ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2021Belastung von Weiterzubildenden: Die Pandemie als Katalysator

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Belastung von Weiterzubildenden: Die Pandemie als Katalysator

Richter-Kuhlmann, Eva

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Viele junge Ärztinnen und Ärzte bringt die Tatsache, gleich in den ersten Berufsjahren mit den außergewöhnlichen körperlichen und psychischen Belastungen einer Pandemie konfrontiert zu werden, an die persönliche Belastungsgrenze. Hinzu kommen Probleme bezüglich der Weiterbildung.

Foto: picture alliance/ASSOCIATED PRESS Jefferson Bernardes
Foto: picture alliance/ASSOCIATED PRESS Jefferson Bernardes

Die SARS-CoV-2-Pandemie beeinflusst den Alltag in den Krankenhäusern stark. So manche Station ist zur „Coronastation“ umgewidmet worden, Patientinnen und Patienten mit COVID-19 müssen von Ärztinnen und Ärzten diverser Fachdisziplinen behandelt werden. Kurz: Die Pandemie bringt multiple Belastungen mit sich – spürbar gerade auch für Ärztinnen und Ärzte in den ersten Berufsjahren. Von ihnen wird Flexibilität und Einsatz in der Klinik erwartet, während persönliche und familiäre Belastungen häufig keine Beachtung finden.

„In den Kliniken ist die aktuelle Zeit von hohem Arbeitsaufwand und persönlichem Einsatz geprägt“, erklärt Mira Faßbach, Sprecherin des Bündnisses Junge Ärzte, dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Für junge Ärztinnen und Ärzten käme noch ein weiterer Stressfaktor hinzu: „Die Weiterbildungsinhalte können derzeit nicht vollumfänglich vermittelt werden“, sagt die junge Urologin. Dies läge einerseits an der hohen Auslastung von Abteilungen aufgrund von COVID-Infektionen, andererseits an den Kapazitätsbeschränkungen im OP. „Gerade in chirurgischen Fächern können viele elektive Operationen nicht durchgeführt werden, da Betten oder OP-Säle nicht zur Verfügung stehen“, erläutert die junge Urologin. Vermutlich ließe sich das teilweise gar nicht mehr aufholen.

Foto: Patrick Daxenbichler/iStock
Foto: Patrick Daxenbichler/iStock

Schlechtere Weiterbildung

Um die Auswirkungen der Pandemie auf die ärztliche Weiterbildung mit Zahlen zu unterlegen, führte der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) im vergangenen Jahr eine Umfrage durch. „Von den 144 jungen Ärztinnen und Ärzten, die sich an der Umfrage beteiligten, gaben knapp 60 Prozent an, dass sie ihre internistische Weiterbildung während der COVID-19-Pandemie nicht gemäß der Weiter­bildungs­ordnung fortführen konnten“, berichtet BDI-Vizepräsident Dr. med. Kevin Schulte dem . Ein gleicher Anteil habe berichtet, dass sich die Weiterbildung in dieser Zeit qualitativ verschlechtert habe. So seien oft die dem Weiterbildungsschwerpunkt zugeordneten Stationen, Ambulanzen oder Funktionsbereiche verkleinert worden. Auch hätten weder interne noch externe Fortbildungen stattgefunden; geplante Rotationen – vor allem in die Funktionsbereiche – seien verschoben worden. „Die weiteren Pandemiewellen spitzen die Lage sicherlich nochmals zu“, so Schulte. 

Insgesamt wirke die Pandemie auf schon zuvor bestehende Probleme wie ein Katalysator, bestätigt Dr. med. Cornelius Weiß, Sprecher der Jungen Kammer Hessen und Sprecher des Jungen Forums im BDI, dem . Schon vorher seien die jungen Ärztinnen und Ärzte in den Kliniken außerordentlich belastet gewesen, wie Studien zeigten.

Für den 122. Deutschen Ärztetag in Münster war dies bereits 2019 ein Grund, sich intensiv mit dem Thema Arztgesundheit zu beschäftigten. Seitdem sei zwar in vielen Kliniken ein Telefon eingerichtet worden, um über Belastungen und Ängste zu sprechen – ein guter Weg, um die jungen Kolleginnen und Kollegen nicht alleinzulassen, meint Weiß. „Es ist jedoch bei Weitem nicht genug. Wir müssen die Probleme bei der Wurzel packen“, betont er. „Wir brauchen ein System, das den Belastungen einer Pandemie standhält – ohne zu riskieren, dass es für einige junge Ärztinnen und Ärzte der berühmte Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt.“

Der Druck verstärkt sich

„Im Vorfeld der Pandemie wurde seitens der Krankenhausträger und der Politik nur wenig auf die psychische Gesundheit der Krankenhausbelegschaft geachtet“, betont Schulte und verweist auf eine Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BWG) von 2017, bei der in Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg, dem Marburger Bund, dem Hartmannbund sowie mehreren Berufsverbänden Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte im Alter bis zu 35 Jahren nach ihren Belastungen befragt worden. Das Resultat: Obwohl alle maximal sechs Jahre in ihrem Beruf arbeiteten, litten bereits die meisten unter stetigen Druck. „Ich befürchte, dass sich das während der Pandemie noch verstärkt hat und viele derzeit oberhalb ihrer Belastbarkeit eingesetzt werden“, so Schulte.

 Die momentane Situation an den Kliniken sei heterogen, berichtet Max Tischler, Sprecher der Jungen Dermatologen sowie des Bündnisses Junge Ärzte, dem . Es gebe Kliniken, die Angestellte nach Kräften unterstützten, mit dieser einzigartigen Belastungssituation fertigzuwerden. „Anderseits hören wir auch von Kliniken, in denen befristete (Jahres-)Verträge von Ärzten in Weiterbildung nicht oder nur sehr kurzfristig verlängert werden.“ Dies trage nicht gerade zu einer psychischen Entlastung bei.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Resilienz bei Nachwuchsärzten

Dr. med. Cornelius Weiß. Foto: privat
Dr. med. Cornelius Weiß. Foto: privat

Junge Ärztinnen und Ärzte betonen in Umfragen, dass ihnen vor allem eine sinnstiftende Tätigkeit das Allerwichtigste ist. Deshalb kann eine Sondersituation, wie wir sie aktuell in Deutschland und der Welt haben, paradoxerweise zunächst Ressourcen mobilisieren. Das lässt sich natürlich nicht unendlich ausreizen. Dieser potenzielle psychische Raubbau an den jungen Kolleginnen und Kollegen darf auf keinen Fall einkalkuliert werden. Die Frage ist: Wollen wir ein Gesundheitssystem, dass zwar bestens motorisiert ist, aber junge Ärztinnen und Ärzte als „Brennstoff“ verbraucht? Klar sollte sein, dass man nicht einfach auf „Elektro-Ärzte“ umsteigen kann. Dr. med. Cornelius Weiß

Mira Faßbach. Foto: privat
Mira Faßbach. Foto: privat

Es ist es wichtig, dass die Arbeitgeberseite sowie Vorgesetzte echte Wertschätzung zeigen und sich um Entlastung für junge Ärztinnen und Ärzte bemühen. Auch nach der Pandemie ist es sinnvoll, mehr psychologische Beratungsangebote – und zwar nicht nur in der Intensivmedizin und der Onkologie – zu etablieren. Darüber hinaus wird gutes Teaching und Mentoring benötigt, um die Weiterzubildenden sowohl in ihrer Arztrolle als auch persönlich zu festigen. Sie müssen lernen, Patientinnen und Patienten gut einzuschätzen sowie schwierige Situationen zu reflektieren und zu verarbeiten. Dafür braucht es neben der Erlangung der fachlichen und technischen Fähigkeiten genügend Zeit und Ressourcen. Mira Faßbach

Max Tischler. Foto: privat
Max Tischler. Foto: privat

Um mit psychischen Belastungssituationen und hoher Arbeitsbelastung umzugehen, braucht es bereits in der Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte, also im Studium, Informationen und Praxisbeispiele. Reine Theorie zu diesem Thema, wie sie während meines Studiums gelehrt wurde und auch aktuell den Medizinstudierenden vermittelt wird, ermöglicht keine Resilienz. Im Alltag in Krankenhaus muss jungen Ärztinnen und Ärzten auch das Einhalten der Pausenzeiten, eine gesunde Ernährung und eine offene Kommunikation in flachen Hierarchien ermöglicht werden. Hilfreich ist zudem eine offene Fehlerkultur. Bis dies alles flächendeckend etabliert ist, ist es noch ein langer Weg. Max Tischler

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