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ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2021Nebenwirkungen bei COVID-19-Impfung: Nicht zu früh therapieren

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Nebenwirkungen bei COVID-19-Impfung: Nicht zu früh therapieren

Lenzen-Schulte, Martina

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Paracetamol und andere fiebersenkende Schmerzmittel werden regelmäßig eingesetzt, um Impfnebenwirkungen zu behandeln. Allerdings wird diskutiert, was dies für die Wirksamkeit bedeutet.

In seinem Aufklärungsmerkblatt zur Schutzimpfung gegen COVID-19 mit Stand vom 21. Januar 2021 empfiehlt das Robert Koch-Institut (RKI) unter der Zwischenüberschrift „Wie verhalte ich mich vor und nach der Impfung?“ eigens, bei Schmerzen und Fieber nach der Impfung könnten schmerzlindernde und fiebersenkende Medikamente eingenommen werden. Paracetamol wird dabei als Beispiel genannt (1).

Fiebersenkende Schmerzmittel wie Paracetamol sind indiziert, um grippeähnliche Impfnebenwirkungen wie Fieber, Kopfschmerz, Müdigkeit und Myalgien zu kupieren. Allerdings könnten manche Patienten die angesichts der ausführlichen Berichte über die Nebenwirkungen der COVID-19-Impfung schon in vorauseilender Panik einnehmen.

Die Arbeitsgruppe um Dr. Mahyar Etminan, Pharmakologe an der University of British Columbia im kanadischen Vancouver gibt nun in einer aktuellen Publikation zu bedenken, es sei nicht bekannt, ob dies die Wirksamkeit der COVID-19-Impfungen beeinträchtigen könnte (2). Er weist auf eine viel diskutierte randomisierte Studie in Lancet hin, der zufolge die gleichzeitige Einnahme von Paracetamol zur Prävention von Nebenwirkungen bei der Impfung einer Kinderkohorte die Antikörpertiter im Vergleich zu den Kontrollen signifikant vermindert hatte (3).

Er zitiert zudem die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC), die in Einklang mit der WHO die Einnahme von fiebersenkenden Mitteln vor oder unmittelbar zur Impfung nicht empfehlen, denen zufolge jedoch in den Tagen danach nichts dagegenspreche (4).

Prof. Dr. med. Thomas Herdegen, stellvertretender Direktor des Institutes für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Universität Kiel, erklärt, dass die Frage, ob nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAR) die Impfantwort unterdrücken könnten, nicht spezifisch für COVID-19 sei, sondern für viele Impfungen gelte. Man wisse, dass Hemmstoffe der Cyclooxigenase-2 (COX-Hemmer beziehungsweise NSAR) – dazu zählt er auch Paracetamol – über die Unterdrückung der Prostaglandinsynthese die pseudogrippalen Begleitreaktionen als Nebenwirkungen einer Impfung effektiv abschwächten. Sie reduzierten ebenfalls über die Hemmung der Prostaglandinsynthese den Impftiter. „Es ist allerdings unklar, ob und wie stark eine solche Reduktion die Immunantwort klinisch relevant schwächt“, so Herdegen gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Dennoch müsse – zumindest bei Patienten mit eingeschränkter Immunantwort oder Immunisierung – im Sinne einer Pharmakovigilanz generell und auch bei COVID-19-Impfungen mit einer klinisch relevanten Abschwächung der Immunantwort gerechnet werden. Eine Arbeit aus dem Jahr 2014 zeigt für Erwachsene, dass Paracetamol nach 6 Stunden keinen Einfluss auf die Immunantwort hatte, während eine sofortige Gabe nach der Impfung diese abschwächte (5).

Eher später therapieren

„Daraus könnte man die Empfehlung ableiten, frühestens nach 6 Stunden COX-Hemmer zu geben, wenn die primären Prozesse der Immunisierung abgelaufen sind“, so der Kieler Pharmakologe. Er betont ebenso wie die Gruppe aus Vancouver, dass es bislang keine wissenschaftlichen Untersuchungen gibt, die speziell die Effekte von fiebersenkenden Schmerzmitteln – wann immer eingenommen – auf eine COVID-19-
Impfung geprüft hätten.

Im Rahmen der Moderna-Studie sei dazu nichts veröffentlicht worden. In der Pfizer-Impfstoffstudie sei zwar erwähnt worden, dass mit steigender Impfdosis auch mehr Antipyretika zum Einsatz kamen, Daten über die daraus resultierende Immunogenität wurden jedoch nicht zur Verfügung gestellt. Beim AstraZeneca-Impfstoff wurde sogar prophylaktisch mit Paracetamol behandelt. Dies habe sich den Angaben zufolge nicht auf die Immunogenität ausgewirkt, allerdings seien keine Daten zur Überprüfung bereitgestellt worden. Daher gehörten noch viele Unklarheiten auf den Prüfstand, fordern die kanadischen Wissenschaftler.

Eher keine vorbeugende Gabe

„Offen ist zum Beispiel, ob es eine sichere Latenzzeit gibt, nach der COX-Hemmer die Titer beziehungsweise die Immunantwort nicht mehr reduzieren“, erläutert Herdegen. Zudem gelte es zu klären, welche der verschiedenen Antiphlogistika sich wie auf Antikörpertiter und die Immogenität auswirkten.

Aus den bislang bekannten Fakten könnte man allenfalls ableiten, auf eine prophylaktische Gabe generell zu verzichten, wenn diese nicht zur Vermeidung einer Impfreaktion zwingend geboten seien. Ansonsten sollte man erst beim Auftreten der ersten Impfreaktionen therapieren, jedoch (wenn möglich) nicht früher als 6 Stunden nach Gabe des Impfstoffes. Und wissen sollte man, dass schnell wirksame COX-Hemmer wie Ibuprofen-Lysinat tatsächlich innerhalb von 30 Minuten wirken, aber auch nur, wenn sie nüchtern eingenommen werden. Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1221
oder über QR-Code.

1.
Aufklärungsblatt des Robert Koch-Institutes (RKI): https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Materialien/Downloads-COVID-19/Aufklaerungsbogen-de.pdf?__blob=publicationFile (last accessed on 16 March 2021).
2.
Etminan M, Sodhi M, Ganjizadeh-Zavareh S: Should Antipyretics be used to Relieve Acute Adverse Events Related to COVID-19 Vaccines? Chest 4 Feb 2021 (preproof online) doi: 10.1016/j.chest.2021.01.080 (last accessed on 16 March 2021) CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Prymula R, Siegrist CA, Chlibek R, et al.: Effect of prophylactic paracetamol administration at time of vaccination on febrile reactions and antibody responses in children: two open-label, randomised controlled trials. Lancet 2009; 374 (9698): 1339–50 CrossRef
4.
Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Vaccine Administration – General Best Practice Guidelines for Immunization: Best Practices Guidance of the Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP), https://www.cdc.gov/vaccines/hcp/acip-recs/general-recs/administration.html (last accessed on 16 March 2021).
5.
Doedée AM, Boland GJ, Pennings JL, et al.: Effects of prophylactic and therapeutic paracetamol treatment during vaccination on hepatitis B antibody levels in adults: two open-label, randomized controlled trials. PLoS One 2014; 9 (6): e98175 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Aufklärungsblatt des Robert Koch-Institutes (RKI): https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Materialien/Downloads-COVID-19/Aufklaerungsbogen-de.pdf?__blob=publicationFile (last accessed on 16 March 2021).
2.Etminan M, Sodhi M, Ganjizadeh-Zavareh S: Should Antipyretics be used to Relieve Acute Adverse Events Related to COVID-19 Vaccines? Chest 4 Feb 2021 (preproof online) doi: 10.1016/j.chest.2021.01.080 (last accessed on 16 March 2021) CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Prymula R, Siegrist CA, Chlibek R, et al.: Effect of prophylactic paracetamol administration at time of vaccination on febrile reactions and antibody responses in children: two open-label, randomised controlled trials. Lancet 2009; 374 (9698): 1339–50 CrossRef
4.Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Vaccine Administration – General Best Practice Guidelines for Immunization: Best Practices Guidance of the Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP), https://www.cdc.gov/vaccines/hcp/acip-recs/general-recs/administration.html (last accessed on 16 March 2021).
5.Doedée AM, Boland GJ, Pennings JL, et al.: Effects of prophylactic and therapeutic paracetamol treatment during vaccination on hepatitis B antibody levels in adults: two open-label, randomized controlled trials. PLoS One 2014; 9 (6): e98175 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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havaube
am Samstag, 27. März 2021, 16:55

lückenhafte Aufklärung vor Impfung

Beispielsweise der gemeinnützige Verein "Gesundheitsstadt-Berlin" veröffentlichte schon am 19. März 2021: "Schmerzmittel vor Covid-19-Impfung einnehmen ist nicht ratsam. (...) Ibuprofen, Aspirin oder Paracetamol könnten die Wirkung des Impfstoffs beeinflussen." (https://www.gesundheitsstadt-berlin.de/schmerzmittel-vor-covid-19-impfung-einnehmen-ist-nicht-ratsam-15033/)

Aber bis heute (27. März 2021) empfiehlt das RKI in seinem "Aufklärungsmerkblatt" zur Impfung gegen SARS-CoV-2 (https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Materialien/Downloads-COVID-19-Vektorimpfstoff/Aufklaerungsbogen-de.pdf?__blob=publicationFile) immer noch ohne Einschränkung: "Zur Linderung möglicher Beschwerden kann ein schmerzlinderndes / fiebersenkendes Medikament in der empfohlenen Dosierung eingenommen werden." Zumindest das Impfzentrum im früheren Flughafen Berlin-Tegel benutzt diesen Aufklärungsbogen ohne schriftliche oder mündliche Ergänzung um die Warnung vor zu früher Einnahme von fieber- oder schmerzmindernden Medikamenten.

Damit stehen das RKI und zumindest dieses Impfzentrum im Widerspruch zu Warnungen in der seriösen Laienpresse und der internationalen Fach-Literatur.

Es passt, dass es weder unter den vom RKI angebotenen Informationen für Impfwillige noch im o.g. Berliner Impfzentrum einen schriftlichen Hinweis gibt, wie Geimpfte Nebenwirkungen und ggf. deswegen erfolgte Behandlungen melden können. Das steht im Widerspruch etwa zum ausgefeilten britischen Melde-System für Patienten "Yellow Card Scheme" (https://yellowcard.mhra.gov.uk/monitoringsafety/).
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