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Impfkampagne: Kein Wettbewerb der Nationen

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Es mutet an wie Sportberichterstattung: Schnellster im Impfen ist – gemessen an der Zahl der gegen SARS-CoV-2-Geimpften im Verhältnis zur Einwohnerzahl – zurzeit Chile. Das Land hat Israel zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieser Ausgabe als Spitzenreiter abgelöst. Europas Union sitzt im Mittelfeld.

Mag sein, dass solches Ranking Politikern in Deutschland Druck macht, gerade in Wahljahren wie diesen. Zumindest wird aktuell sehr schnell sehr viel versprochen, auch schon mal unrealistische zehn Millionen Impfungen pro Woche. Mag auch sein, dass dieses internationale „Höher-Schneller-Weiter“ dem einen oder anderen Bürger Zufriedenheit verschafft. Geimpft ist dadurch noch keiner.

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Also zurück zum Boden der Tatsachen: Es geht darum, durch schnelles Impfen die Pandemie einzudämmen, nicht nur national, sondern weltweit. Es geht darum, ein fortschreitendes Mutieren dieses Virus und damit etwaigen Unwirksamkeiten der entwickelten Impfstoffe zuvorzukommen. Klar, man möchte den eigenen Hof möglichst schnell sauber kriegen. Aber das ist bei Weitem zu kurz gedacht.

Das problematische Signal der Politik: Mit Versprechen ist noch nichts getan. Für eine erfolgreiche Impfkampagne braucht man gute Planung und Organisation, eine funktionierende Logistik. Hier liegt jenseits der öffentlichen Endlos-Diskussionen der Handlungsbedarf.

Unisono fordern Ärztinnen und Ärzte, endlich die Potenziale der niedergelassenen Praxen und Betriebsärzte neben den bisher eingesetzten Impfzentren als zusätzliche Impfanbieter zu aktivieren. Auch die Ärzte nennen Zahlen, allerdings hochgerechnet und abgeglichen mit den Erfahrungen langjähriger Impfarbeit, beispielsweise gegen Influenza.

Fünf Millionen Impfungen pro Woche, weiß der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Dr. med. Andreas Gassen, werden unter Einbindung der Haus- und Fachärzte möglich. Hier macht Schnelligkeit tatsächlich Sinn.

Dass die Politik nach längerem Zaudern das Praxis-Impfen zwar ankündigt, aber nicht sofort umsetzt, sondern auf die Zeit ab spätestens 19. April vertröstet, vergeudet Zeit, die mehr ist als Geld: Sie kostet Menschenleben.

Die in dieser Demokratie oft durchaus effektive Neigung, extreme Gründlichkeit walten zu lassen, raubt aktuell Flexibilität, nimmt Chancen. Da ist die von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) angekündigte Erweiterung der Impfmaßnahmen sicher ein bedeutender Schritt. Das braucht aber die entsprechende zügige Umsetzung.

Die Befürchtungen, wegen Impfstoffmangel mit leeren Händen vor impfbereiten Ärzten und Bevölkerung zu stehen, ist das kleinere, angesichts mittelfristig anstehender Impfstofflieferungen im Laufe der Zeit eher abnehmende Risiko. Und: Die Arztpraxen sind ohnehin geöffnet, sie werden auch bei Impfstoffmangel nicht schließen. Nötig sind flexible Handlungsfreiheiten, Anreize, und – das ist wichtig – eine möglichst schlanke Bürokratie.

Vor allem geht es auch um Vertrauen, das die Politik gegenüber den Ärztinnen und Ärzten nicht nur aussprechen, sondern auch wirklich haben muss. Wer das anders haben will, frage bei Risiken und Nebenwirkungen weiterhin seine Minister und deren Bürokratie.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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