrankung. Bei Verfügbarkeit neuer antiviral wirksamer Arzneimittel wird auch zu diskutieren sein, ob ein früher Einsatz von monoklonalen Antikörpern, Kinaseinhibitoren und/oder Rekonvaleszentenplasma bei an COVID-19 erkrankten Menschen mit aktiver Krebserkrankung sinnvoll ist. Eine solche Therapie könnte auch die derzeit steigende Zahl von Betroffenen mit prolongierter Ausscheidung von SARS-CoV-2 (Shedding) – die auch mit dem Risiko der Bildung von Mutationen verbunden ist – nach einer COVID-19-Infektion senken.

Die Kombination des neutralisierenden, monoklonalen Anti-SARS-CoV-2-Antikörper Bamlanivimab mit dem 2., nichtkompetitiven Antikörper Etesevimab steigerte die Wirksamkeit in Bezug auf die Reduktion der Viruslast. Diese Beobachtung wird durch die Daten zur Antikörperkombination Casivirimab plus Imdevimab bestätigt. „Der potenzielle klinische Nutzen der Antikörper ist derzeit noch schwer zu beurteilen, da die bisher vorliegenden Daten zur klinischen Wirksamkeit wenig belastbar sind. Die klinische Wirksamkeit ist insbesondere in der frühen, a- oder oligosymptomatischen Erkrankungsphase anzunehmen, in der die Virusreplikation eine dominierende Rolle spielt“, so Prof. Dr. med. Lorenz Trümper.

Dustin Grunert

DOI: 10.3238/PersOnko.2021.03.19.01

Literatur im Internet: www.aerzteblatt.de/lit1121

1.
COVID-19 and Cancer Consortium (CCC19): https://public.tableau.com/profile/reboot.rx#!/vizhome/covidcancer/PublishedClinicalStudies (last accessed on 23 January 2021).
2.
Palmieri C, et al.: Prospective data of first 1,797 hospitalised patients with cancer and COVID-19 derived from the COVID-19 Clinical Information Network and international Severe Acute Respiratory and emerging Infections Consortium, WHO Coronavirus Clinical Characterisation Consortium. Ann Oncol 3 (suppl_4): S934–73, DOI: 10.1016/annonc/annonc289; update January 2021 (personal communication) CrossRef
3.
Positionspapier Impfung: https://www.dgho.de/publikationen/stellungnahmen/gute-aerztliche-praxis/coronavirus/covid-19-bei-krebspatienten_dgho_fg_sh_20210127.pdf (last accessed on 09 March 2021).
4.
DGHO: Attest für Patienten mit hoher Priorität zur Vorlage beim Impfzentrum. https://www.dgho.de/publikationen/stellungnahmen/gute-aerztliche-praxis/coronavirus/covid-19-schutzimpfung-attest-20210209.pdf (last accessed on 09 March 2021).
1.COVID-19 and Cancer Consortium (CCC19): https://public.tableau.com/profile/reboot.rx#!/vizhome/covidcancer/PublishedClinicalStudies (last accessed on 23 January 2021).
2.Palmieri C, et al.: Prospective data of first 1,797 hospitalised patients with cancer and COVID-19 derived from the COVID-19 Clinical Information Network and international Severe Acute Respiratory and emerging Infections Consortium, WHO Coronavirus Clinical Characterisation Consortium. Ann Oncol 3 (suppl_4): S934–73, DOI: 10.1016/annonc/annonc289; update January 2021 (personal communication) CrossRef
3.Positionspapier Impfung: https://www.dgho.de/publikationen/stellungnahmen/gute-aerztliche-praxis/coronavirus/covid-19-bei-krebspatienten_dgho_fg_sh_20210127.pdf (last accessed on 09 March 2021).
4.DGHO: Attest für Patienten mit hoher Priorität zur Vorlage beim Impfzentrum. https://www.dgho.de/publikationen/stellungnahmen/gute-aerztliche-praxis/coronavirus/covid-19-schutzimpfung-attest-20210209.pdf (last accessed on 09 March 2021).

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