ArchivMedizin studieren1/2021Griechenland: Plötzlich Helfer

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Griechenland: Plötzlich Helfer

Engel, Text: Christian

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Nicht nur in in Athen, auch in Thessaloniki und auf Lesbos gibt es mehrere Ärzteteams und Kliniken für Notleidende. Fotos: Medical Volunteers International e. V.
Nicht nur in in Athen, auch in Thessaloniki und auf Lesbos gibt es mehrere Ärzteteams und Kliniken für Notleidende. Fotos: Medical Volunteers International e. V.

Der Freiburger Medizinstudent Jonathan Vogt war aufgrund der Pandemie im Winter spontan mit der Hilfsorganistion „Medical Volunteers International“ unterwegs, die jedes Jahr etwa 50 000 Notleidende in Griechenland behandelt.

Plötzlich ist Jonathan Vogt Augenspezialist. Der Medizinstudent aus Freiburg befindet sich noch keine Woche in Athen, als er in die Rolle des Optikers schlüpft und verantwortlich wird für die Sehtests der Obdachlosen und Geflüchteten. Also hebt er Sehtafeln in die Höhe, lässt mal das linke, mal das rechte Auge abdecken, ermittelt die Dioptrien und sucht die passenden Brillenmodelle heraus, die ihm eine befreundete Optikerin mitgegeben hat. Gewiss nicht die größte medizinische Aufgabe, die ein angehender Arzt meistern sollte; aber das war es auch nicht primär, was der 23-Jährige suchte, als er mit der NGO „Medical Volunteers International“ diesen Winter für sechs Wochen nach Athen flog. Er wollte einfach mal wegkommen vom ewigen Lernen am Schreibtisch, in neue Bereiche stoßen, Verantwortung übernehmen, aus der Praxis heraus Erfahrung sammeln. „In die Augennummer bin ich irgendwie reingerutscht“, erzählt Vogt. „Das hat mich dazu gebracht, mich mehr in das Thema einzulesen.“

Irgendwie reingerutscht: Da ist Kai Wittstock, 58, auch ein Spezialist für. Von einem Tag auf den anderen wird er Flüchtlingshelfer, über Nacht Lkw-Fahrer, plötzlich Krankenpfleger, schließlich Gründer einer NGO, die heute unter dem Namen „Medical Volunteers International“ (MVI) jedes Jahr 50 000 Notleidende in Griechenland behandelt – mithilfe von jährlich 500 wechselnden Ärzten, Pflegern und Studierenden aus der ganzen Welt. Mithilfe von Leuten wie Jonathan Vogt.

Ein Jahr vor der Gründung von MVI beginnt Kai Wittstock, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Es ist Spätsommer im Jahr 2015: In der Hamburger Messehalle wird eine provisorische Flüchtlingsunterkunft eingerichtet. Ganz in der Nähe arbeitet der selbstständige Kaufmann Kai Wittstock in seinem Ein-Mann-Büro und guckt in der Mittagspause einfach mal bei den neuen Nachbarn vorbei, fragt die vielen Flüchtlingshelfer, ob er was tun könne. Kurze Zeit später verbringt er jede Mittagspause dort.

Die Flüchtlingshelfer bringen kistenweise Pullis, Schlafsäcke und Medikamente nach Griechenland.
Die Flüchtlingshelfer bringen kistenweise Pullis, Schlafsäcke und Medikamente nach Griechenland.

Die Flüchtlingshelfer organisieren sich und entschließen sich im Frühjahr 2016 zu einer Hilfslieferung, nachdem sie von den Camps im griechischen Idomeni erfahren haben. Die Flüchtlingshelfer packen einen Lastwagen bis zur Decke mit Pullis, Schlafsäcken und Medikamenten voll – und fragen in die Runde: Wer fährt den jetzt nach Griechenland?

Gesucht ist eine Person, die einen Siebeneinhalbtonner fahren darf, gerne jemand, der noch einen alten Führerschein der Klasse 3 besitzt. Kai Wittstock hebt die Hand.

Und so tuckert der Brummifahrer in 18 Stunden nach Idomeni, trifft im Lager auf freiwillige Helfer, die sich über seine Ladung freuen. Kai Wittstock bleibt noch ein paar Tage – und ist plötzlich in einem Zelt als Krankenpfleger gefragt: Eine junge Frau hat gerade ihr Kind auf die Welt gebracht, ein Arzt kümmert sich um den Säugling, jemand muss aber die geschwächte Mutter versorgen. Also übernimmt Kai Wittstock, besorgt eine Decke, holt Wasser, reicht ihr Nüsse und Brot. Er unterhält sich mit dem Arzt, der freiwillig ins Lager geflogen ist, um zu helfen. Als dieser sagt, er sei in einer Woche schon wieder weg, kommt Kai Wittstock ein entscheidender Gedanke: Man müsste hier eine nachhaltige, medizinische Versorgung aufbauen. Und während im Zelt die junge Geflüchtete ihr Kind in den Arm nimmt, ist „Medical Volunteers International“ geboren.

Vier Jahre später: Der Medizinstudent Jonathan Vogt ist mit MVI nach Athen geflogen. Den Flug hat er aus der eigenen Tasche bezahlt, in der Unterkunft, in der das achtköpfige Ärzteteam untergebracht ist, darf er kostenlos wohnen. Wenn nicht gerade ein Corona-Lockdown verhängt ist, gehen die Helfer mit Rucksäcken bepackt auch hinein in die Flüchtlingscamps am Rande der Metropole. Da allerdings in der griechischen Hauptstadt ab November strenge Ausgangsbeschränkungen herrschen, fällt diese Möglichkeit weg. Die Patienten müssen sich selbst auf den Weg in die Praxis machen.

+30 694 und weitere sieben Ziffern – das ist die heilige Nummer auf den Straßen von Athen. Jeder Geflüchtete und Obdachlose kenne sie, sagt Kai Wittstock. Wer diese Handynummer mit griechischer Vorwahl wählt, kommt bei den MVI-Ärzten raus. Eine Hotline, bei der man nicht unbedingt lange Wartezeiten umgeht, aber zumindest eine medizinische Untersuchung erhält, auch wenn man nicht versichert ist, keine Aufenthaltspapiere besitzt.

Schwere Infekte, Wunden, Darmerkrankungen: Jeglicher Art von akuten Fällen nehmen sich die Mediziner von MVI an. In eigenen Praxisräumen – spärlich, aber ausreichend eingerichtet – bekommen die Patienten Medikamente verschrieben, Verbände gelegt, in schwereren Fällen wie etwa nötigen Operationen eine Überweisung zu einem Krankenhaus ausgehändigt. Viele Menschen, berichtet Student Jonathan Vogt, kämen mit Hauterkrankungen, weil die Hygiene auf den Straßen und in den Camps miserabel sei. Oder eben mit Sehproblemen, weil Brillen während der Flucht verloren oder kaputt gingen.

Wie in Athen gibt es auch in Thessaloniki und auf Lesbos mehrere Ärzteteams, Kliniken für Notleidende, Notfallnummern. Diese drei Standorte hat Kai Wittstock nach der Gründung von „Medical Volunteers International“ (das zuerst unter dem Namen „DocMobile“ lief) ab Herbst 2016 Stück für Stück aufgebaut. Einzig durch Spendengelder, wie er stolz berichtet. Er sei froh, bisher immer viele Unterstützer gehabt zu haben: zahlungskräftige Spender im Hintergrund, Ärztinnen und Krankenpfleger vor Ort, Koordinatoren in Hamburg und Griechenland, Studierende, die zum Teil ihre Famulatur dort absolvierten. Mittlerweile hat Kai Wittstock ehrenamtliche Helfer im Team, die die verschiedenen Social-Media-Kanäle betreuen, über die er stets zahlreiche neue Freiwillige anzieht.

Jonathan Vogt, mittlerweile wieder zurück in Deutschland, hatte über Freunde seiner Schwester von MVI erfahren. „Ein großartiger Teil des Medizinstudiums ist es, zwischendurch die Zeit zu haben, sich Hilfsorganisationen anzuschließen“, sagt er. „Diese Möglichkeit wollte ich mir nicht entgehen lassen.“ Umso glücklicher ist er, die sechs Wochen in Athen verbracht und von gestandenen Ärztinnen gelernt zu haben, etwa den Umgang mit Patienten: auf Menschen und ihre teils schweren Schicksale einzugehen und dennoch einen professionellen Fokus auf die Behandlung beizubehalten, seine Emotionen zu kontrollieren. Sofort würde er wieder in einem solchen Projekt mitarbeiten.

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