ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2021Resilienz: Selbstschutz in der Pandemie

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Resilienz: Selbstschutz in der Pandemie

Bühring, Petra; Osterloh, Falk; Reichardt, Alina

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Die Belastungen vor allem auf den Intensivstationen werden nicht geringer. Experten erklären, wie sich Ärzte und Pflegekräfte schützen können und wie Arbeitgeber sie unterstützen sollten.

Foto: Patrick Daxenbichler/iStock
Foto: Patrick Daxenbichler/iStock

Seit Beginn der Coronapandemie vor über einem Jahr sind insbesondere Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte erhöhtem Stress ausgesetzt. Und durch die aktuell beginnende dritte Pandemiewelle rückt das Ende der Belastungen erneut in eine derzeit nicht absehbare Ferne. Mehr und mehr Ärzte warnen deshalb davor, dass die Helfer jetzt dringend selbst Hilfe benötigen, um nicht selber krank zu werden.

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„Wenn die Angebote nicht niederschwellig sind, tendieren die Menschen dazu, das Problem lieber mit sich selbst auszumachen.“ Felix Walcher, Universitätsklinikum Magdeburg. Foto: DIVI
„Wenn die Angebote nicht niederschwellig sind, tendieren die Menschen dazu, das Problem lieber mit sich selbst auszumachen.“ Felix Walcher, Universitätsklinikum Magdeburg. Foto: DIVI

Noch einige Wochen, vielleicht noch wenige Monate würden Pflegende, Ärztinnen und Ärzte in der Akut-, Notfall- und Intensivmedizin ihre Leistung vermutlich aufrechterhalten können. Bekämen sie jedoch nicht schnellstmöglich Unterstützung, könnten Politik und Gesellschaft bald vor einem existenziellen Problem stehen. So heißt es in einem aktuellen Positionspapier der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). „Patienten könnten aufgrund von Personalmangel gegebenenfalls nicht optimal versorgt werden, wenn wir uns nicht stärker um die Gesundheit des medizinischen Personals kümmern“, erklärt Prof. Dr. med. Felix Walcher, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie des Universitätsklinikums Magdeburg sowie Präsident elect und Sprecher der DIVI-Sektion Perspektive Resilienz im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ).

Zwei Fronten

Allein in der Intensivmedizin denke rund ein Drittel der Beschäftigten darüber nach, den Beruf aufzugeben. „Es kommt sehr viel zusammen“, so Walcher. Zu dem schon vor Corona permanenten Personalmangel komme nun die parallele Betreuung von COVID-19-Patienten und der ökonomische Druck von der Klinikleitung, das Operationsprogramm fortzusetzen. So fehle es an Personal an beiden Fronten. Auch die Unterstützung aus der Politik sei ungenügend gewesen. „Die unter anderem vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium angekündigten Boni, die dann nicht an alle, sondern nur an einige gezahlt wurden, waren für viele eine zusätzliche Enttäuschung und ein erhebliches Ärgernis“, erinnert sich Walcher. 

Hinzu komme die körperliche Belastung durch das dauerhafte Tragen der Schutzkleidung sowie die immense psychische Belastung durch die Pflege schwerstkranker Patienten mit hoher Sterbequote. Der wichtige Austausch mit den Kollegen könne jedoch durch die Pandemie nur sehr begrenzt stattfinden. „Die knappen Pausen, sofern überhaupt möglich, müssen aufgrund des Personalmangels häufig allein verbracht werden“, sagt Walcher. Mitarbeiter berichteten zudem, dass sie sich auch nach der Arbeit kaum noch mit Kollegen treffen, weil sie körperlich zu erschöpft seien. Teils würden die Betroffenen nach Feierabend auch noch sozial ausgegrenzt, denn auch Familie und Freunde hätten mitunter Angst vor Ansteckung. „Diese Situation ist für Außenstehende kaum vorstellbar. Es liegt nahe, dass die Mitarbeiter ausbrennen, die Gesichter erscheinen leer, frustriert, ohne Perspektive“, klagt der Mediziner. 

Angst vor einer Infektion

„Der stärkste Resilienzfaktor sind zwischenmenschliche Beziehungen, die auch Ärzte und Pflegekräfte versuchen sollten, in Coronazeiten zu pflegen.“ Harald Gündel, Universitätsklinikum Ulm. Foto: Universitätsklinikum Ulm
„Der stärkste Resilienzfaktor sind zwischenmenschliche Beziehungen, die auch Ärzte und Pflegekräfte versuchen sollten, in Coronazeiten zu pflegen.“ Harald Gündel, Universitätsklinikum Ulm. Foto: Universitätsklinikum Ulm

Die Stressoren für Ärzte und Pflegekräfte auf den Intensivstationen kennt auch Prof. Dr. med. Harald Gündel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Bis zu der Möglichkeit, sich gegen das SARS-CoV-2-Virus impfen zu lassen, sei speziell die Angst vor der eigenen Infektion zusätzlich seelisch sehr belastend gewesen, sagt er dem .

Als sehr anstrengend schilderten viele Ärzte und Pflegekräfte vor allem die Arbeitsbedingungen, die sich durch das Tragen der Schutzkleidung ergeben, betont auch Gündel. Schwer auszuhalten sei für viele darüber hinaus die Konfrontation mit dem Tod und dem Leid. „Damit ist man auf Intensivstationen natürlich immer konfrontiert – in der Schnelligkeit und in der Intensität ist das Sterben und der Tod unter Corona zurzeit aber besonders“, sagt Gündel. Auch die Gespräche mit Angehörigen seien häufig nicht einfach, weil viele sehr verzweifelt und aufgeregt seien. „Der Arzt muss die ganze Palette von schwierigen Emotionen aushalten, Gespräche führen und adäquat reagieren können“, betont Gündel.

Welche Reaktionen oder Symptome übermäßige Belastungen auf die Gesundheit von Ärzten und Pflegern haben, ist dem Psychosomatiker Gündel zufolge ganz individuell. „Die Stressresilienz ist unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Jeder hat seine eigenen Ventile und welches dann aufspringt, wenn der Stress zu groß wird, ist verschieden.“ Manche Menschen reagierten mit Erschöpfung und Gereiztheit, innerer Unruhe, Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen oder auch auf somatischer Ebene mit Schmerzen, Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen. „Die Grenzen sind fließend“, sagt Gündel.

„Einige Menschen merken auch, dass sich ihr Umgang mit anderen verändert, sie sich stärker aus sozialen Beziehungen zurückziehen oder sie schneller gereizt reagieren“, ergänzt der Psychologische Psychotherapeut Ulrich Bestle, der sich für die Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz unter anderem mit den Belastungen unter Corona für Pflegekräfte befasst.

Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Wissenschaft zunehmend mit der Erforschung der Resilienz, also der Aufrechterhaltung beziehungsweise der raschen Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen, wie es Prof. Dr. med. Klaus Lieb formuliert, der Wissenschaftliche Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung in Mainz. „Resilienz heißt also nicht, immer frei von psychischen Belastungssymptomen zu sein, sondern in der Lage zu sein, in Reaktion auf Stress und widrige Lebensumstände entweder die psychische Gesundheit aufrechtzuerhalten oder nach einer relativ kurzen Phase der psychischen Belastung in einen psychisch gesunden Zustand zurückzukehren.“

Gemessen wird die Resilienz gegenüber psychischen Erkrankungen Lieb zufolge in der Regel mit Skalen, die meist das Vorhandensein bestimmter Verhaltens- oder psychologischer Faktoren abfragen, die als sogenannte Resilienzfaktoren für das Vorhandensein oder Fehlen von Resilienz als kritisch angesehen werden. „Es gibt inzwischen eine große Anzahl von solchen Skalen, die je nach betrachteten Resilienzfaktoren, zum Beispiel soziale Kontakte, kognitive Flexibilität oder Optimismus, unterschiedliche Akzente setzen und daher nicht leicht vergleichbar sind“, sagt Lieb. Mit der sogenannten Brief Resilience Scale (BRS) werde abgefragt, wie gut und schnell sich die Befragten nach stressvollen Lebensereignissen erholen könnten. „Diese Skala bildet besser das Charakteristische der Resilienz ab“, sagt Lieb. „Grundsätzlich problematisch ist an den verwendeten Skalen aber, dass sie nicht die Dynamik über die Zeit und die psychische Belastung in der Auseinandersetzung mit einem Stressor erfassen, sondern nur zu einem bestimmten Zeitpunkt das Vorliegen von bestimmten Resilienzfaktoren abfragen.“

Chronischer Stresszustand

„Charakteristisches Merkmal der Definition von Resilienz ist, dass resiliente Menschen vor der Manifestation psychischer oder somatischer Erkrankungen geschützt sind“, erklärt Lieb. „Der dahinterliegende Gedanke ist, dass Menschen in der Regel die Fähigkeit besitzen, bei Stressoren die psychische Gesundheit mehr oder weniger schnell wieder herzustellen. Ist die Resilienz gering ausgeprägt oder sind die Stressoren besonders stark oder anhaltend, kann sich diese Fähigkeit auf Dauer erschöpfen, sodass sich ein chronischer Stresszustand einstellt, der häufig auch als Burnout bezeichnet wird. Dieser chronische Stresszustand erhöht das Risiko einer psychischen oder körperlichen Erkrankung. Je nach Veranlagung kann sich dann zum Beispiel eine Depression, eine Angststörung, eine Suchterkrankung oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung manifestieren.“

Wegfall von Stressoren

Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung hat die umfangreiche Literatur zu psychischen Belastungen der Bevölkerung in der Coronapandemie ausgewertet. „Dabei haben wir bestimmte Risikofaktoren identifiziert. Dazu gehören zum Beispiel weibliches Geschlecht und jüngeres Lebensalter, aber auch ein häufiger Medienkonsum, Sorgen und ständiges Grübeln über das Virus und Sorgen über finanzielle Auswirkungen der Krise“, sagt Lieb. Zugleich sei jedoch anzumerken, dass es auch positive Auswirkungen der Krise gebe. „In einer Längsschnittstudie haben wir gesehen, dass 80 Prozent von 500 wöchentlich befragten Probanden aus der Gesamtbevölkerung über eine insgesamt geringere psychische Belastung berichteten, die durch den Wegfall täglicher Stressoren wie zum Beispiel dem Straßenverkehr oder Auseinandersetzungen mit Kollegen bedingt war“, berichtet Lieb. „Etwa acht Prozent der Befragten zeigten jedoch nach initialer Adaption an die Krise im weiteren Verlauf eine Zunahme von Stress, psychische Belastung und Frustration.“

Ärztinnen und Ärzte schätzten ihre eigene Resilienz grundsätzlich etwas höher ein als die übrige Bevölkerung. Das liege wahrscheinlich daran, dass der Beruf eher dann gewählt werde, wenn die eigene Resilienz als eher hoch eingeschätzt wird. „Halten die Stressoren wie jetzt in der fortgesetzten Pandemie langfristig an, können aber auch resiliente Personen an ihre Grenzen kommen“, sagt Lieb.

Um die eigene Resilienz zu stärken, gebe es Strategien, die kurzfristig Entlastung schaffen können, erklärt der Psychologische Psychotherapeut Bestle. Dazu gehörten, die Ruhe zu bewahren und sich wenn möglich aus der Hochanspannung zurück in eine sichere Situation zu begeben, Emotionen zu regulieren und sich mit einer Haltung von Selbstakzeptanz und Selbstmitgefühl zu begegnen. „Von zentraler Bedeutung sind soziale Ressourcen, um auch in Zeiten mit stärkeren Anforderungen an die Psyche gesund zu bleiben, wie zum Beispiel Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, die die Belastungen kennen und mit denen man sich darüber austauschen und Lösungen entwickeln kann. „Langfristig ist es wichtig, seine individuellen Stressverstärker zu kennen und diesen gegenzusteuern“, erklärt Bestle. „Gerade in helfenden Berufen hilft es, sich auf die positiven Aspekte der Arbeit zu fokussieren und werteorientiert zu handeln. Selbstfürsorge, regelmäßiges Schlafen und ausgewogene Ernährung ebenso wie ausreichend Bewegung und Entspannung sollte in die Alltagsstruktur integriert werden“, empfiehlt der Psychotherapeut.

Bei Stress komme es zunächst zu einer funktionellen Veränderung, erklärt Gündel vom Universitätsklinikum Ulm. Wenn diese dauerhaft sei, könne daraus eine strukturelle Veränderung entstehen. Wichtig zu wissen sei, dass sich biologisch-entzündliche Veränderungen zurückbilden könnten, wenn der Stress eine Pause mache. „Jeder Mensch braucht deshalb seine persönlichen Inseln, um aufzutanken. Wichtig ist, abschalten zu können und Kraft zu tanken mithilfe beispielsweise von Meditation, Yoga, Sport oder auch Gartenarbeit“, rät Gündel. „Der stärkste Resilienzfaktor sind aber, nach allem was wir wissen, zwischenmenschliche Beziehungen, die auch Ärzte und Pfleger versuchen sollten, in Coronazeiten zu pflegen.“

Um Belastungen vorzubeugen, sei es allerdings wichtig, dass es einen Zweiklang zwischen dem Verhalten des Einzelnen und den Arbeitsbedingungen gebe. „Zunächst ist es sinnvoll, eine psychische Gefährdungs- und Belastungsanalyse oder eine Mitarbeiterbefragung durchzuführen, um herauszufinden, wie es den Mitarbeitern geht und welche Veränderungswünsche sie haben. Letztere führen wir in Ulm gerade für die Mitarbeiter auf den Intensivstationen durch“, sagt Gündel. Nach der Auswertung müsse überlegt werden, wie sich die Betroffenen zusammen mit den jeweiligen Vorgesetzten idealerweise so abstimmen, dass Veränderungen in eine unterstützende Richtung möglich werden – zum Beispiel in einem Gesundheitszirkel. „Führungskräfte sind in diesem Kontext besonders wichtig“, betont Gündel. „Das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen, ist eine echte Ressource.“ Zudem werde durch die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm eine Sprechstunde angeboten, über die Betroffene Beratungs- und Hilfsangebote erhalten.

Kaum Unterstützungsangebote

Solche Angebote durch den Arbeitgeber sind derzeit jedoch nicht die Regel. „Weniger als zehn Prozent der Krankenhäuser in Deutschland macht ihren Angestellten entsprechende Angebote“, schätzt Dr. phil. Susanne Heininger, Mitglied in der DIVI-Resilienz-Sektion und Geschäftsführerin des Vereins PSU-Akut, der Psychosoziale Unterstützung im Gesundheitswesen anbietet. Darauf lässt auch eine Befragung schließen, die PSU-Akut im Herbst 2019 gemeinsam mit dem Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) durchgeführt hat. Demnach gaben nur wenige Monate vor Beginn der Pandemie rund 76 Prozent der fast 1 400 befragten Ärzte und Pflegekräfte an, in den letzten beiden Jahren am Arbeitsplatz dramatische und emotional sehr belastende Ereignisse erfahren zu haben. Unterstützung durch den Arbeitgeber erhielten aber offenbar die wenigsten. Knapp 95 Prozent der Befragten erklärten, ihr Arbeitgeber sei nicht gut auf mögliche Extremereignisse oder emotional außergewöhnliche Ereignisse und daraus resultierende Gefühlslagen vorbereitet. Dabei wünschten sich die Betroffenen am häufigsten eine Unterstützung durch Kollegen in einem geschützten Rahmen (siehe 3 Fragen an).

„Man braucht den Kontakt zu speziell ausgebildeten Kollegen und wenn nötig auch Kontakt zu einem Psychologen“, betont auch Walcher vom Universitätsklinikum Magdeburg. „Doch wenn die Angebote nicht niederschwellig und mit viel bürokratischem Aufwand verbunden sind, tendieren die Menschen dazu, das Problem lieber mit sich selbst auszumachen. Auch die Angst, als schwach wahrgenommen zu werden oder die Kollegen durch einen Ausfall zu belasten, spiele häufig eine Rolle dabei, nicht von sich aus Hilfe zu suchen und für diese Unterstützung Zeit zu beanspruchen. So sei die Zahl der Krankheitstage bei medizinischem Personal zwar gestiegen, wie unter anderem Umfragen der AOK zeigten – in Anbetracht der momentanen Situation seien sie aber immer noch gering.

Breites Bündnis

Im Jahr 2019 war die Arztgesundheit das Schwerpunktthema des Deutschen Ärztetags in Münster. Damals appellierten die Delegierten unter anderem an Führungskräfte, Arbeitgeber und Gesetzgeber, für gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen zu sorgen. Heute fordert die DIVI in ihrem Positionspapier ein breites Bündnis an Akteuren, das „ad hoc Maßnahmen erarbeitet, definiert und umsetzt“. Daran beteiligen könnten sich laut Papier unter anderem die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der GKV-Spitzenverband, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder und der Deutsche Pflegerat. 

„Der Gesetzgeber hat eigentlich die Aufgabe, solche Angebote im Rahmen des Arbeitsschutzes zu fördern. Bisher wird diese Aufgabe aber leider nicht ausreichend wahrgenommen“, kritisiert Walcher. Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) habe das Positionspapier erhalten – mit dem dringenden Appell, schnell zu handeln. Der habe das Problem zur Chefsache erklärt und den Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, beauftragt, gemeinsam mit den Fachgesellschaften ein Konzept zu erarbeiten. „Wir hoffen, dass unser Appell nicht den Diskussionen zum Thema Lockdown, Impfverzögerung und Maskenaffäre zum Opfer fällt“, sagt Walcher. 

Petra Bühring, Falk Osterloh, Alina Reichardt

Ein Interview mit Prof. Dr. med. Klaus Lieb im Internet: www.aerzteblatt.de/n122462 oder über QR-Code.

Empfehlungen zum Schutz der psychischen Gesundheit

Die Sektionen „Perspektive Resilienz“, „Pflegeforschung und Pflegequalität“ und „Psychologische Versorgungsstrukturen in der Intensivmedizin“ der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) haben Empfehlungen erarbeitet, in denen mögliche Belastungsbereiche und Handlungsfelder zur Unterstützung der Mitarbeitergesundheit definiert werden. Wichtig seien:

  • regelmäßige, transparente, verlässliche und zielgerichtete Informationen,
  • die Stärkung der beruflichen Handlungsfähigkeit durch konkrete Handlungsempfehlungen, strukturierte Einarbeitung beziehungsweise Trainings sowie möglichst verlässliche Dienstpläne und Einsatzorte,
  • die Reduktion arbeitsorganisationsbezogener Belastungen durch gesundheitsförderliche Führungsmerkmale (Wertschätzung, transparente Kommunikation), Schaffung bestmöglicher Rahmenbedingungen der Arbeit sowie Rotation von Mitarbeitern mit hochbelastenden Aufgaben zu niedrig belastenden Aufgaben sowie
  • sekundärpräventive Maßnahmen der Belastungsbewältigung wie beispielsweise die Beachtung von Überlastungszeichen und die Schaffung von konkreten Entlastungsangeboten; auch sollten entlastende Gesprächsangebote bei psychosozialen Fachkräften vorgehalten werden. aha


Dr. phil. Susanne Heininger, Geschäftsführerin des Vereins Psychosoziale Unterstützung-Akut (PSU-Akut). Foto: privat
Dr. phil. Susanne Heininger, Geschäftsführerin des Vereins Psychosoziale Unterstützung-Akut (PSU-Akut). Foto: privat

3 Fragen an . . .

Dr. phil. Susanne Heininger, Geschäftsführerin des Vereins Psychosoziale Unterstützung-Akut (PSU-Akut)

Nur wenige Arbeitgeber sind darauf vorbereitet, ihre Mitarbeiter in extremen Stresssituationen zu unterstützen. Welche Angebote wären sinnvoll?

Viele Betroffene wünschen sich Angebote mit persönlichem Kontakt, in einem geschützten Rahmen, und kollegiale Unterstützung nach belastenden Situationen. Denn einem Kollegen muss ein Betroffener seine Situation nicht erst erklären und warum diese belastet. Die Kollegen haben all das selbst schon erlebt. Zurzeit steigt die Nachfrage nach Unterstützungsformaten und solchen sogenannten Peer-Modellen mit Kollegen. Allerdings ist es nicht damit getan, eine Ärztin oder einen Arzt auszuwählen, der sich dann um die Sorgen eines ganzen Teams kümmert. So ein Peer muss dafür ausgebildet sein und auch seine eigene Betreuung muss gewährleistet sein.

Der Verein PSU-Akut bietet beispielsweise Schulungen für Mitarbeiter an. Sie richten sich sowohl an Einzelpersonen als auch an Teams, die sich selbst um eine entsprechende Struktur bemühen möchten. Auch Führungskräfte und Personalverantwortliche können sich bei uns über Unterstützungsformate für sich selbst und ihre Mitarbeitenden informieren. Zudem bietet PSU-Akut eine kostenfreie telefonische Helpline von Kollegen für Kollegen unter der Nummer 0800 0911912 an, an die sich Ärzte und Pflegekräfte anonym bei besonderen Belastungssituationen wenden können.

Warum suchen Mitarbeiter des Gesundheitswesens nicht häufiger Hilfe?

Von Pflegenden, Ärztinnen und Ärzten, die bei der PSU-Helpline anrufen, ist immer wieder zu hören: „Ich kann jetzt nicht ausfallen, dann lasse ich die Kollegen im Stich.“ Sehr wichtig ist es deshalb, Hilfsangebote möglichst niedrigschwellig zu machen. Um Geld, Arbeitszeit und Ressourcen zu sparen, wird allerdings teils auch ganz auf ein professionelles Angebot verzichtet und Hilfesuchende werden stattdessen an die Personalabteilung verwiesen. Dort sitzen Verwaltungsfachangestellte, die mit derartigen Problemen im Zweifel gar nicht umgehen können.

Hat die Pandemie zu einem Umdenken bei den Arbeitgebern geführt?

Einige Arbeitgeber sind aufgrund der aktuellen Situation bemüht, Lösungen zu finden. So wenden sich mittlerweile zunehmend Krankenhäuser an uns, um Unterstützung bei der Implementierung von Unterstützungsangeboten zu erhalten. Die wesentliche Herausforderung ist dabei der fehlende Rahmen. Jeder versucht gerade, das Rad für sich neu zu erfinden. Wir sehen dringenden Bedarf für Koordinierungsstellen. Denn anders als im präklinischen Bereich – bei der Feuerwehr, der Polizei oder der Bundeswehr – gibt es im klinischen Bereich keinerlei Struktur für Hilfsangebote. In Bayern, wo PSU-Akut seinen Sitz hat, versuchen wir beispielsweise derzeit mithilfe der bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer eine Koordinierungsstelle aufzubauen.

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