ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2021Nierentransplantation: Balance zwischen Dringlichkeit und Erfolgsaussicht

THEMEN DER ZEIT

Nierentransplantation: Balance zwischen Dringlichkeit und Erfolgsaussicht

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Ständige Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer hat die Richtlinie für die Wartelistenführung und Organvermittlung zur Nierentransplantation überarbeitet und aktualisiert. Durch die Mitte März in Kraft getretene Novelle werden Verschiebungen zwischen einzelnen Wartelisten-Patientengruppen erwartet.

Foto: picture alliance/St. Louis Post-Dispatch Robert Cohen
Foto: picture alliance/St. Louis Post-Dispatch Robert Cohen

Obwohl in Deutschland jährlich etwa 2 000 Nieren transplantiert werden, davon mehr als 600 nach einer Lebendorganspende, ist für Prof. Dr. med. Bernhard Banas vom Universitären Transplantationszentrum Regensburg im internationalen Vergleich das Verhältnis der hierzulande verfügbaren Spenderorgane zu den benötigten Organen „katastrophal“. Während immer mehr Länder in Europa ihre Organspenderaten kontinuierlich steigern und so ihre terminal nierenkranken Patienten besser versorgen könnten, warteten in Deutschland Dialysepatienten im Normalverfahren durchschnittlich zehn Jahre auf eine Transplantation, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Viele Betroffene würden sich deshalb schon gar nicht mehr zur Transplantation anmelden. „Ende 2020 waren nur noch knapp 7 500 der insgesamt geschätzt 95 000 Dialysepatientinnen und -patienten überhaupt zur Transplantation gelistet“, berichtet er.

Anzeige

Neue Richtlinie gilt ab sofort

Jetzt hat die Ständige Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer die Richtlinie für die Wartelistenführung und Organvermittlung zur Nierentransplantation überarbeitet und aktualisiert. „Durch die Mitte März in Kraft getretene Richtlinie werden wir zwar weder mehr Spenderorgane noch weniger Wartelistenpatienten haben“, sagt Banas, der als Federführender der Arbeitsgruppe „Niere“ wesentlich an der Novellierung beteiligt war. „Es sind aber Verschiebungen zwischen einzelnen Wartelisten-Patientengruppen zu erwarten.“ Während bisher Patientinnen und Patienten zwischen 18 und 64 Jahren im Normalverfahren am längsten auf eine Transplantation warten mussten, dürften sie jetzt hoffen, etwas schneller transplantiert zu werden, so der Transplantationsmediziner.

„Wie bisher werden die Spenderorgane für Kinder und Jugendliche schneller verfügbar sein und oftmals auch besser passen.“ Bernhard Banas, Regensburg
„Wie bisher werden die Spenderorgane für Kinder und Jugendliche schneller verfügbar sein und oftmals auch besser passen.“ Bernhard Banas, Regensburg

„Die Überarbeitung der Richtlinie dient der Anpassung an den Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft und an transplantationsmedizinische Entwicklungen“, betont Prof. Dr. rer. medic. Claus-Dieter Middel, Leiter der Geschäftsstelle Transplantationsmedizin bei der Bundesärztekammer (BÄK). „Die aktuellen Änderungen betreffen Regelungen zur Allokationsreihenfolge und zur Dringlichkeit bei Nierentransplantation sowie die Regelungen zur Nierentransplantation bei Kindern und Jugendlichen“, sagte er dem .

Diese Anpassungen waren notwendig, da das Transplantationsgesetz zwar die Vorgabe macht, Organe insbesondere nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht zu verteilen, diese Begriffe jedoch nicht definiert und vor allem nicht gegeneinander abwägt. So ist für präterminal niereninsuffiziente Patienten zwar bekannt, dass eine präemptive Nierentransplantation gegenüber einer Transplantation nach Dialyseeinleitung Vorteile bietet, dennoch wird derzeit aufgrund der höheren Dringlichkeit und der eingeschränkten Verfügbarkeit von Organen die Allokation von postmortalen Spendernieren prinzipiell auf Patienten mit chronischer Dialysebehandlung bei terminalem Nierenversagen beschränkt.

„Die Dringlichkeit einer Transplantation ist bei Dialysepflichtigen deutlich höher, weil mit Eintritt der Dialysepflichtigkeit die Lebenserwartung signifikant sinkt“, erläutert Banas. Das Grundprinzip sei daher, Dialysepatienten gegenüber (noch) nicht Dialysepflichtigen zu priorisieren. „Man folgt somit dem Dringlichkeitsprinzip und kann als Erfolg verbuchen, dass man die Wartelistensterblichkeit reduziert.“

Chronische Dialysepflichtigkeit

In der nun geltenden Richtlinie ist dieses Grundprinzip nicht neu eingeführt worden, aber „es wurde viel klarer definiert, dass die Grundregel zur Listung zur Nierentransplantation die chronische Dialysepflichtigkeit bei terminalem Nierenversagen ist“, betont Banas. Zudem stelle die Richtlinie klar, dass es lediglich drei Ausnahmen mit der Möglichkeit einer präemptiven Listung gibt. Die erste Ausnahme betreffe Kinder. Diesen wolle man aus medizinischen und sozialen Gründen (Wachstum, neurologisch-geistige Reifung sowie Schulbildung) eine Dialyse ersparen. Die zweite Ausnahme stelle eine Pankreas-Nieren-Transplantation dar. Bei Typ-1-Diabetikern bestehe die Gefahr, dass sie nicht mehr von einer Transplantation profitierten, wenn bereits schwere kardiovaskuläre Komplikationen bis hin zum terminalen Nierenversagen auftreten würden. Die dritte Ausnahme seien Lebendnierentransplantationen. Hier mache es schlicht keinen Sinn, mit der Lebendspende bis zum Eintritt der Dialysepflichtigkeit des Empfängers zu warten.

Neue Regeln bei Minderjährigen

Ein weiterer Schwerpunkt der Novellierung war die Anpassung der Regelungen zur Transplantation bei Kindern und Jugendlichen. „Die Diskussion über diese Änderungen waren am schwierigsten, weil hier die Emotionalität aller Beteiligten am größten ist“, berichtet Banas. Ein irreversibles Nierenversagen bei Kindern und Jugendlichen birgt hohe Risiken für Knochenstoffwechselstörungen, Wachstumsverlangsamung und Minderwuchs sowie neurophysiologische und andere Komplikationen. Daher besteht internationaler Konsens, dass sie bei einer Nierenallokation bevorzugt zu berücksichtigen sind. Dieser Grundsatz bleibt auch in der Novelle unberührt.

Geändert hat sich jedoch die Altersgrenze für die Zuerkennung von pädiatrischen Zusatzpunkten. Sie wurde von dem 16. auf das 18. Lebensjahr hochgesetzt. „Bislang mussten Röntgenuntersuchungen der Hand erfolgen, um zu beweisen, dass Knochenwachstumsfugen noch offen sind und das Wachstum noch nicht abgeschlossen ist – diese Strahlenbelastung fällt ab jetzt weg“, erklärt Banas. Zudem wurden geschlechtsbedingte Benachteiligungen beseitigt: Mädchen hatten bislang einen Nachteil gegenüber Jungen, da sie im Durchschnitt ein bis zwei Jahre früher ausgewachsen sind, was ihnen den Zugang zur Listung im pädiatrischen Status erschwerte. Die Bonuspunkte an sich, die ab jetzt bis zum 18. Lebensjahr vergeben werden, wurden nicht verändert. „Wie bisher werden die Spenderorgane für Kinder und Jugendliche schneller verfügbar sein und oftmals auch besser passen, weil es für pädiatrisch gelistete Patientinnen und Patienten zusätzliche Punkte für Organe mit einer hohen Übereinstimmung der Gewebemerkmale gibt“, erläutert Banas. Dies sei wichtig, da gut „gematchte“ Organe weniger abgestoßen würden und junge Patienten naturgemäß eine längere Lebenszeit vor sich hätten.

Bonuspunkte zeitlich begrenzt

Ein weiterer Punkt ändert sich allerdings grundlegend: Bislang konnten Patienten, die im pädiatrischen Status gelistet waren, ihre Bonusoptionen bis weit ins Erwachsenenalter mitnehmen. Nun ist geregelt, dass die pädiatrischen Zusatzpunkte mit Vollendung des 18. Lebensjahres entfallen sowie auch die Möglichkeit zur präemptiven Aufnahme in die Warteliste.

Mit der Neuregelung werde vielmehr eine Bevorzugung derjenigen Patientinnen und Patienten vermieden, die pädiatrische Zusatzpunkte in das Erwachsenenalter übertragen durften, gegenüber Gleichaltrigen, die erst im Erwachsenenalter erkrankten und denen keinerlei entsprechende Vorteile zugebilligt werden, erläutert Dr. iur. Wiebke Abel von der Geschäftsstelle Transplantationsmedizin bei der Bundesärztekammer dem den ethisch-rechtlichen Hintergrund dieser Neuregelung.

Zudem werden die Auswirkungen auf die Gesundheits- und Entwicklungschancen von Jugendlichen mit Vollendung des 18. Lebensjahrs durch eine Transplantation nicht mehr derart positiv beeinflusst, wie dies bei jüngeren Patienten der Fall sei. Entwicklungsverzögerungen oder -schäden könnten in diesem Alter nicht mehr revidiert werden. „Ein Regelungsgrund für die Bevorzugung von Kindern und Jugendlichen bei der Nierenallokation ist damit nicht mehr gegeben“, erklärt die Juristin. Und eine prinzipielle Bevorzugung gegenüber Gleichaltrigen mit anderer Krankheitsgenese sei nicht gerechtfertigt.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Die Bekanntgabe der Bundesärztekammer unter: www.aerzteblatt.de/21530 oder über QR-Code.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote