ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2021Coronaimpfungen: Start in den Praxen verzögert sich

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Coronaimpfungen: Start in den Praxen verzögert sich

Beerheide, Rebecca; Haserück, André

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Zwar gewann die Impfkampagne jüngst an Fahrt, doch die Impfzentren sind lange noch nicht an der Belastungsgrenze. Die Arztpraxen sollen künftig routinemäßig mitimpfen – spätestens ab Mitte April. Allerdings gibt es viele Rufe aus der Ärzteschaft nach einem früheren Start.

Die Impfkampagne soll schneller werden: Nur ob im April die Vertragsärzte einbezogen werden, ist noch unklar. Foto: picture alliance/SZ Photo/Florian Peljak
Die Impfkampagne soll schneller werden: Nur ob im April die Vertragsärzte einbezogen werden, ist noch unklar. Foto: picture alliance/SZ Photo/Florian Peljak

Zuletzt konnten bundesweit mehr als 270 000 SARS-CoV-2-Impfungen am Tag in den Impfzentren angeboten werden. Das ursprünglich formulierte Ziel, bis Ende des Sommers sollte jedem Bürger ein Impfangebot gemacht werden, scheint jedoch nur realistisch, wenn die Vertragsarztpraxen umfassend beteiligt werden. „Der Wechsel in die Arztpraxen ist ein entscheidender Schritt“, betonte auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU). Die regelhafte Impfung in Praxen stelle den Grundstein dar, um in der Impfkampagne „deutlich“ an Geschwindigkeit gewinnen zu können.

Allerdings läuft eine Debatte um die Umsetzung beziehungsweise den genauen Zeitplan. Die Ge­sund­heits­mi­nis­ter der Länder hatten sich am 10. März auf die 16. Kalenderwoche (19. bis 25. April) oder früher als Starttermin für die routinemäßigen Impfungen in Arztpraxen geeinigt, „sollten es die noch zu konkretisierenden Liefermengen der Hersteller für April zulassen“. Einzelne Länder könnten demnach allerdings auch ein „Opt-out“ erklären und im April noch nicht routinemäßig in den Arztpraxen impfen lassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten wollten zeitnah über die Empfehlungen der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK) entscheiden – dies ist für den 17. März (nach Redaktionsschluss) geplant.

Impfstoff fehlt immer noch

„Dass sich die Ge­sund­heits­mi­nis­ter auf Coronaimpfungen im niedergelassenen Bereich geeinigt haben, ist grundsätzlich gut und richtig. Bund und Länder sollten aber alles versuchen, ausreichend Impfstoff zu beschaffen, um einen Impfstart noch vor dem 19. April zu ermöglichen“, betonte Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Binde man die Arztpraxen in die Impfkampagne ein, gebe es eine Chance, bis zum Sommer allen Erwachsenen ein Impfangebot zu machen.

Schnelles und konsequentes Impfen werde nur mit den Praxen der niedergelassenen Hausärzte und Fachärzte gelingen, mahnte auch Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Es stehe zu befürchten, dass auf Grundlage des Beschlusses der GMK das wohnortnahe und schnelle Impfen in den Praxen im April nicht mehr flächendeckend stattfinden werde. „Die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen wollen impfen. Wir sind bereit: jetzt und sofort. Doch man lässt uns im Unklaren“, kritisierte Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV. Zudem wolle die Politik zuerst die Impfzentren mit Impfstoffen ausstatten und deren Finanzierung absichern, erst danach würden die Praxen mit den „übrig gebliebenen Resten“ folgen.

Der Hintergrund: Die Anlieferungsstandorte der Länder sollen im April wöchentlich mit 2,25 Millionen Impfdosen beliefert werden. Darüber hinaus verfügbare Impfstoffe sollen frühestmöglich an Praxen gehen. Sollten die Lieferungen der Impfstoffe so kommen, wie der Bund sie in Aussicht gestellt habe, dann könne man die Impfungen bei den Ärzten „schnell hochfahren“, sagte der bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Klaus Holetschek (CSU), Vorsitzender der GMK. Die Impfzentren selbst sollen noch bis mindestens Ende September weiterhin vom Bund finanziert werden.

Vor allem die Hausärzte fordern, die Impfungen zügig aus den Impfzentren in die Praxen zu verlegen – und zwar komplett. Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, sprach sich dafür aus, die Impfungen in den Impfzentren auslaufen zu lassen und den Arztpraxen zu übertragen. Die Hausärzte könnten sofort mit dem Impfen loslegen und seien nun „erschüttert und fassungslos“ darüber, dass sich das Impfen durch Niedergelassene nun verzögere.

Anke Richter-Scheer, stellvertretende Vorsitzende des Hausärzteverbandes, betonte, sie halte die Impfzentren beispielsweise zur Durchimpfung besonderer Berufsgruppen durchaus für weiterhin sinnvoll – grundsätzlich aber sollten jedoch die bestehenden Praxisstrukturen schnellstmöglich genutzt werden.

Rebecca Beerheide, André Haserück

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Dr. Alexander Voigt
am Mittwoch, 24. März 2021, 10:44

Fernab der Realität (gern auch als Leserbrief)

Sicher gibt es HausärztInnen, die erschüttert und fassungslos ob der Verzögerung des Impfstarts in den Praxen sind.
Aber es gibt sicherlich auch ebenso viele, die erschüttert und fassungslos über die Polemik und plakativen Auftritte der Verbandsfunktionäre sind.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Impfablauf in den Impfzentren sehr gut organisiert ist und die Menschen sich dort gut aufgehoben fühlen. Dies führt dazu, dass es reibungslos vonstatten geht und eine große Zahl an Impflinge versorgt werden kann. Dass die Impfzentren noch nicht an der Belastungsgrenze sind, kann ich indes nur bestätigen: die Öffnungszeiten könnten erweitert werden von derzeit ca. 7,5 Std. auf bis zu 14 Std.: die Nachfrage ist da, die Helfer-Ressourcen sind ausreichend, nur der mangelnde Impfstoff ist wohl der begrenzende Faktor.
Die Organisation, erforderliche Dokumentation und auch die Beachtung der Hygienevorschriften kann ich in einer normal großen Hausarztpraxis nicht annähernd bereitstellen. Ich habe bei mir keine großen Warte- und Nach-Impfungsbeobachtungsräume, die individuelle Art der PatientInnen kann ich daher nicht auffangen, ohne den Ablauf chaotisch werden zu lassen. Für die Dokumentation der Impfungen bietet mir mein Software-Haus ein hochpreisiges Zusatz-Feature an, wieder verdient jemand anderes an der Situation. Auch habe ich keine Notarzt-Einrichtung parallel zum Impftag laufen. So schaffe ich bei maximaler Konzentration und Disziplin höchstens 70 Impfungen pro Tag und kann dann keinerlei anderen Praxistätigkeiten verrichten. Im Impfzentrum sind mit Pausen im gleichen Zeitraum an die 200 Impfungen möglich. Warum also nicht die Impfzentren favorisieren?
Ich glaube, die Herren Weigeldt und Co. kennen weder die Abläufe im Impfzentrum noch die Probleme bei der Umsetzung in der Praxis. Die Funktionäre sollten vielleicht lieber selbst ihren Dienst bei der Impfkampagne leisten statt laut aufzusprechen. Letzteres braucht in dieser Situation jedenfalls niemand.

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