ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2021Videosprechstunde: Einführung, Durchführung, Abrechnung

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Videosprechstunde: Einführung, Durchführung, Abrechnung

Czeschik, Christina

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Erlaubt ist die ärztliche Videosprechstunde schon seit 2017 – die Coronapandemie hat jedoch zu einer deutlichen Steigerung des Interesses auf ärztlicher und Patientenseite und auch zu regulatorischen Lockerungen geführt. Einige Vorschriften sind bei der Ein- und Durchführung der Videosprechstunde dennoch zu beachten.

Foto: Vladimir Kononok/iStock
Foto: Vladimir Kononok/iStock

Seit die Videotelefonie in akzeptabler Qualität weithin verfügbar ist, wird sie auch für ärztliche Konsultationen genutzt. Vorreiter waren beispielsweise Kanada und die skandinavischen Länder, die hier eine gute Chance sahen, die ärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten zu verbessern.

Deutschland war mit der Einführung der Videosprechstunde als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung im Frühjahr 2017 vergleichsweise spät dran. Die Videosprechstunde als Kassenleistung war zunächst auf einige wenige Indikationen begrenzt – insbesondere die Verlaufskontrolle von Verletzungen und Hauterkrankungen, von Bewegungseinschränkungen und postoperativen Zuständen – und zulässig nur bei zuvor persönlich gesehenen Patientinnen und Patienten.

Pauschale und Zuschläge

Das änderte sich im Mai 2018, als der Deutsche Ärztetag beschloss, das Fernbehandlungsverbot aufzuheben. Das hatte unter anderem zur Folge, dass seit dem 1. April 2019 die Videosprechstunde zulasten der GKV für viele weitere Indikationen und Fachrichtungen abrechenbar wurde und seit dem 1. Oktober 2019 auch der Erstkontakt eines Patienten virtuell – in der Videosprechstunde – abrechenbar ist.

Anders als zuvor wird seit dem 1. Oktober 2019 bei einer Vorstellung in der Videosprechstunde die jeweilige Grund- und Versichertenpauschale fällig, mit wenigen Ausnahmen. In voller Höhe werden diese allerdings nur gezahlt, wenn im gleichen Quartal noch eine persönliche Vorstellung des Patienten erfolgt – ansonsten gibt es je nach Fachgruppe einen Abschlag von 20, 25 oder 30 Prozent (Kennzeichnung mit der Pseudo-GOP 88220).

Die einzeln abrechenbaren Leistungen in der Videosprechstunde – hauptsächlich Gesprächsleistungen und auch Fallkonferenzen mit ärztlichen Kolleginnen und Kollegen sowie Pflegefachkräften – können im Detail auf den Seiten der KBV eingesehen werden (Kasten).

Da die Einführung und Durchführung der Videosprechstunde einen nicht unerheblichen organisatorischen Aufwand und auch zusätzliche Kosten für die Technik verursacht, gibt es zudem Positionen, die nur für die Videosprechstunde abrechenbar sind:

  • Der Zuschlag für die Authentifizierung eines bis dahin unbekannten Patienten, also im Rahmen einer Erstvorstellung in der Videosprechstunde. Diese Position (GOP 01444) ist höchstens einmal pro Behandlungsfall zu berechnen, und zwar bis zum 30. September 2021. Sie dient dazu, den zusätzlichen Aufwand abzubilden, der durch die Identifikation des Patienten und seines Versicherungsstatus am Anfang der Videosprechstunde entsteht. Der Patient muss dazu seine eGK in die Kamera halten und mündlich bestätigen, dass ein Versicherungsverhältnis besteht (festgelegt in Anlage 4 b des Bundesmantelvertrags Ärzte, BMV-Ä).
  • Der sogenannte Technikzuschlag (GOP 01450). Dieser kann für jeden Patientenkontakt per Videosprechstunde veranschlagt werden, aber nur bis zu einem Maximum von 1 899 Punkten pro Quartal (festgelegt in Anlage 31 b des Bundesmantelvertrags Ärzte, BMV-Ä).
  • Und schließlich die Anschubförderung für die Videosprechstunde (GOP 01451). Diese können nur Praxen abrechnen, die mindestens 15 Videosprechstunden im Quartal durchführen. Sie ist für maximal 50 Videosprechstunden pro Quartal abrechenbar und nur bis zum 30. September 2021 gültig (festgelegt in Anlage 31 b des Bundesmantelvertrags Ärzte, BMV-Ä).

Durften Praxen zunächst nur 20 Prozent ihrer Behandlungsfälle rein per Video durchführen, wurde im Rahmen der Coronapandemie diese Beschränkung komplett aufgehoben: Praxen dürfen seit dem 1. April 2020 und aktuell noch bis zum 31. März 2021 unbegrenzt viele ihrer Konsultationen per Video durchführen (wobei die oben genannten Maximalgrenzen für Technikzuschlag und Anschubförderung gelten).

Die privatärztliche Abrechnung kennt übrigens keine speziellen Ziffern für die Videosprechstunde – hier kommen die Ziffern 1 und 3 zur telefonischen Leistungserbringung zum Einsatz sowie einige andere, die keinen telefonischen Patientenkontakt erfordern.

KBV-zertifizierte Plattform

Wie können Praxen die Videosprechstunde nun konkret durchführen? Am Anfang steht die Entscheidung für einen der KBV-zertifizierten Anbieter. Eine solche Zertifizierung wird in der Anlage 31 b des BMV-Ä vorgeschrieben – die Durchführung der Videosprechstunde über andere gängige Videokonferenzplattformen (Zoom, Webex, Skype et cetera) ist nicht zulässig. Als Hardware ist die Ausrüstung ausreichend, die auch für herkömmliche Videokonferenzen eingesetzt wird: Ein möglichst großer Monitor, eine Webcam sowie ein Mikrofon oder Headset und natürlich Zugang zum Internet. Die Ausrüstung muss in einem Raum stehen, der ein ungestörtes Patientengespräch ermöglicht.

Es gibt aktuell mehrere Dutzend zertifizierte Anbieter (Link zur vollständigen Liste siehe Infokasten). Der Einfachheit halber lohnt es sich zu prüfen, ob der Anbieter des eigenen Praxisverwaltungssystems (PVS) auch eine Videosprechstundenplattform anbietet, sodass beide Systeme integriert werden können, etwa auch hinsichtlich der Terminvergabe. Wenn dies nicht der Fall ist, sollten auch unterschiedliche Preismodelle verglichen werden: Es gibt sowohl kostenlose (durch andere Angebote querfinanzierte) Dienste als auch solche, die einen Festpreis pro Monat, einen Preis pro Monat und Benutzer oder auch eine Gebühr pro einzelnem Videocall erheben. Alle zertifizierten Systeme müssen übrigens werbefrei sein.

Anzeige bei der KV

Nachdem die Entscheidung für ein System gefallen ist, müssen die Nutzung des Systems einmalig bei der zuständigen KV angezeigt werden. Es ist außerdem sicherzustellen, dass jeder Patient vor seiner ersten Videosprechstunde eine Einwilligung erteilt. Dies kann schriftlich erfolgen, einige Plattformen bieten dies aber auch digital an.

Auch die Terminvereinbarung durch Patienten kann in der Regel digital über die beauftragte Plattform erfolgen. Sowohl Patient als auch Ärztin oder Arzt loggen sich über einen von der Plattform zur Verfügung gestellten Link ein (gegebenenfalls mit Zugangscode). Patienten gelangen zunächst in ein digitales Wartezimmer und können vom Arzt in das digitale Sprechzimmer „geholt“ werden.

Während der Sprechstunde selbst ist zu beachten, dass Bild- und Tonaufzeichnungen untersagt sind – sowohl für Behandelnde als auch Patienten. Eine vollständige Dokumentation im PVS muss selbstverständlich erfolgen, genau wie bei einer persönlichen Vorstellung.

Christina Czeschik

Durchführung der Videosprechstunde

Für die erfolgreiche und gesetzeskonforme Einführung und Durchführung der Videosprechstunde sind vor allem folgende Punkte zu beachten:

  • Die Durchführung muss auf einer durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zertifizierten Plattform erfolgen, nicht mit einer herkömmlichen Videokonferenz-Software.
  • Die KBV stellt eine aktuelle Liste der zertifizierten Videosprechstundenanbieter zur Verfügung (http://daebl.de/FS82).
  • Die Patientin beziehungsweise der Patient muss vor der ersten Videosprechstunde nicht persönlich in der Praxis bekannt sein. Sie/er muss jedoch eine schriftliche Einwilligung zur Videosprechstunde abgeben.
  • AU-Bescheinigungen mit einer Dauer von bis zu sieben Tagen dürfen innerhalb der Videosprechstunde ausgestellt werden, wenn der Patient in der Praxis persönlich bekannt ist. Folge-AU-Bescheinigungen erfordern dann wieder eine persönliche Vorstellung. Die in der Videosprechstunde ausgestellte AU darf per Post verschickt oder durch den Patienten abgeholt werden.
  • Eine sinnvolle Ergänzung der Videosprechstunde wird das elektronische Rezept (E-Rezept) sein, dessen Einführung allerdings erst für Januar 2022 angekündigt ist. Bis dahin muss ebenfalls der Versand per Post erfolgen.
  • Details zur Abrechnung sind bei der KBV abrufbar (http://daebl.de/NT34). Verbindlich sind die Vorgaben der jeweils zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung. Die Gebührenordnung für Ärzte kennt keine Videosprechstundenziffern; hier sind die Ziffern zur telefonischen Beratung anzusetzen und solche Ziffern, die keinen persönlichen Patientenkontakt erfordern.

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