ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2021Impfen in der Praxis: Pragmatisches Vertrauen

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Impfen in der Praxis: Pragmatisches Vertrauen

Beerheide, Rebecca

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Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion

Politische Beobachter spitzen die Ohren, wenn folgender Halbsatz mit einer Person oder Gruppe verbunden wird: „Ich habe vollstes Vertrauen in ...“ – denn dann ist es oft so, dass es noch nicht genügend Vertrauen in die Fähigkeiten gibt, obwohl das Vertrauen an der Stelle selbstverständlich sein müsste.

Dieser Satz war in den vergangenen Wochen verdächtig oft zu hören, wenn es bei der Pandemiebekämpfung um das Thema Impfen in der Hausarztpraxis ging. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sprach immer wieder vom „Vertrauen in die Ärzteschaft“, auch viele Akteure aus dem Gesundheitssystem schlossen sich an. Die Verbände von Haus- und Fachärzten sowie Ärztinnen und Ärzten an der Basis waren fassungslos, dass sie überhaupt betonen mussten, dass Impfen in Vertragsarztpraxen eine Selbstverständlichkeit ist.

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Daher stellt sich die Frage: Wer muss eigentlich im politischen Raum überzeugt werden? Schließlich impfen Haus- und Betriebsärzte seit Jahrzehnten regelmäßig die Bevölkerung. Über alle Parteigrenzen hinweg sind es vor allem die Bundesländer, die zögern. Längere Zeit hieß es hinter vorgehaltener Hand, es sei die CDU, die in einigen Regionen bremse. Aber auch SPD-dominierte Ge­sund­heits­mi­nis­terien der Länder stehen den Öffnungen für das Impfen in den Praxen im Weg.

Die Gründe liegen nicht nur in den geringen Liefermengen: Zum einen haben die Bundesländer und die Verantwortlichen in den Kommunen seit November 2020 sich intensiv mit dem Aufbau von Impfzentren beschäftigt. In vielen Messehallen, die derzeit nicht anderweitig genutzt werden können, sind große „Impfstraßen“ entstanden. Dort werden, auch unter Beteiligung von Kassenärztlichen Vereinigungen, mit beeindruckender Präzision Tausende Menschen täglich durch den rund 60-minütigen Impfprozess geführt. Von „Impf-Event-Management“ ist da schon die Rede. Welcher Landrat, welcher Bürgermeister möchte sich dieses bildmächtige Instrument der Pandemiebekämpfung aus der Hand nehmen lassen?

Grund zwei: Es geht um die Finanzierung dieser Zentren. Anfang März hatten die Bundesländer durchgesetzt, dass Steuergeld aus dem Bundeshaushalt bis Ende September 2021 zur Finanzierung der Zentren bereitsteht. Ohne den Beschluss wären die Zentren ab Ende März nicht mehr finanziert gewesen.

Und Grund drei: Das fehlende Vertrauen der Landesregierungen in die Ärzteschaft. Wer sich das Papier, das nun beim „Impf-Gipfel“ im Kanzleramt beschlossen wurde, durchliest, könnte auf die Idee kommen, Ärztinnen und Ärzte haben noch nie in größerer Masse Menschen geimpft (Seite 605). Da wird um die Zahl der Impfdosen gefeilscht, die „ab Mitte April“ zwischen Praxen und Impfzentren aufgeteilt werden sollen. Oder es gibt Vorschläge, wie Ärztinnen und Ärzte ihre Patienten zur Impfung einladen sollen. In der Spitzenrunde aus Kanzleramt und Ministerpräsidentinnen und -präsidenten werden Fachfragen wie die Distribution von Impfstoffen, Kanülen und Spritzen erörtert. Dabei besteht die Gefahr von politischen Kompromissen, die nichts mit alltäglicher Praxisorganisation zu tun haben.

Mehr Flexibilität wünscht sich die Kanzlerin von der zweiten Phase Impfkampagne – dieser Appell kann aber nur an die Bundesländer gehen, die endlich der Ärzteschaft vertrauen sollten, welchen Patientengruppen sie den knappen Impfstoff verimpfen. Denn dafür sind Mediziner die Fachleute, nicht Politiker.

Rebecca Beerheide
Leiterin politische Redaktion

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